Donnerstag, 24. Mai 2012

Die Kölner Domplatte: Artenschutzgebiet für Antisemiten?

Eine heimliche Attraktion Kölns ist die sogenannte "Kölner Klagemauer" in der Nähe des Kölner Doms ("Domplatte" wird der Vorplatz genannt). Scheinbar spontan hochgezogene Dokumentation, die über politisches Unrecht informieren soll. Scheinbar.

Vor einigen Jahre habe ich sie selbst bei einem kurzen Zwischenstopp nach Aachen gesehen. Auffallend konzentriert sich der Protest hauptsächlich gegen die Vereinigten Staaten und besonders gegen Israel. Dass sie immernoch bei dem gleichen Thema sind, zeigt ein Bericht auf der Achse des Guten. Irgendwie hat mich schon damals die alleinige Konzentration auf Israel skeptisch gemacht.

Der Begriff "Israel-Kritik" ist schon so eine Sache. Man kann den Staat entweder so kritisieren wie andere. Wenn es also zu Skandalen (z.B. in der Armee oder der Gesellschaft) kommt, muss man auch ausgleichend davon ausgehen, dass so etwas auch in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, der Türkei und in anderen Staaten passieren kann, die manche Leute seltsamerweise als "zivilisiert" bezeichnen. Oder man macht eine ganz spezielle Kritik daraus, die abgekoppelt von anderen Staaten ist. Dazu ist zu sagen, dass im Nahostkonflikt oft ein romantisch-orientalisches Bild gezeichnet wird, wenn es um die Leute selbst geht. Hochgerüstete israelische Siedler gegen edle Eingeborene (in diesem Fall Araber, die bei uns als Palästinenser bezeichnet werden), die an den Rand des Landes gedrängt werden. Dass die Israelis oft nicht diejenigen sind, die mit Raketen und Scharfschützenangriffen an der Grenze einen Streit vom Zaun brechen, wird nicht bedacht. Das ist übrigens auch der Grund, weswegen die israelischen Soldaten auch in Zivil mit ihren Waffen rumlaufen (sei es im Cafe oder im Kino). Wenn es aber dazu kommt, heißt es gleich wieder: "Daran sind die Israelis selber schuld. Breiten sich in der ganzen Gegend aus und provozieren damit die armen Palästinenser." Ob man das der israelischen Mutter des neun Monate alten Kindes erklären kann, das durch einen absichtlichen Schuss eines palästinensischen Scharfschützen in einen Kinderwagen ums Leben kam (das spielte sich übrigens in Hebron ab, das schon vor Bestehen des Staates Israel in ein arabisches und ein jüdisches Viertel aufgeteilt worden ist), ist dabei eine ziemlich interessante Frage.

 Dass es in den letzten Jahren zu immer mehr geographische Zugeständnissen von Seiten der Israels kam, um einen Dialogprozess voranzubringen, der von palästinensischer Seite immer abgebrochen wurde, wird dabei komischerweise immer vergessen. Auch die "radikalen Siedler" (wie sie in den Nachrichten oft genannt werden)  stellen nicht die vorherrschende Meinung im Staat Israel dar. Auch orthodoxe Juden werden oft von ihren eigenen Landsleuten schräg angeschaut - stellen also auch nicht die allgemeine Meinung von Israel als den wahrscheinlich einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten. Dagegen kontrollieren auf Seiten der Palästinensischen Autonomiebehörde Gruppen wie Hamas und Fatah die öffentliche Meinung, die sich gegen Israel richten - mit dem Hauptziel, ein Gebiet zurückzuerobern. Was nicht bedeuten muss, dass die gesamte Bevölkerung hinter ihnen steht. Bei Machtkämpfen vor einigen Jahren kamen 100 Zivilisten bei Kämpfen der beiden Gruppierungen um die Vorherrschaft ums Leben, ca. 600 wurden verletzt. Es kommt auch zu heute noch Hinrichtungen auf Seiten der PA, wenn jemandem angebliche Kollaborationen mit Israel "nachgewiesen " werden. Dass außerdem das Ganze von der Islamischen Republik Iran mitfinanziert wird, ist auch nicht gerade beruhigend. Und dass in diesem Raum auch die "Protokolle der Weisen von Zion" als authentische Dokumente grassieren (in der Parteicharta der Hamas, auf der Frankfurter Buchmesse 2005 beim iranischen Stand) und im öffentlichen Fernsehen erklärt worden ist, dass Juden keine Menschen sind, sondern von "Affen und Schweinen" abstammen würden, ist auch nicht gerade eine angeblich harmlose Reaktion auf "Besatzung".

In diesem Licht hat das Gedicht "Was gesagt werden muss" von Günter Grass, der von Israel als Bedrohung des Weltfriedens spricht, während er den iranischen Präsidenten Ahmadineschad nur als "Maulhelden" bezeichnet, etwas Bizarres an sich. Und ebenso auch die "Kölner Klagemauer", bei der sich diese zweite, ideologisierte "Israelkritik" leicht mit Antisemitismus mischen, also den Juden, die den Israelischen Staat darstellen (obwohl dort auch eingewanderte Palästinenser leben und sogar zuverlässige Mitglieder der israelischen Armee sind), eine genuine Aggresivtät und Gewalttätigkeit unterstellt wird, denen andere schutzlos ausgeliefert sind.

[PS 1: Habe gerade eben diesen Artikel gefunden.]
[PS2: Dass ich persönlich bei der "Kölner Klagemauer" für einen Juden gehalten worden bin, nur weil ich zum Sonnenschutz einen schwarzen Filzhut getragen habe, lasse ich mal als Randbemerkung stehen]

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