Dienstag, 29. Mai 2012

Was wir dem Islam NICHT zu verdanken haben

Habe mir gestern die neueste Ausgabe von "ZEIT Geschichte" besorgt zum Thema "Der Islam in Europa". Trotz vieler interessanter Themen (Kultur, technische Entwicklung, Missionsversuche des Raimundus_Lullus) hat das Magazin den auffallenden Unterton "zivilisierter Islam - barbarischer Westen" - obwohl man sich doch von aller Romantik enthalten wollte, wie es anfangs hieß. So bedient man sich vorherrschender Klischees, wie dem "tolenranten Islam vs arrogante Kirche". An einer Stelle wird sogar der angeblich ganz genaue Grund für die spanische Reconquista genannt: "Allein die katholische Kirche sann auf Vergeltung, denn sie sah sich entmachtet". Auch für die Vertreibung der muslimischen Gelehrten aus Sizilien muss sie herhalten, wenn von "den Klerikern" gesprochen wird (dass  damals zur Zeit der Kreuzzüge auf beiden Seiten ein starkes Misstrauen wegen der Angst vor Spionen oder Verrätern herrschte - daran dachte seltsamerweise niemand). Auch der "verdorbene Westen", der sich selbst durch sein Vorbild in muslimischen Gegenden Gefahr brachte (warum es wohl bisher noch keine europäischen Anschläge im Palästinensischen Territorium wegen der weltweit auffallend hohen Korruption dort gegeben hat, wundert mich übrigens) wird ebenso vorexerziert wie die Toleranz im Osmanischen Reich ("Unter dem Dach des osmanischen Reiches versammelten sich Angehörige aller drei monotheistischen Religionen. Fast sechs Jahre lebten sie in Frieden miteinander. Ein Modell für die Zukunft?"), die scheinbar nur durch die Bedrohung der Europäer ein Ende fand ("Seit dem Aufstand der Griechen wussten die Osmanen, dass ihr Reich von innen bedroht ist". Merkwürdig, vorher gab es keine bedrohlichen Aufstände? Zugegeben, die öffentliche Sicherheit war wohl gut geschützt). Solche Tendenzen sind ja schon seit längerem zu beobachten. Ob aus Verunsicherung über radikale Muslime (die auch  neuerdings gegen "Augenbrauenzupfer" hetzen - konnte mir ehrlich gesagt bei diesem Video nicht mehr das Lachen verkneifen) oder weil man sonst nicht weiß, wie man Muslime im eigenen Land zum Selbstbewusstsein ermuntern soll, bleibt offen. Aber auch auf der anderen Seite gibt es die Tendenz oberflächlicher Selbstbestätigung. Wie ein Video des Projektes "1001 Inventions - Muslim Hertge in our World" zeigt:


