Dienstag, 12. Juni 2012

Luther als Talkshow-Gast

Als gemeldet wurde, dass Margot Käßmann Luther-Beauftragte für des große Reformationsjubiläum 2017 sei, haben wir schon das schlimmste von Frau Die-Pille-ist-ein-Geschenk-Gottes erwartet. So überraschte der Bericht auf kath.net nicht wirklich. Luther wäre heute ein "beliebter Gast" in Talkshows, wenn auch ein provokanter.

"Käßmann zufolge hat Luther dazu gefordert, das eigene Gewissen zu schärfen und die Aussagen von Autoritäten zu prüfen. Mit seiner Haltung "Ich stehe hier und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." könnten auch nicht-religiöse Menschen etwas anfangen. Der heutige Rechtsstaat und das Prinzip der Gewissensfreiheit hätten sich "glasklar von Luther her" entwickelt. Leider habe er die Gewissensfreiheit nicht allen anderen so zugestanden, wie er sie selbst eingefordert habe."

So weit, so gut. Aber Martin Luther wäre wohl viel lieber Moderator gewesen, damit auch wirklich nichts schief laufen würde bei den "Diskussionen". Bei den heutigen Talkshows ist das Ganze nicht wirklich anders als zur Zeit der Reformation. Bestimmte Themen werden medienwirksam so bearbeitet und aufgebauscht, damit sich überhaupt jemand dafür interessiert (habe schon mal darüber berichtet), wenn es dennoch Bedenken gibt, wird mit Verfälschungen - pardon- Verkürzungen darauf reagiert und die entsprechende Person meist zu Unrecht bloßgestellt (auch bei Theologen). Bei Martin Luther war es auch so ähnlich. Zwar gab es bestimmte  Missstände in der Kirche ( und auch anderswo), aber alles speziell auf Deutschland fokussieren und das Ganze dann einer bestimmten Person/Personengruppe in die Schuhe schieben - das ist schon eine gewaltige Medienleistung (genau, das hatten wir schon einmal letzte Woche). Ebenfalls auffällig sind die Parteibildungen innerhalb einer Show. Die Personen sind je nach Diskussionsrichtung ausgewählt, so dass auch wirklich ein einigermaßen gewünschtes Ergebnis erzielt wird. Nicht dass es so wie bei der Leipziger Disputation ausgeht:

"[...] Letzterer [Johannes Eck] widerstrebte so lange, ließ sich aber endlich dazu drängen und willigte auch in die Teilnahme Luthers, der in seinem Zwecke der Disputation aufgestellten Zwecke schon den Primat leugnete und nach flüchtigem Studium des kirchlichen Gesetzbuches erklärte, er wissen nicht, "ob der Papst der Antichrist selbst oder dessen Apostel" sei. Die Disputation fand statt am vom 27. Juni bis 16. Juli 1519 auf der Pleißenburg zu Leipzig im Beisein des Landesfürsten, Herzog Georg von Sachsen, der Luther wohlgesinnt war, weil er wie so viele andere glaubte, es handle sich um eine Bekämpfung kirchlicher Missbräuche. Sie endete mit der Niederlage Luthers, da die als Schiedsrichter bestellten Universitäten Paris, Heidelberg, Köln und Löwen nach Einsicht der Akten sich für Eck erklärten. Dieses Urteil, dem er sich zu unterwerfen vorher versprochen hatte, beantwortete Luther mit Schmähungen über die "Mördergrube". Derselbe sah sich in der Disputation, um seine Anschauung halten zu können, genötigt, offen den Primat und die Unfehlbarkeit der allgemeinen Konzilien zu leugnen. Das öffnete vielen die Augen über die Ziele seines Auftretens; Herzog Georg rückte entschieden von ihm ab, und in dessen Geheimsekretär Embser erstand Luther einen neuen tüchtigen Gegner. [...]" (Titel und Autorenname leider verloren gegangen)

Auffallenderweise nahmen an den nächsten Diskussionen, die zu seinen Gunsten verliefen, meist Sympathisanten und Freunde Luther teil. Wenn man Mehrheiten hat, dann ist man schon auf der sicheren Seite. Und jeder, der sich bisher über die Vatikanische Kurie in Rom beschwert hat, wird schnell einsehen, dass die mediale Furie nicht wirklich besser ist.
Man vergessen auch nicht die vielen Ausraster Luthers. Für den, der sich persönlich von Luther beleidigen lassen will, gibt es übrigens den Luther-Insulator.



Was soll man also von der ganzen Sache halten? Zuerst sollte man Frau Käßmann darauf hinweisen, dass es zur Zeit in der evangelisch-lutherischen Kirche schon genügend Probleme gibt, die man mit Schlachtrufen wie  "Gewissensfreiheit", "Demokratie" und "Hinterfragen von Autoritäten nicht zu lösen sind. Wie beispielsweise die Frage nach der Homosexualität innerhalb der Kirche. Auch bei den Anglikanern, die man ja größtenteils für "tolerant" gehalten hat, kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Spannungen, die das Miteinander gefährdeten, weil man sich auf keine richtige Grundlage zu diesem Thema einigen konnte. Auch ein befreundeter evangelischer Pfarrer hat bei Themen wie "Wiederverheiratung" große persönliche Schwierigkeiten, wenn er etwas tun muss, was ihm die Landeskirche vorschreibt, aber er es nicht für richtig hält. Ein bekannter hat dazu einmal angemerkt, der Pfarrer hätte dem Bräutigam, der nach einer Scheidung seine Frau noch einmal kirchlich (!) heiratete, am liebsten eine gescheuert, weil er so verantwortungs- und hirnlos mit der von Gott gesegneten Ehe umging.

Frau Käßmann, beziehen sie bitte zuerst hierzu öffentlich Stellung, bevor alles wieder in oberflächlicher Feierlaune untergeht.


Kommentare:

  1. Also den Rechtsstaat auf Luther zurückzuführen halte ich für sehr verwegen. Die kirchlichen Inquisitionsregeln waren der ernsthafte Versuch, objektivierbare Methoden zur Wahrheitsfindung zu etablieren, und die bis dato Unmöglichkeit Zeugenaussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Vorher galt nämlich immer das Leumunds- und Rudelbildungsprinzip. Wer gesellschaftlich höher stand, dem wurde geglaubt, außer er hatte einen Punkt erreicht, in dem er mehrere Neider hatte, die ihn anklagten. Dann hatte er gelitten.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Letzteres haben wir dann auch während der Reformation gehabt. Als wie die gute Frau auf so etwas kommen kann, wenn nicht aus einer übertriebenen Euphorie, kann ich mir auch nicht recht erklären.

      Löschen