Donnerstag, 28. Juni 2012

Universelles Leben: Nobody expects the German Inquisition!

Jetzt wird es ausnahmsweise noch mal so richtig düster. Seit längerer Zeit empfange ich neben "BBC Parliament" und "Al-Dschasira" auch den Sender "Die Neue Zeit", eine Produktion der Sekte Universelles Leben. Eigentlich kann die ja nicht weiter beachten, doch zappe ich da mal spaßhalber öfters rein, wenn es mir nach einem leichten Grusel ist. Und den bekommt man auch (man sehe sich das Programmheft kurz an).
Zuerst wird in feinster Stephen-King-Manier eine harmlose Kulisse aus Tierfilmen, Werbung für gesunde Lebensweise (vegetarisches Essen, Steinmühlenbrot, Gesundheitsuntersuchungen, Altersheim) und Kinderprogramm aufgebaut. Ab und zu auch mal "Lassie", die Zuschauer sollen ja nicht abhauen.
Und dann gibt es die "Info-" und "Diskussionssendungen". Denn Universelles Leben hat eine eigene "Prophetin der Jetzt-Zeit", nämlich Gabriele. Seit 1971 hört sie Gott und sagt anderen, wie man als "Urchrist" leben muss. Ungefähr 2000 Jahre nach Gründung der Kirche, die nach ihrer Meinung natürlich nie gegründet worden ist. Damals warnte sie noch vor Russen, die bis zum Jahr 2000 in den Westen einfallen und ein Dritter Weltkrieg auslösen würden. Auch von UFOs war auch mal die Rede. Heute hat man sich eher auf ein naturverbundenes Leben beschränkt. Und seit 1990 auf die Lehre vom "Universalen Gesetz", das in den Sendungen als wirkliche Botschaft Christi vermittelt wird.
Für Außenstehende wird die Sache jetzt amüsant. Besonders weil die Vorträge stark propagandistische Züge annehmen, wenn es daran geht, die Evangelische und die Katholische Kirche (seltsam, wo sind denn die Orthodoxen?) als menschenverachtende Institutionen darzustellen. Den Vorgang hat man sich ungefähr wie bei der Spanischen Inquisition vorzustellen. Mindestens zwei bis vier Personen vom Universellen Leben sitzen in einem Stuhlkreis zusammen und "diskutieren" - indem sie von den Spickzetteln ablesen. "Gabriele, Gottes Prophetin der Jetzt-Zeit, sagt dazu..." - alle Köpfe wenden sich zum Vortragenden, die Augen zwanghaft aufmerksam geöffnet. "Was macht die Kirche? Man sieht doch, dass sie die gute und wahre Lehre Jesu, des Christus, verfälscht hat..." wieder wenden sich die Köpfe um, Augen aufmerksam offen, öfters mal ein urteilendes Kopfnicken. So richtig lustig wird es, wenn es alle gemeinsam tun. "Warum brauchen wir denn eine Kirche aus Stein, wenn doch Gott in jedem von uns ist?" Weil es auch mal regnet, du Vollpfosten.
Dauerthemen sind bei "Die neue Zeit" besonders Kritik am Fleischverzehr, Vegetarismus, Reinkarnation und die Verbrechen der Kirchen. Ganz genau, DER Kirchen, weil sie von der evangelischen auch nicht anerkannt werden. Und wie böse die Kirche ist, wird jedes Mal bewiesen. Zur Inquisition gibt es eine eigene Sendereihe, Pius XII. wird dauerangeklagt (obwohl in der Zwischenzeit schon das Gegenteil als erwiesen gilt) und die Institution wird auf die Themen "Geld und machtgeile alte Herren in Frauenkleidern" reduziert. Und was so richtige Kirchenkritiker sind, muss auch ordentlich auf den Papst eingedroschen werden! Der ist natürlich für die Vertuschung der Missbräuche verantwortlich (dafür braucht man nicht mal mehr Beweise), für Tierquälerei und Naturkatastrophen, denn der Segen der "Priesterkaste" bringt ja Unglück. Warum passierten die letzten Tsunamies denn ausgerechnet nach Weihnachten, an dem ja der Päpstliche Segen gegeben wird? Ach so, und die Gebete für einen verstorbenen "Heiligen Vater" sollen dessen Reinkarnation in der selben Gesellschaftsgruppe garantieren, den Gläubigen wird also auch Energie entzogen. Man hat sogar mal eine Anzeige gegen ihn in Den Haag gestellt worden. Vor allem aber verzeiht man den Nicht-Urchristen ("Nennen sie sich katholisch. Nennen sie sich lutherische. Aber nennen sie sich nicht christlich.") eine Sache nicht: Dass sie eine andere Bibel haben. Denn - das weiß Gabriele ganz genau - die anderen Bibeln sind alle von der Kirche gefälscht worden, vor allem durch den "Kirchenvater" Hieronymus. Deshalb müssen alle, die das Universelle Leben kritisieren, böse sein.
Doch trotz ihrer Mühen, den ganzen Anklagen einen "wissenschaftlichen" Anstrich durch Zitate aus "Kriminalgeschichte des Christentums" von Karlheinz Deschner und Horst Herrmann und Einladungen des Kirchenkritikers Hubertus Mynarek (1972 wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen), schimmern immer wieder Widersprüche und offene Aggressionen durch, die gegen diejenigen wüten, die sich nicht von ihrer künstlichen Empörung anstecken lassen. Wie soll man denn auch, wenn andauernd Sätze wie "Das ist ja ungeheuerlich" oder "Warum tut niemand etwas dagegen?" mit einer fast schon komischen Gleichgültigkeit runtergeleiert werden? Auch die Zusammenmischung von Arianismus, Manichäismus, Katharern und diversen anderen Häresien, die man sogar namentlich nennt, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Vor allem wenn man durch ihr Auftreten und das Bekämpfen von Seiten der katholischen Kirche eine Bestätigung der eigenen Position sehen will.
Vor allem sticht die Lehre vom "Universellen Lebensgesetz" hervor. Es kommt nicht nur von Gott, dem angeblich "liebenden Vater", sondern er selbst ist es auch. Auch Jesus Christus soll als (lediglicher) "Weisheitslehrer" exakt das gelehrt haben, was 2000 Jahre später Gabriele wieder frisch wiedergegeben hat. [Seltsam an dieser Stelle. Warum meldet sich Gott erst nach 2000 Jahren wieder zurück?] Vor diesem "Gesetz" hat man seine Taten in Form des "Karmas" zu verantworten. Wer nicht dem Gestz entsprochen hat, hat im nächsten Leben mit Problemen zu rechnen oder kommt auf einen "Reinigungsplaneten". Und wird dann in einem problematischen Leben wiedergeboren. Esoterik in reinster Form. Keine Sorge, Gott macht keine Fehler. Er IST ja das Gesetz - und das Gesetz funktioniert zuverlässig wie eine Guillotine. [An dieser Stelle wiederum seltsam, dass zu den Mitgliedern meist Gutverdiener und -vermögende gehören. Haben gnostische Sekten so an sich.]

An dieser kann es also niemanden mehr wundern, warum die Menschen lieber in der evangelischen und der katholischen Kirche bleiben wollen, als sich so etwas anzutun. Vor allem bei dem, was Aussteiger berichten.



Kommentare:

  1. Peter's Zeichnung paßt dazu! Aber ich kenne die Auflösung der Zeichnung:

    Christus vincit!
    Christus regnat!
    Christus imperat!

    AntwortenLöschen
  2. Diese Sekte drängt ja auch verstärkt in den Biomarkt und hat in einigen Städten ihre Läden "Gut zum Leben" (z.B. in München auf dem Viktualienmarkt)
    Allerdings gab es vor Jahren einmal ein paar Presseberichte, dass das Zeug eher eine minderwertige Qualität hat und überhaupt nicht Bio ist.
    Offensichtlich werden die Bioläden dafür genutzt, neue Mitglieder zu rekrutieren. Und wenn man mal googelt sieht man, dass die nicht besser sind als Scientology... Schlimm, wenn Leute immer wieder auf so was reinfallen.

    AntwortenLöschen
  3. Kritik kann man ja üben. Aber so ein Unsinn, was Cinderalla hier behauptet. An ihren Zeilen stimmt nichts. Das "Zeug", wie sie verächtlich schreibt, hat (nachgewiesen!)sogar weit höhere Qualität als die Anforderungen es vorschreiben. Das staatlich kontrollierte Zertifikat nach EG-Öko Verordnung haben sie natürlich auch.
    Und auf die Frage des Blog-Betreibers, also des "deutschen Katholiks" mit Namen Kardinal Richelieu: "Warum meldet sich Gott erst nach 2000 Jahren wieder zurück?" Da wissen Sie doch selbst auch eine Antwort, die Sie hier nur nicht weiter ausführen: Weil ihre Kirche alle Propheten in den letzten 2000 Jahren schneller auf die Scheiterhaufen gebracht hat als dass sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden konnten. Von einem Schweigen in den letzten 2000 Jahren kann gar keine Rede sein. Die katholische Kirche hat den redenden Gott nur durch den Papst ersetzt. Nur ein Test dazu: Kennt etwa jemand etwa Margareta Porete?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Margareta_Porete
    Lesenswert.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Richelieu88, wenn ich bitten darf. Als Kardinal habe ich mich übrigens nie bezeichnet. Und warum "deutscher Katholik" in Anführungszeichen steht, lasse ich auch mal offen. Dass mir vorgeworfen wird, ich sei kein echter Katholik, ist das eine Sache (schöne Grüße von der Inquisition). Dass ich nicht als Deutscher anerkannt werde, weil sich wahrscheinlich schon wieder rumgesprochen hat, dass meine Vorfahren angeblich aus Frankreich stammen, beleidigt mich allerdings;-)
      Zu dem Vorwurf: Nein, ich führe die Argumentation nicht weiter, weil die meisten katholischen Leser mit mir (bin ich jetzt wirklich einer?) davon ausgehen, dass Gott in seiner Kirche weiterwirkt durch den Heiligen Geist, den Christus ihr an Pfingsten sendete. Und seit der Offenbarung durch Christus keine Propheten mehr nötig sind, da sich Gott in Jesus Christus selbst vollkommen geoffenbart hat. Diese Rolle haben seither die Gläubigen in ihrem "Prophetenamt" übernommen, diejenigen, die sich besonders hervortaten, werden als Heilige und Kirchenlehrer angesehen.
      Von ihrer Argumentation, wenn sie grob von "Propheten" sprechen, die "die Kirche in den letzten 2000 Jahren auf den Scheiterhaufen" gebracht habe und den "Papst an Gottes Stelle gesetzt" habe, gehe ich davon aus, dass sie ebenfalls zum UL gehören. Die gleiche Leier läuft übrigens auch auf "Die Neue Zeit". Wenn dem nicht so sei, bitte ich um Verzeihung.
      Kennen sie übrigens G.K. Chesterton?
      http://de.wikipedia.org/wiki/G._K._Chesterton
      Auch sehr lesenswert.

      Löschen