Freitag, 1. Juni 2012

Moderne Streitkultur(en)

Cora Stephan auf ihrem Blog über "Die neue Menschlichkeit" beim Streit:

" [...] Die deutsche Sprache kennt viele Worte für Zwist. Hader etwa, ein dumpfer Hauch, der klingt, als hätte sich etwas tief ins Gewebe hineingebohrt und dort entzündet. Oder Zwietracht, schrill wie ein Zahnarztbohrer. Streit hingegen ist der weg ins Offene, wie das reinigende Gewitter: jeder macht seinen Standpunkt klar, und auch wenn niemand überzeugt ist – wir haben wenigstens darüber geredet. Der Respekt vor dem Gegner ist die Grundlage des Streits. Er ist nicht Feind, sondern Kontrahent, „auf Augenhöhe“, wie Politiker gern sagen, und hat, genau wie die eigene Seite, jedes Recht, seinen Standpunkt zu vertreten und zu verteidigen. Die zivile Seite dieses Respekts vor dem Gegner ist die Meinungsfreiheit. Streit im aufgeklärten Sinne fordert keine Konversion. Er ist der temperamentvolle Schlagabtausch zwischen Menschen, die Argumente haben und sich nicht, sollten die sich als schwach erweisen, auf ihren Glauben oder ihre Gefühle herausreden. Oder auf ihr eigenes Erleben. Diese Flucht aus der Logik in die reine Subjektivität galt mal als „weibisch“. Heute gilt sie als „menschlich“. Welch Fortschritt. Jede mittlere Talkshow zeigt: Wer heute im Kampf um die Definitionshoheit siegen will, kommt gänzlich ohne Argumente aus, ach was: von ihrem Einsatz ist dringend abzuraten. Am besten, man zeigt verletzte Gefühle vor. Ist nicht ein logisches Argument per se irgendwie kalt und also unmenschlich? Na bitte. Auch verallgemeinernde Schlüsse kann man auf diese Weise kontern. Was soll mir eine Statistik oder eine Durchschnittsgröße, wenn ich persönlich die Realität doch ganz anders wahrnehme? Fühlen und Glauben, das bringt Szenenapplaus. „Ich glaube“ und „ich fühle“ sind die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt, die den Gegner erledigen, bevor er auch nur Gehör gefunden hat. Was muss ich auch wissen, was der andere denkt und sagt, wenn ich ihn eh nicht leiden kann? [...]"

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