Ein wirklich sehr schön gemachtes Video, das einem viel über die Kultur in den arabischen Staaten zur Zeit des Mittelalters verrät. Das einzig Störende an der ganzen Sache ist, dass diese Kultur zum Standart für die gesamte Welt erklärt wird. Der Westen hat also alles den Muslimen zu verdanken.
Dass es bestimmte Erfindungen schon vorher gab, wird nicht so sehr beachtet (zum Beispiel die Camera Obscura, die schon zur Zeit Alexanders des Großen existierte oder mechanische Uhren mit Mehrfachfunktion - Fans der Serie "Es war einmal" wissen es besser). Und dass muslimische Gelehrte stark auf Entdeckungen aus Indien, Griechenland und Byzanz zurückgriffen (meist war es auch so, dass nichtmuslimische Arbeiter durch muslimische ersetzt worden sind, sobald diese bestimmte Techniken beherrschten. Das war auch der Grund, warum der hl. Johannes von Damaskus seinen unsprünglichen Job als Beamter verloren hat).
Dass "der Westen" alle wichtigen Erkenntnisse den Muslimen zu verdanken hat ist ebenso fraglich. Zwar wurden Schriften über Mathematik, Medizin und Philosophie (was von inzwischen auch angezweifelt wird) aus muslimisch geprägten Staaten nach Europa gebracht, doch handelt es sich um normale Kommunikation. Wenn ein Nachbar eine Entdeckung gemacht hat, informiert man sich. Mit einer Art "Abkupfern" hat das nichts zu tun, da man sich vor neuen Erkenntnissen nicht verschließen kann. Auch gab es die Problematik der Beschaffung. Zwischen muslimischen und christlichen Territorien herrschte praktisch Kriegszustand. Einfach so wichtige Entdeckungen frei zu verteilen konnte da gefährlich werden (auch Byzanz hat sich dem übrigen Westen wohl aus diesem Grund verschlossen, sodass wichtige Schriften erst nach Fall Konstantinopels durch flüchtende Griechen nach Italien kamen). Eine berühmte Anekdote erzählt von einen Mönch und einem Juden, die gemeinsam Schriften aus dem maurischen Spanien schmuggelten (Und wieder ein schönes Beispiel christlich-jüdischen Zusammenlebens;-). Warum sie diese nicht offen mit sich trugen kann man sich wahrscheinlich selbst ausmalen.
Und natürlich fällt bei der ganzen Diskussion um das "dunkle Mittelalter" die Thematik selbständiger Entwicklungen weg. Da physikalische und naturwissenschaftliche Gesetze und Effekte überall vorkommen, kann die selbe Entdeckung praktisch zu allen Zeiten in allen Kulturen gemacht werden (oder sogar gleichzeitig). Es braucht also nicht unbedingt muslimische Gelehrte, die eine Entdeckung früher als ihre Kollegen im fernen Europa gemacht haben. Es führt vielleicht zu einer Art Beschleunigung der Entwicklung, dennoch sich unabhängige Entwicklungen eher von Vorteil. Durch die eigene Beschäftigung mit dem römischen, griechischem und lokalem Erbe konnte sich im Mittelalter in Europa eine eigene Form von Bildungs-, Forschungs- und Entwicklungsindustrie herausbilden, besonders gefördert durch das Erstarken des Bürgertums und des Kapitalismus, womit eine personenunabhängige Konstante entstehen konnte (anders als in der Antike und zunehmend im Arabischen Reich des Mittelalters, als der Fall des Herrschers auch der Fall der Entwicklung bedeuten konnte). Eigenständige Entwicklungen wie die Scholastik konnten vor allen durch ihre Verständlichkeit dem Volke näher gebracht werden. (Des weiteren empfehle ich die Videoreihe "How the Catholic Church Built Western Civilisation" ). Im Video unerwähnt bleibt auch, was mit bestimmten Ideen (Camera Obscura, Flugversuche) geschah, dass man sich nicht mehr weiter damit beschäftigte. Wenn Erfindungen wie Photo, Flugzeug und Dampfmaschine direkt auf das "Goldene Zeitalter des Islams" zurückgehen sollen, warum sind diese Erfindungen erst hunderte Jahre später entstanden? Und das noch in Europa? Ungefähr bei diesem Punkt verdeutlicht sich eine Art Argumentation, die eher auf fehlenden Respekt ausgerichtet ist, als ein eigenes Handeln zu begründen. Und diese Selbstbestätigung sucht man in der Geschichte mehrerer Länder, die heute vom Verfall gekennzeichnet sind. Was zu diesem zunehmend gesellschaftlichen Verfall führte, dazu schweigt seltsamerweise jeder, dass heute noch nicht klar ist, ob die Ursache ein radikal politisiertes Religionsverständnis (siehe z.B. Salafisten) oder doch eher ein religiös aufgeladener Despotismus (siehe Wahabiten) war.

Zum Schluss nur noch die eine Anmerkung: Im Gegensatz zu der ganzen Debatte, die schon seit Jahren läuft und die eher auf politische Korrektheit und Todschlagargumete beruht, habe ich Muslime immernoch am besten durch meine ehemaligen muslimischen Klassenkameraden kennengelernt. Und ich nehme sie als Mitbürger und Freunde nicht an, weil sie andauernd irgendwelche tolle Erfindungen oder Entdeckungen machen, weil sie supertolle Leistungen hervorbringen, von denen die Geschicke der Gesellschaft abhängen, sondern weil sie in erster Linie Menschen wie Du und Ich sind.

An dieser Stelle, liebe ZEIT und lieber Herr Professor Salim Al-Hassani: 
Vielen Dank für Nichts.

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