Donnerstag, 28. Juni 2012

Alles Gute zum 300sten, Rousseau!


Morgenländer hat in "Dreihundertster Geburtstag eines Narren und Dichters" eine hervorragende Zusammenfassung geschrieben:

Vor dreihundert Jahren wurde er geboren: der geistige Vater der Französischen Revolution und Säulenheilige der modernen Demokratie, der Pädagoge und schlechte Vater, der laszive Moralist, der Salon-Panegyrist des einfachen Lebens, der arme verrückte Denker und Dichter Jean-Jacques Rousseau.

Wer wäre heute nicht versucht, ihm Steine ins Grab nachzuwerfen, diesem kindisch eitlen, verlogen aufrichtigen, rechthaberischen, sträflich ahnungslosen Pelagianer, diesem so eminent modernen Mann?

Man könnte Edmund Burke zitieren, der ihn kannte und der noch ein Jahrzehnt nach dessen Tod Gift und Galle spuckte, wenn die Rede auf den Genfer kam:
"We have had the great professor and founder of the philosophy of vanity in England. As I had good opportunities of knowing his proceedings almost from day to day, he left no doubt on my mind that he entertained no principle either to influence his heart, or to guide his understanding but vanity. With this vice he was possessed to a degree little short of madness." (A Letter From Mr. Burke To A Member Of The National Assembly, 1791)
Auch Nietzsche wusste, woran er mit Rousseau war:
"Rousseau - wohin wollte der eigentlich zurück? Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist und Kanaille in einer Person; der die moralische »Würde« nötig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung. (...) Diese Mißgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat, wollte »Rückkehr zur Natur« – wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau zurück? –   Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der welthistorische Ausdruck für diese Doppelheit von Idealist und Kanaille. Die blutige Farce, mit der sich diese Revolution abspielte, ihre »Immoralität«, geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre Rousseausche Moralität – die sogenannten»Wahrheiten« der Revolution, mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmäßige zu sich überredet." (Götzen-Dämmerung, 48, Fortschritt in meinem Sinne, 1888)
All das muss gesagt werden. Bevor wir aber über ihn den Stab brechen - was nur kann, wer nicht ahnt, wie sehr das eigene Spiegelbild dem des Verurteilten gleicht (wer sähe etwa nicht, dass gerade Nietzsche in vielem ein Jean Jacques redivivus ist) -, hören wir einmal einen seiner Landsleute, der sehr kluge und menschliche Worte über ihn gefunden hat:
"Wenn wir verstehen, was Rousseau nie verstanden zu haben scheint, dass niemand von etwas anderem als von der Vergebung leben kann, so werden wir kein Interesse daran haben festzustellen, was festzustellen hier allzu nahe liegt, dass dieser Mann sicher ein ganz besonderer Sünder gewesen sei.

Niemand gebietet uns, ihm nachzufolgen. Es dürfte in der Tat ratsam sein, dies lieber zu unterlassen. Um so weniger kann es uns geboten sein, ihm einen Stein nachzuwerfen.

Es dürfte sich sogar ernstlich fragen, ob der ihm gerecht geworden wäre, der sich nicht genötigt sähe, ihn, irgendwie mitbewegt von dem, was ihn so heftig bewegte, als eine in ihrer ganzen tragikomischen Bedenklichkeit liebenswerte Gestalt grüßen zu müssen."
 
(Karl Barth, Die protestantische Theologie im neunzehnten Jahrhundert, Zürich 1952)

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