Montag, 25. Juni 2012

Auszug aus "Der Mann, der Donnerstag war" von G. K. Chesterton

Bin letzte Woche mit dem Roman "Der mann, der Donnerstag war" von G. K. Chesterton fertig geworden. Kann es wirklich jedem Liebhaber von Chesterton und Kriminalromanen weiterempfehlen. Im Laufe des Buches wird man mit allen möglichen Überraschungen konfrontiert, die man wirklich nie in einem "normalen Krimi" erwartet hat. Typisch Chesterton eben. Nachdem ich schon einmal einen Auszug veröffentlicht habe, kommt nun ein längerer. Die Geschichte ist 1907 entstanden, manche würden also schon überrascht bis leicht schockiert sein, dass der Autor eine gesellschaftliche Situation analysiert, die erst zwanzig bis dreißig Jahre später auf dem Kontinent ausbricht:


[...]Syme, in einem entscheidenden Augenblick seiner krankhaften Besorgnisse um die Menschheit, war gekränkt durch die aufdringliche Stumpfheit des automatenhaften Beamten, der im Zwielicht wie eine bloße Masse aus Blau aussah.
„Einen guten Abend bieten sie mir?“, belferte er los. Ihr Burschen würdet noch den Untergang der Welt einen guten Abend nennen. Blicken Sie einmal auf diese blutigrote Sonne und diesen blutigen Fluss! Ich glaube wahrhaftig, Sie würden, wenn das hier mutwillig verspritztes Menschenblut wäre, immer noch gewichtig dastehen und würden Ausschau halten nach einem armen, harmlosen Landstreicher, um ihn festzunehmen. Ihr Schutzleute seid brutal gegen die Armen, aber ich könnte euch sogar vergeben, dass ihr brutal seid, wenn ihr es nicht um eurer Ruhe willen wäret.“ Der Schutzmann antwortete: „Unsere Ruhe? Sie ist nur die Ruhe des organisierten Widerstandes.“
„He?“, sagte Syme und machte große Augen.
„Der Soldat muss die Ruhe bewahren im größten Kampfgetümmel“, fuhr der Schutzmann fort. „Die ruhige Haltung einer Armee reizt ein Volk immer.“
„Guter Gott, die öffentlichen Elementarschulen!“, sagte Syme. „Das stammt sicher von dieser paritärischen Erziehung!“
„Nein“, widersprach der Schutzmann betrübt, „leider habe ich niemals ihre Vorzüge genossen. Die öffentlichen Elementarschulen kamen erst nach meiner Zeit auf. Meine Erziehung war sehr rauh und altmodisch, befürchte ich.“
„Wo wurde sie Ihnen zuteil?“, fragte Syme verwundert.
„Oh, in Harrow“, versetzte der Schutzmann.
Die Sympathien unter den Kameraden der gleichen Schule, die, mögen sie so falsch sein, doch für manche Menschen das einzig Wahre sind, kamen in Syme zum Durchbruch, noch ehe er sie kontrollieren konnte. „Aber, allmächtiger Gott“, sagte er, „Mann, Sie sollten dann doch aber kein Schutzmann sein.“
Der Angeredete seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich weiß“, bekannte er feierlich, „ich weiß, ich bin es nicht wert.“
„Aber warum gingen Sie dann zur Polizei?“, fragte Syme voll ungestümer Neugier.
„Ziemlich aus demselben Grund, weshalb Sie auf die Polizei schimpfen. Ich fand, dass der Dienst einen besonderen Ausweg bot für die, deren Besorgnisse um die Menschheit sich mehr mit den Verirrungen des wissenschaftlichen Intellekt befassen als mit den den normale und entschuldbaren, wenn auch außergewöhnlichen Ausbrüchen des menschlichen Willens. Ich hoffe, ich habe mich verständlich gemacht.“
„Wenn Sie darunter Ihre vorgetragenen Ansicht verstehen“, sagte Syme, „dann stimmt es. Aber Ihre eigene Situation ist mir noch nicht klar. Wie kommt ein Mann wie Sie dazu, in einem blauen Helm am Themseufer über Philosophie zu palavern?“
„Sie haben offenbar noch nichts von der letzten Entwicklung im Aufbau unserer Polizei gehört“, entgegnete der andere. „Ich bin überrascht davon. Wir halte nicht viel von den Gebildeten, weil diese Klasse unsere meisten Feinde stellt. Aber sie scheinen sich doch ziemlich in der rechten Geistesverfassung zu befinden. Wie wär´s? Wollen Sie sich nicht uns anschließen?“
„Worin anschließen?“, fragte Syme.
