Donnerstag, 14. Juni 2012

Noch eine abendländische Erfindung: Der Kompass

Nachtrag zu drei ähnlichen Postings:

"Reisen war auch im Mittelalter eine Wissenschaft für sich. Wer größere Entfernungen überbrücken wollte, informierte sich anhand von Landkarten, die Grenzverläufe, Küstenlinien und Wegmarken wie Berge, Buchten, Flussmündungen oder Leuchttürme aufzeigten, und wer bei Nacht auf hoher See unterwegs war, orientierte sich an den Sternen. Aber welchen Weg sollte man wählen, wenn es so nebelig war, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte, oder Wolken die Sterne verdeckten?
Die Antwort auf diese Fragen war die Erfindung des Kompasses, über den Alexander Neckham [Kanonikus bei den Augustiner-Chorherren, ab 1213 Abt von Cirencester/Gloucestershire] um 1187 in seinem Buch mit dem Titel "Über nützliche Sachen" berichtete. Das nützlichste Utensil, das Alexander auf seinen Reisen kennengelernt hatte, war eine magnetisierte schwimmende Nadel, die von Seeleuten verwendet wurde, wenn der Polarstern gerade mal nicht zu sehen war. Die europäische Variante des zuverlässigen Wegweisers wurde, so ist man heute überzeugt, unabhängig von dem 100 Jahre zuvor erfundenen chinesischen Kompass entwickelt und geht nicht auf die ansonst technisch höchst innovativen Araber zurück, die erst 100 Jahre nach Alexander Neckhams Erwähnung einen nassen Kompass verwendeten.
Grundsätzlich war die Tatsache, dass sich Splitter von Magneteisenstein in die Nord-Süd-Richtung drehen, in Europa breits seit der griechischen Antike bekannt, in China war man sich dessen seit der Zeit der Streitenden Reiche bewusst. Ab dem 11. Jahrhundert benutzten die Chinesen den Südweiser, einen nassen Kompass, der im Laufe der Zeit immer weiter spezialisiert wurde. Die Einteilung in Himmelsrichtungen bzw. Erdzweige wurde von anfangs 24 auf 64 erweitert und ihre Differenzierung von Shen Kuo Anfang des 11. Jahrhunderts beschrieben. Der erste trockene Kompass, bei dem die bewegliche Magnetnadel auf einem Stift befestigt war, wird von Petrus Peregrinus de Maricourtin seiner Epistula de magnete erwähnt. Sein Erfinder soll Flavio Gioia aus Amalfi gewesen sein. Er war Seefahrer, ebenso wie seine Kollegen, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Magnetnadel mit der Windrose kombinierten. Eine weitere Optimierung erfolgte wenig später durch den Einbau von Kompassnadel und Windrose in ein wetterfestes Gehäuse, das auf den Schiffen befestigt werden konnte und durch seine im Vergleich zu der instabilen nassen Kompasskonstruktion wesentlich höhere Genauigkeit überzeugte. Eben die wurde durch eine Idee Leonardo da Vincis noch weiter gesteigert. Der findige Konstrukteur schlug nämlich vor, den Kompasskasten in eine kardanische Aufhängung zu integrieren, was ab 1534 geschah.
Diese von äußeren Einflüssen unabhängige Form verbreitete sich im Laufe des 16. Jahrhunderts durch die grenzüberschreitende Schifffahrt in ganz Europa und darüber hinaus. Spanier und Portugiesen teilten die Freude an dem hilfreichen Navigationsinstrument nämlich mit ihren chinesischen Geschäftspartnern, die die Erfindung den Chinesen vermittelten, wodurch der technisch verbesserte Kompass nun wieder im Land seiner frühesten Erfindung angekommen war.
In Europa wurde der Kompass außer in der Seefahrt auch im Bergbau eingesetzt, um sich unter Tage zu orientieren, wie Ulrich Rühlein von Calw in seinem Bergbüchlein schreibt."


[Quelle: "Große Erfindungen - Der Kompass" von bast. Erschienen in "Karfunkel - Zeitschrift für erlebbare Geschichte" Nr. 100, Juni-Juli 2012. S.49]

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