Freitag, 15. Juni 2012

Chesterton: Alltag ist abenteuerlich, Chaos dagegen langweilig

Auszug aus "Der Mann, der Donnerstag war" von G. K. Chesterton:

[...] Gregory fuhr in rednerischem Schwung und guter Laune fort: "Ein Künstler ist dasselbe wie ein Anarchist. Man kann auch umgekehrt sagen: ein Anarchist ist ein Künstler. Der Mann, der eine Bombe wirft, ist ein Künstler, weil er einen großen Augenblick allem anderen vorzieht. Er erkennt, wie viel wertvoller das einmalige Aufflammen, der einmalige Donnerschlag einer wirkungsvollen Explosion ist als die alltäglichen Körper von ein paar nutzlosen Polizisten. Ein Künstler kümmert sich um keine Regierung, er bricht mit jeglichem Herkommen. Den Dichter erfreut nur das Chaotische. Wäre dem nicht so, dann müsste das poetischste Ding in der Welt die Untergrundbahn sein."
"Das ist es auch", bestätigte Mr. Syme.
"Unsinn!", sagte Gregory, der sehr vernünftig sein konnte, sobald ein anderer sich in Paradoxen versuchte. "Warum sehen alle Handlungsgehilfen und Kanalarbeiter, die in den Eisenbahnzügen sitzen, so verdrießlich und müde aus, so niedergeschlagen? Ich will es ihnen sagen: Weil sie wissen, dass der Zug richtig fährt; weil sie wissen, dass sie jede Station, für die sie eine Fahrkarte gelöst haben, auch erreichen werden; weil sie wissen, dass nach Sloane Square die nächste Station Victoria ist, unter allen Umständen Victoria. Oh, wie würden sie rasen vor Begeisterung, wie würden ihre Augen gleich Sternen leuchten und ihre Seelen im Paradies schweben, wenn die nächste Station unerklärlicherweise Baker Street wäre!"
"Sie sind es, der unpoetisch ist", erwiderte der Poet Syme. "Wenn das wahr ist, was sie von Handlungsgehilfen sagen, können sie nur ebenso prosaisch sein wie ihre Poesie. Ein Ziel treffen ist etwas Seltenes und Außergewöhnliches, es verfehlt aber das Durchschnittliche, Alltägliche. Eine Tat ist es, wenn einer mit einem unsicheren Pfeil einen fernen Vogel trifft. Aber ist es nicht ebenso eine Leistung, wenn einer mit einer unsicheren Maschine eine weit entfernte Station erreicht? Das Chaos ist öde, weil im Chaos der Zug tatsächlich irgendwohin gehen würde, nach Baker Street oder nach Bagdad. Der Mensch aber ist ein Zauberer, und seine Zauberei besteht darin, dass er sagt: Victoria, und siehe da, es ist Victoria. Nein, behalten Sie ihre Bücher mitsamt Ihrer Poesie und Prosa und lassen Sie mich einen Fahrplan lesen mit Tränen des Stolzes. Behalten sie Ihren Byron, der die Niederlagen der Menschheit feiert, und geben Sie mir das Kursbuch, sage ich!"
"Müssen Sie wegfahren?", fragte Gregory spöttisch.
"Ich sage Ihnen", fuhr Syme voller Eifer fort, "jedes Mal, wenn ein Zug richtig ankommt, habe ich das Gefühl, als ob er Armeen von Belagerern durchbrochen und die Menschheit abermals einen Sieg über das Chaos errungen habe. Sie behaupten voller Verachtung, es sei selbstverständlich, dass einer nach Victoria kommen muss, wenn er Sloane Square verlassen hat. Ich aber behaupte, dass in der Zwischenzeit tausenderlei Dinge geschehen könnten und dass jedesmal, wenn ich wirklich mein Ziel erreiche, den Eindruck habe, mit knapper Not davongekommen zu sein. Und wenn ich den Schaffner "Victoria" rufen höre, so klingt das für mich durchaus nicht bedeutungslos, sondern vielmehr wie der Fanfarenstoß eines Herolds, der einen Sieg verkündet. Für mich klingt daraus wirklich Viktoria, Viktoria! - ein Sieg Adams."
Gregory schüttelte sein schweres, rothaariges Haupt und lächelte etwas düster: "Selbst dann", hob er an, "stellen wir Poeten die Frage: was ist denn nun mit diesem Victoria, das sie so glücklich erreicht haben? Sie denken, Viktoria sei Neu-Jerusalem. Wir aber wissen, dass Neu-Jerusalem nichts anderes als Victoria sein wird. Ja, sogar auf himmlischen Pfade wird der Poet missgünstig sein. Der Dichter ist immer ein Empörer."
"Da hat man´s wieder!", entgegnete Syme ärgerlich. "Was ist denn da poetisch, wenn man sich auflehnt? Sie könnten ebensogut sagen ,es sei poetisch, seekrank zu sein. Krank sein ist ohne Frage eine Auflehnung. Beides zusammen und ein Rebell zu sein, mag in gewissen hoffnungslosen Lebenslagen nützlich sein, aber poetisch? Ich lasse mich hängen, wenn ich einsehe, warum kranksein und Rebell sein poetisch sein sollen. Empörung an sich ist - empörend. Es ist einfach zum Kotzen." [...]


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