Sonntag, 10. Juni 2012

Von Märchen, Fantasy und Glaube

Habe vor Kurzem auf Jobo72´s Weblog ein schönes Zitat von Hans Christian Andersen gefunden:

"Die Geschichte meines Lebens wird der Welt sagen, was sie mir sagt: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum Besten führt."

An dieser Stelle fiel mir auch der Brief wieder ein, den Lewis Carroll an den Schluss der Geschichte "Alice im Spiegelland", der Fortsetzung von "Alice im Wuderland", setzte:

"MEIN LIEBES KIND,
     Bitte stell dir vor - wenn du es kannst -, dass du einen Brief liest, von einem wirklichen Freund, de du kürzlich gesehen hast und dessen Stimme dir noch im Ohr ist und der, wie ich es jetzt aus ganzem Herzen tue, dir ein frohes Osterfest wünscht.
Kennst du dieses köstliche, träumerische Gefühl, wenn man früh an einem Sommermorgen aufwacht, das Gezwitscher der Vögel in der Luft und eine frische Brise, die durch das offene Fenster kommt - wenn man, noch im Liegen und mit halb geschlossenen Augen, wie in einem Traum die grünen Zweige winken sieht oder eine Wasseroberfläche, die sich im goldenen Licht kräuselt? Dieses Vergnügen liegt ganz dicht bei der Traurigkeit; dir kommen die Tränen, wie vor einem schönen Bild oder bei einem Gedicht. Und ist das nicht die zärtliche Hand einer Mutter, die die Vorhänge zurückzieht, und die süße Stimme einer Mutter, die dir sagt, es sei Zeit aufzustehen? Aufzustehen und im hellen Sonnenschein die hässlichen Träume zu vergessen, die dich geängstigt haben, als alles so dunkel war - aufzustehen und den neuen Tag zu genießen, nachdem du niedergekniet bist und jenem unsichtbaren Freund gedankt hast, der dir die strahlende Sonne schickt?
Klingen diese Worte nicht seltsam, weil sie aus der Feder des Autors von "Alice" stammen? Und ist es nicht seltsam, so einen Brief in einem Nonsense-Buch [sic!] zu finden? Das mag schon sein. Manche werden mir vorwerfen, ich würde damit heitere und gewichtige Dinge vermischen; andere werden lächeln und es komisch genug finden, dass man überhaupt über gewichtige Dinge spricht, außer sonntags in der Kirche; aber ich denke - nein, ich bin sicher -, dass manches Kind diese Zeilen freundlic und wohlwollend liest und in der Stimmung, in der ich sie geschrieben habe. Denn ich glaube nicht, dass Gott will, dass wir das Leben in zwei Hälften teilen - am Sonntag ein ernstes Gesicht machen und es wochentags schon für abwegig halten, ihn auch nur zu erwähnen. Glaubst du, ihm liegt etwas daran, nur kniende Menschen zu sehen und den Ton ihres Betens zu hören - und dass er nicht genauso gern die Lämmer im Sonnenlicht beobachtet und den fröhlichen Stimmen der Kinder lauscht, die im Heu herumtollen? Bestimmt klingt ihr unschuldiges Gelächter in seinen Ohren genauso süß wie die großartigste Hymne, die sich je aus der "Kirchen ehrwürdiger Nacht" zu ihm emporhob.
Wenn es mir gelungen ist, den Unmengen unschuldiger und brauchbarer Unterhaltungen, die sich in Büchern den Kindern darbietet, die ich so sehr liebe, schreibend so etwas hinzuzufügen, dann ist das sicherlich etwas, auf das ich hoffe, ohne Scham und Trauer zurückblicken zu können (anders als auf den Großteil des Lebens!), wenn die Reihe an mir ist, durch das Tal der Schatten zu wandeln.
Die Ostersonne wird für dich aufgehen, liebes Kind, und du spürst, wie die Lebenskraft durch alle Glieder pulst und wie du in die frische Morgenluft hinausstürmen möchtest - und es werden noch viele Ostermorgende kommen und gehen, bevor du alt und grau sein wirst und müde hinauskriechst, um das Sonnenlicht noch einmal zu sehen - und doch es ist gut, schon jetzt manchmal an den großen Morgen zu denken, wenn "die Sonne der Gerechtigkeit mit heilendem Flügelschlag" erscheint.
Sicherlich brauchst du heute nicht weniger froh zu sein bei dem Gedanken, dass du eines Tages einen leuchtenderen als diesen Morgen sehen wirst - dass lieblichere Dinge dir vor Augen stehen werden als winkende Zweige und plätscherndes Wasser - dass Engelshände deine Vorhänge öffnen und süßere Klänge als je eine Mutter atmete, dich zu einem neuen, herrlichen Tag erwecken - dass all das Elend und die Sünde, die das Leben auf dieser kleinen Erde verdunkeln, vergessen sein werden wie die Träume der Nacht, die gerade vorüber ist!

Dein dich liebender Freund

Lewis Carroll                                                                      Ostern, 1876"






Auffallend an dieser Stelle ist, dass viele gläubige Christen sich mit dem Genre Märchen bzw. Fantasy (ich meine damit nicht diese heute weit verbreiteten trivialen "Romane") beschäftigten. Neben Andersen und Carroll besonders auch G. K. Chesterton, C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien. Ein Indiz für die blühende, weltferne Phantasie, in der sich ihr Glaube abspielt, wie viele säkulare Zeitgenossen das formulierten ("Hey Tolkien, wie geht es heute deinem Hobbit?")?
Eher das Gegenteil ist der Fall. Bei vielen dieser Autoren ist es so, dass sie mit Märchen und Fantasygeschichten bestimmte Sachverhalte besser darstellen konnten. Seien es besondere Werte (Lewis: "Die Chroniken von Narnia", Tolkien: "Der Herr der Ringe") oder ein geheimnisvoller Glanz hinter der teilweise bizarren Welt, die wir wahrnehmen (Chesterton: "Kugel und Kreuz", "Father Brown"-Krimis). Selbst jeder Nichtgläubige würde dem zustimmen und vielleicht selbst von diesem Glanz berührt werden. Ein Glanz, der durch die besondere gläubige Sicht auf die Welt erst möglich geworden ist, dass die Welt einen Sinn hat, weil sie einen Schöpfer hat, der sie erhält, der sogar selbst in die Welt gekommen ist, an der man so oft verzweifeln einfach möchte.

An dieser Stelle mal ganz ehrlich: Wer fühlte sich noch nie beim Nachmittagskaffee an die heitere "Nichtgeburtstag-Gesellschaft" aus dem Wunderland versetzt, wer vermutete nicht wie Father Brown unheilvolle Feen hinter jeder Baumwurzel auf seinem Weg in "Der Fluch des Pendragons" und wer stellt sich nicht mal ab und zu beim Einkaufen eine mystische Suche wie in "Der Herr der Ringe" vor?

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