Freitag, 1. Juni 2012

"Auf halbem Weg ein anständiger Mensch". Interview mit Robert Spaemann

Auf Portal zur katholischen Geisteswelt fand ich einen Link zu einem Cicero-Interview mit Robert Spaemann. Der Text ist ein Ausschnitt aus Stephan Sattlers Interviewbuch Über Gott und die Welt.


[...] Mit dem Titel „Glück und Wohlwollen“ aktualisieren Sie einen aus dem Gebrauch gekommenen Begriff, das Wohlwollen, benevolentia. Wie steht er im Zusammenhang mit der Debatte über Utilitarismus und teleologische Ethik?
Was das Wohlwollen betrifft, so ist es gestuft. Ich kann nicht allen Menschen das gleiche Wohlwollen entgegenbringen, sondern es gibt einen ordo amoris, der von Nähe und Ferne bestimmt ist. Es gibt den Nächsten und den Ferneren, wobei auch der Fernste noch als Mitglied der Menschheitsfamilie ein Verwandter ist. Mir ging es darum, diesen Aspekt gegenüber dem modernen Utilitarismus herauszuarbeiten, der sich auch teleologische Ethik nennt – damit ist natürlich keine Ethik gemeint, die der teleologischen Struktur der menschlichen Natur entspricht, sondern eine, die den folgenden Standpunkt vertritt: Handle so, dass deine Handlung den Wertgehalt der Welt optimiert. Dieses Postulat der Optimierung der Welt definiert die gute Handlung durch einen universalen Zweck, durch das „Wohl des Universums“. Nicht jede utilitaristische Ethik ist bloß am Lustgewinn interessiert. Darum spricht man auch vom „ideal utilitarianism“.

Lange Zeit haben sich katholische Moraltheologen diese utilitaristische Ethik zu eigen gemacht. Sie wollten damit der Vorstellung entgehen, dass es Gebote, vor allem, dass es Verbote gibt, die ausnahmslos gelten, man könnte auch sagen: kontextlos sind. Die Moraltheologen wollten das loswerden und plädierten deshalb für eine Ethik, in der alles nur instrumentell, unter dem Aspekt der Optimierung der Welt betrachtet wird. Das forderte mich heraus. Meine Überzeugung war: Es gibt Dinge, die der Mensch nicht tun darf und deshalb immer unterlassen muss – und für die Folgen einer solchen Unterlassung muss er keine Verantwortung übernehmen. Die Nationalsozialisten stellten einen Polizisten vor die sadistische Alternative, eigenhändig ein zwölfjähriges jüdisches Mädchen zu erschießen oder in Kauf zu nehmen, dass zehn andere Juden erschossen würden. Der Polizist schoss. Er glaubte, die Verantwortung zu haben für den Tod der anderen, wenn er nicht geschossen hätte. Anschließend landete er in der Psychiatrie. Nein, er hätte diese Verantwortung nicht gehabt. Er hatte in diesem Augenblick nur die Verantwortung für das Kind. Die sowjetischen Psychiater, die Dissidenten in psychiatrische Anstalten überwiesen, glaubten, sie hätten eine Verantwortung für die Sowjetunion, die ihrer ärztlichen Verantwortung gegenüber den Patienten übergeordnet sei. Konkrete Verantwortung kann es nur geben, wenn sie zugleich von anderen Verantwortlichkeiten dispensiert.
Warum überfordert der „ideal utilitarianism“ den handelnden Menschen?Unter normalen Bedingungen hat ein Mensch immer nur bestimmte Verantwortungen zu tragen, und er kann das nur, wenn er anderweitig entlastet ist. Nehmen wir den Chirurgen, der einem Patienten das Leben rettet. Aber die Angehörigen wünschen sich seinen Tod. Er ist ein Familientyrann, der seine Frau und seine Kinder quält. Nur: Das geht den Chirurgen nichts an. Für die Familie trägt er nicht die Verantwortung. Seine Verantwortung besteht allein darin, durch eine Operation den Patienten zu retten, und der Patient muss das Vertrauen haben können, dass der Chirurg ihn retten will. Das funktioniert aber nur, wenn der Chirurg entlastet ist und ihm keine Universalverantwortung aufgebürdet wird. In totalitären Ländern wie der vormaligen Sowjetunion wurden Dissidenten in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Ärzte wurden zu Bütteln des Regimes und hatten für den Sowjetstaat Verantwortung. Wenn wir alle unsere Handlungen messen müssten an dem, was universell für alle das Beste ist, dann könnten wir überhaupt nicht handeln.


Ebenfalls von Robert Spaemann der Aufsatz "Wer hat wofür Verantwortung?".

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen