Mittwoch, 13. Juni 2012

Eine ziemlich vertrackte Situation: Syrien und der Rest der Welt

Auf der Achse des Guten setzt sich Hannes Stein in seinem Artikel "Syrien: ent- oder weder" mit Argumenten für und gegen eine Intervention in Syrien aus. Was eine ziemlich vertrackte Sache darstellt:


1. Gründe, nicht in Syrien zu intervenieren:
- Es handelt sich nicht – wie Libyen – um ein paar Küstenstädte mit ein bisschen Wüste hintendran, sondern um einen richtigen, ausgewachsenen Nationalstaat mit einer funktionierenden Armee. Übrigens auch Massenvernichtungswaffen: chemische Sprengköpfe, auf Scud-Raketen montiert. Wahrscheinlich würde ein Bombardement aus der Luft nicht ausreichen. Eine Illusion zu glauben, dass das mit einem schnellen Rein-Raus ginge. Es würde Opfer unter der Zivilbevölkerung geben, also Ressentiments; man müsste das Leben von Amerikanern opfern. Am Ende stünde man mit irgendeiner Art von Armee in Damaskus und hätte den Salat.
- Die Folge einer Intervention wäre nicht, dass die Demokratie ausbricht, sondern wahrscheinlich ein allgemeines Hauen und Stechen. Die Sunniten würden die Alawiten schlachten. Es könnte zu einer Christenverfolgung kommen, die alle bisherigen Christenverfolgungen im Nahen Osten (die Pogrome gegen die Kopten in Ägypten, das Massaker an den Christen des Irak) wie einen Spaziergang aussehen lässt. Und wir – lies: Amerika – wären natürlich schuld dran. So wie wir schuld waren, als die Sunniten und die Schiiten im Irak übereinander herfielen, statt miteinander ein halbwegs funktionierendes parlamentarisch-föderales System auf die Beine zu stellen.
- Die syrische Opposition besteht aus Hohlköpfen und Muslimbrüdern. Ich weiß das zufällig, weil ich mit diesen Leuten mal in einem Zimmer gesessen habe. Die meisten Anwesenden waren Linksradikale, dann gab es da noch ein paar islamische Fanatiker, die buddhistisch lächelten. Nicht ein Anwesender hatte sich Gedanken gemacht, wie man denn nach einem „regime change“ eine Wirtschaft aufbauen könnte, die funktioniert. Nicht einer wusste etwas von Eigentumsrechten, Rechtsstaatlichkeit, Arbeitsethik.
- Die Hisbollah könnte komplett durchdrehen, wenn sie ihre Schutzmacht verliert, und alles auf Israel abfeuern, was sie hat. Die iranischen Revolutionswächter könnten ins Land strömen und Syrien aufmischen, so wie sie den Irak aufgemischt haben.

2. Gründe, doch in Syrien zu intervenieren:
- Es ist unerträglich, mit den Händen in den Hosentaschen danebenzustehen, während der junge Assad (ganz der Papi!) unter seinen Landsleuten ein Blutbad anrichtet. (Das „bleeding heart“-Argument.)
- Wer das syrische Regime stürzt, ärgert die „Islamische Repblik Iran“. Sie verliert dadurch ihren einzigen Verbündeten im Nahen Osten. (Das „F*** you“-Argument.)
- Sogar wenn dann die Muslimbrüder an die Macht kommen, ärgert das die „Islamische Republik“, den die Ikhwan besteht aus Sunniten. (Noch ein „F*** you“-Argument.)
- Wenn die Hisbollah durchdreht und Israel angreift: bitte sehr! Anders als die Fama behauptet, war Israels Krieg von 2006 nämlich ein durchschlagender Erfolg; nur wurde er leider nicht zu Ende geführt. Jetzt könnte sich eine Gelegenheit dazu ergeben. (Das „2:0“-Argument.)
- Irgendwann wird das Regime ja doch gestürzt, und dann kommt es erst recht zu einem Bürgerkrieg. Je eher die Assad-Bande ins Gras beißt, desto besser.

3. Und die Summe aus dieser Bilanz?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Es ist ein bisschen billig, der Regierung Obama jetzt vorzuwerfen, dass sie zögert. Die Sache ist objektiv schwierig. Wie bei einem chirurgischen Eingriff: Soll man schneiden oder ist das Risiko zu groß? Und immer gilt ja das medizinische Prinzip: „primum non nocere“. 

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