„Passen sie auf! Die Sache ist die: Der Chef einer unserer Abteilungen, einer der berühmtesten Kriminalisten in Europa, ist seit langem der Meinung, dass eine rein intellektuelle Verschwörung bald den Bestand unserer Kultur selber bedrohen wird. Er ist überzeugt, dass Wissenschaft und Kunst sich stillschweigend zu einem Kreuzzug gegen Familie und Staat verbunden haben. Er hat deshalb eine Sonderabteilung von Polizisten zusammengestellt, von Polizisten, die zugleich Philosophen sind. Ihre Aufgabe ist, den Beginn dieser Verschwörung zu beobachten, nicht nur im kriminellen, sondern auch im polemischen Sinn. Ich selbst bin Demokrat, ich kenne den Wert des einfachen Mannes, seine unverbildete Tapferkeit und Tüchtigkeit. Jedoch würde es nicht zu empfehlen sein, einen gewöhnlichen Polizisten bei einer Fahndung zu verwenden, die einer Ketzerverfolgung gleicht.“
Symes Augen wurden lebhaft vor Neugier: „Worin besteht denn dann eigentlich ihre Tätigkeit?“
„Die Arbeit des philosophischen Polizisten ist verwegener und subtiler zugleich als die des gewöhnlichen Detektivs. Dieser geht in die Kneipen, um Diebe festzunehmen; wir gehen in künstlerische Teegesellschaften, um Pessimisten herauszufinden. Der normale Kriminalbeamte entdeckt in einem Hauptbuch oder Tagebuch, dass ein Verbrechen begangen worden ist. Wir entdecken aus einer Sammlung von Sonetten, dass ein Verbrechen begangen werden wird. Wir müssen die Ursprünge jener gefährlicher Gedanken aufspüren, die schließlich die Menschen zu intellektuellen Fanatismus und intellektuellem Verbrechen treiben. Wir sind beispielsweise gerade noch zurecht gekommen, um den Meuchelmord in Hartlepool zu verhindern, und das war allein der Tatsache zu verdanken, dass unser Herr Wilks – ein strammer, junger Bursche – Triolette zu dichten versteht.“
„Glauben Sie denn wirklich“, fragte Syme, „Dass ein so enger Zusammenhang besteht zwischen Verbrechen und modernem Intellekt, wie Sie voraussetzen?“
„Sie sind nicht demokratisch genug“, antwortete der Polizist, „Sie hätten recht, wenn Sie sagten, dass unsere gewöhnliche Behandlung eines armen Teufels von Verbrecher ein ziemlich brutales Geschäft war. Ich sage Ihnen, ich leide manchmal schwer unter meinem Beruf, wenn ich mit ansehen muss, dass er eigentlich nichts anderes bedeutet als einen beständigen Krieg gegen Unwissenheit und Verzweiflung. Aber diese neue Bewegung bei uns eine ganz andere Sache. Wir lehnen die philisterhafte englischen Anmaßung ab, die Ungebildeten seien die gefährlichen Verbrecher. Wir erinnern an die römischen Kaiser. Wir erinnern an die großen Giftmischerfürsten der Renaissance. Wir behaupten, dass der gefährliche Verbrecher unter den gebildeten zu suchen ist. Wir behaupten, dass der gefährlichste Verbrecher heutzutage der sich völlig außerhalb der Gestze stellende moderne Philosoph ist. Im Vergleich mit ihm sind die Einbrecher und Bigamisten im Grunde moralische Menschen. Sie haben sich ein Ideal von Menschen gebildet, wenn auch ein falsches: Der Dieb respektiert das Eigentum, er möchte nur alles Eigentum zu seinem Eigentum machen, um es dann nur noch mehr zu respektieren. Der Philosoph hingegen kehnt das Eigentum an sich ab, er möchte den Gedanken eines persönliches Besitzes überhaupt aus der Welt schaffen. Der Bigamist respektiert die Ehe, sonst würde er sich nicht der höchst feierlichen, ja sogar kirchlichen Formalität der Ehe nterziehen. Der Philosoph dagegen verachtet die Ehe an sich. Der Mörder respektiert das menschliche Leben, er erstrebt nur eine größere Fülle menschlichen Lebens in sich selbst, indem er das, was ihm weniger lebenswert erscheint, opfert. Diese Philosophen hingegen hassen das Leben das Leben als solches, ihr eigenes sowohl als das der anderen.“
Syme schlug die Hände zusammen. „Wie wahr das alles ist!“, rief er. „Ich habe ds seit meiner Kindheit gefühlt, konnte aber niemals den Widerspruch erklären. Der gewöhnliche Verbrecher ist ein schlechter Mensch, doch er ist wenigstens sozusagen ein bedingt guter Mensch. Er sagt, er sei, sobald nur ein bestimmtes Hindernis beseitigt sei – beispielsweise ein reicher Erbonkel – bereit, das Weltall zu bejahen und Gott zu preisen. Er ist ein Reformer, aber kein Anarchist. Er will das Haus säubern, aber nicht zerstören. Allein der gemeingefährliche Philosoph begnügt sich nicht damit, die Dinge zu ändern, er will sie vernichten. Ja, die moderne Welt hat alle jene Sorten polizeilicher Tätigkeit beibehalten, die wirklich hart und schändlich sind, wie das Quälen der Armen, das Bespitzeln der Unglücklichen. Sie hat ihre würdigere Leistung, die Bestrafung mächtiger Hochverräter und mächtiger Kirchenfrevler, ganz vergessen. Die modernen sagen, wir dürfen Ketzer nicht bestrafen. Mein einziger Zweifel ist, ob wir das Recht haben, überhaupt jemanden zu bestrafen.“
