Dienstag, 19. Juni 2012

Terry Pratchett und der Sprung von der Scheibenwelt. Ein Blick in den Abgrund

Im Magazin liberal - Debatten zu Freiheit erschien unter der Kategorie "Grenzbereiche der Freiheit" ein Aufsatz von Terry Prachett. Bekannt ist er durch seine verrückte Fantasy-Reihe "Scheibenwelt" geworden. Er selbst wurde ebenfalls durch seinen typisch britischen Humor bekannt und erscheint meist sogar fantastischer und widersprüchlicher als seine unsichtbaren Zauberer, die an einem Sportwettbewerb teilnehmen oder die Riesenschildkröte, auf deren Rücken seine fantastsische Scheibenwelt liegt. So gesehen ist auch der Bericht zum Thema Sterbehilfe in dieses gewöhnungsbedürftiges Genre einzuordnen.

 "Wir sind dumm. Das letzet Jahrhundert hindurch waren wir so erfolgreich in der Kunst des Längerlebens, dass wir vergessen haben, wie man stirbt. ..."

Fängt mal gut an.

"... Zumindest dachte ich das bis zum 20. September 2009. Seitdem habe ich Hoffnung. Die Hoffnung, springen zu können, bevor die Krankheit mein Gehirn auffrisst und ich meine bösartige Nemesis in ihren Untergang stürzen kann, so wie Sherlock Holmes und Professor Moriarty im Kampf miteinander verschlungen den Wasserfall hinunterstürzten.
In jedem Fall verleiht einem dieses Denken ein wundervolles Gefühl von Macht: der Feind könnte zwar gewinnen, aber er wird nicht triumphieren. [...]"

Seit 2007 ist bekannt, dass Prachett an Alzheimer leidet. Die Krankheit wirkt sich auch auf seinen Beruf aus, denn wegen Schwierigkeiten beim Maschinenschreiben ist er nun auf eine Spracherkennungssoftware angewiesen. Einerseits setzt er sich für eine intensivere Erforschung der Demenzkrankheit ein (er unterstütze den Alzheimer Research Trust mit einer Millionen Dollar), andererseits - und das ist das Widersprüchliche daran - setzt er sich stark für eine Legalisierung der Sterbehilfe in Großbritannien ein. Für BBC drehte er den Film Terry Prachett: Choosing to Die, bei dem er zwei unheilbar Kranke auf ihrem Weg zur Sterbehilfegruppe Dignitas in der Schweiz begleitet.

Im liberal-Bericht kommt er einerseits auf die Verzweiflung des Suizids zu sprechen ("Ich hasse des Begriff "begleiteter Selbstmord". Ich habe die Folgen zweier Selbstmorde miterlebt und war als Journalist bei zu vielen gerichtsmedizinischen Untersuchungen anwesend. [...] Selbstmord ist Angst, Scham, Verzweiflung und Trauer. Er ist Wahnsinn."), andererseits auf den Mut solcher Leute, die dafür in das Ausland gehen, weil es ihnen im eigenen Land nicht möglich sei ("... scheinen mir mit einer zornigen Vernunft gesegnet zu sein."). Er weist einerseits auf die Chance hin, dass anderen geholfen werden könne, wenn man sich selbst zurücknimmt (er erinnert sich an einen todkranken Jungen, den er auf einer Fantasy-Messe kennenlernte und der kurz darauf starb), andererseits gibt er sich nicht einmal selbst die Chance zum Weiterleben.

Dass er damit einen Dammbruch verursachen könne? Nein, eine Legalisierung bedeutet keine "Verpflichtung zum Sterben" von Seiten des Staates an die Bürger. Ob es da nicht Menschen gibt, die das ausnutzen, um andere zum Sterben zu drängen? So was kann durch "weise" Juristen mit viel Lebenserfahrung verhindert werden. Er kenne persönlich viel davon. Diese Bemerkungen zeugen von einer ordentlichen Portion Common Sense und persönlicher Vernünftigkeit, verkennen jedoch naiv die Tragweite dieser Diskussion. Ein Staat (dieser lässt ja die Legalisierung zu) ist keine Dorfnachbarschaft, wo sich jeder kennt - er muss feste Regeln aufstellen, die Missbräuche verhindern, was bei der Sterbehilfe besonders oft der Fall sein könnte, da sich damit Mord leicht vertuschen lässt und eine Eindeutigkeit einer Entscheidung für das Sterben bis zum Durchzug des Suizids immer wieder in Zweifel gezogen werden kann. Und es gibt nicht nur nette Juristen, die einem wirklich helfen, sondern auch auf Profit ausgerichtet sind oder tatsächlich versuchen, am Gesetz herumzumonieren (vergleiche Roger Kusch). Auch bei den netten Krankenschwestern die ihren Patienten "die Richtung in den Himmel weisen", indem sie ihnen heimlich ein Kissen ins Gesicht drücken, ist man sich nie sicher, ob sie wirklich rational handelten, vielleicht Opfer eines falschen Mitleids wurden oder im schlimmsten Fall von einer dritten Person dazu angestiftet worden sind.

Hat Pachett die Wirklichkeit aus den  Augen verloren, lebt er sogar in seiner eigenen problemlosen Phantasiewelt? Könnte man beim ersten Lesen vermuten. Beim zweiten Mal kommt einem dann ein noch furchtbarerer Gedanke: Er hat einfach nur panischer Angst vor dem Alzheimer. Mit "einfach" meine ich an dieser Stelle nicht "harmlos", sondern dass diese Angst ihn psychisch und geistig so im Griff hat, dass eine kritische Auseinandersetzung nicht mehr möglich ist - auch wenn man es ihm nicht anmerkt. In einer Gesellschaft, in der die Persönlichkeit alleine auf Leistung aufgebaut ist, bekommt man Angst, diese Fähigkeiten eines Tages einbüßen zu müssen. Das trifft besonders auch für Leute zu, die den Lebenssinn des Menschen darin sehen "dem Universum zu erklären, was es ist". Dass es nicht notfalls bei Behinderung in etwas Sinnloses abgleitet, sondern die Welt und der Sinn am Leben auch ohne ständiges Werken und Erklären weiterbesteht, übersieht man hier leicht. Wenn er sich wünscht, alleine zu sterben, hat er vielleicht niemanden, der sich auch im Falle der Demenz um ihn kümmern kann oder kann er es aus irgendeinem Grund nicht zulassen? Wenn er nette Juristen und Krankenschwestern kennt, kennt er dann nicht auch Freunde, die in ihm die Lebensfreude erhalten können?

Diese Fragen müssen wohl wie so vieles bei Terry Pratchett unbeantwortet bleiben. Nehmen wir ihn in unser Gebet auf. Der Herr kann die Herzen der Menschen bewegen. Auch wenn sie noch so verzweifelt erscheinen.


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