„Das ist ja absurd!“, schrie der Polizist und rang seine Hände in einer Aufregung, die für Leute seines Schlages und seiner Uniform ungewöhnlich war, „das ist ja nicht zum Aushalten! Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber jedenfalls verplempern Sie ihr Leben. Sie müssten, Sie sollten in unsere Spezialtruppe gegen die Anarchisten eintreten. Ihre Armeen stehen an unseren Grenzen. Wie ein drohender Donnerschlag lauert es über uns. Versäumen Sie noch einen Augenblick, so entgeht Ihnen der Ruhm, in unseren Reihen zu stehen und vielleicht zu fallen mit den letzten Helden der Welt.“
„Das ist eine Gelegenheit, die man nicht versäumen darf, sicherlich“, pflichtete Syme bei, „nur verstehe ich die Sache noch nicht ganz. Ich weiß so gut wie einer, dass die moderne Welt voll gesetzloser kleiner Menschen und verrückter kleiner Bewegungen ist. Aber so brutal sie auch sein mögen, ein Gutes ist an ihnen: sie kommen nicht unter einen Hut. Wie können Sie von ihnen sagen, dass sie eine Armee bilden und Katastrophen verursachen können. Was ist denn dran an diesem ganzen Anarchismus?“
„Verwechseln Sie ihn nicht mit den gelegentlichen Dynamitattentaten in Russland oder Irland, die wirklich nur Vergehen irregeleiteter Menschen sind. Hier handelt es sich um etwas völlig anderes, um eine weitverzweigte philosophische Bewegung, die aus einem äußeren und einem inneren Ring besteht. Man könnte den äußeren die Laienschaft, den inneren als die Priesterschaft nennen. Ich möchte lieber jenen als die unschuldige Abteilung und diesen als die höchstschuldige bezeichnen. Der äußere Ring, die Hauptmasse ihrer Anhänger, anhält bloße Anarchisten, das heißt: Leute, die da glauben, dass Regeln und Formeln am Unglück der Menschen schuld seien. Sie sind der Meinung, dass die üblen Erscheinungen des menschlichen Verbrechens das Ergebnis jenes Systems sind, das sie erst Verbrecher nennt. Sie vertreten nicht die Ansicht, dass das Verbrechen die Strafe nach sich zieht, sie glauben vielmehr, dass umgekehrt die Bestrafung das Verbrechen erzeugt. Sie vertreten die Ansicht, dass ein Mann, der sieben Frauen verführt hat, so schuldlos auftreten dürfe wie die Blumen im Frühling, und ein Mann, der sich einen Griff in die fremde Tasche erlaubt, sich ausnehmend gut vorkommen dürfe. Deshalb nenne ich sie die unschuldige Abteilung.“
„Aha“, machte Syme.
„Ja, Darum sprechen die Leute von der „kommenden glücklichen Zeit“ vom „Paradies der Zukunft“, von „der Menschheit, die dereinst frei sein wird von der Knechtschaft des Lasters und der Knechtschaft der Tugend“ und so weiter. Und ähnlich sprechen die Menschen des inneren Kreises, die heilige Priesterschaft. Auch sie sprechen zur beifallklatschenden Menge vom Glück der Zukunft und von der endlich befreiten Menschheit. Aber in ihrem Munde- “ der Polizist senkte seine Stimme „ – in ihrem Munde nehmen diese Redensarten von Glück die Form einer schrecklichen Drohung an. Sie unterliegen keinen Illusionen, sie sind zu intelligent, um nicht zu wissen, dass kein Mensch auf dieser Erde jemals ganz frei von Kampf und Sünde sein kann. Sie denken bei ihren Worten – an den Tod. Wenn sie sagen, dass die Menschheit am Ende frei sein werde, meinen sie nichts anderes, als dass sie einen Selbstmord begehen soll. Wenn sie von einem Paradies ohne Recht und Unrecht faseln, verstehen sie darunter das Grab. Sie kennen nur zwei Ziele: zuerst die Menschheit und dann sich selbst zu vernichten. Deshalb werfen sie auch Bomben und begnügen sich nicht damit, mit Pistolen zu schießen ... Die unschuldige Gruppe ist enttäuscht, weil die Bombe nicht den König getötet hat, die hohe Priesterschaft aber freut sich, weil sie überhaupt jemanden getötet hat.“ [...]



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