Montag, 18. Juni 2012

Warum Rousseaus "Edler Wilder" nie existiert hat

Bin auf der Achse des Guten auf einen Nachtrag von Thomas Baader zu einem Artikel von Antje Sievers gestoßen. Es geht darum, dass man andere Kulturkreise (auch in Deutschland) oft mit einer falschen Liberalität betrachtet, vor allem wenn dort Dinge passieren, die eindeutig gegen unser moralisches Empfinden  laufen:

" [...] Wer sich das vergegenwärtigt, kann kaum noch ernsthaft vertreten, dass Rassismus und Multikulturalismus in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander stehen. Vielmehr ist es so, dass der erstgenannte sich im letztgenannten öfters in versteckter Form wiederfindet. Nicht wenige Multikulti-Begeisterte leiden unheilbar am Winnetou-Syndrom: Der edle Wilde möge doch bitte so bleiben, wie er ist, aber auf gar keinen Fall so werden wie wir, so verdorben, zivilisationskrank und der Natur entfremdet. Indigene Völker am Amazonas, die neugeborene Zwillinge lebendig begraben, da Zwillingsgeburten nun mal als schlechtes Omen gelten, mutieren somit auf einmal zu Vertretern einer besseren, weil ursprünglichen und unverfälschten Lebensweise. Ja, eigentlich war es doch gar nicht so schlecht, das Leben vor der Einführung der Grund- und Menschenrechte. Nein, wir selbst wollen natürlich nicht auf sie verzichten. Aber die Wilden doch bestimmt. Und ja, auch wenn man es für unfassbar hält: Es gab tatsächlich Stimmen aus der “zivilisierten Welt”, die darauf drängten, beim Indio-Kindermord bloß nicht einzugreifen. [...]"

Dazu fiel mir auch ein Beispiel aus dem Hauptschul-Erdkundebuch ein, das ich vor Jahren mal hatte. Es ist dort über Indio-Stämme berichtet worden, die im tiefen Amazonas noch wie in der Steinzeit leben und damit auch gut zurechtkommen. Man hat die Idee bekommen, diese Gesellschaften sogar unter menschlichen "Artenschutz" zu stellen. Missionare sind natürlich nicht erwünscht, sie könnten das animistische Weltbild der Eingeborenen durcheinander bringen oder sie sogar zum Umzug in die Stadt bewegen.
Ein Nachspiel auf Jean-Jacques Rousseaus "Edlen Wilden"? Am Vorabend der Französischen Revolution behauptete dieser, der Mensch sei von Natur aus aus sich selbst heraus gut, die Gesellschaft, die ihm eigenständiges Denken abnehme und daher die Quelle seines Gutseins im Einklang mit der Natur kappte, sei dagegen schuld an den Verfehlungen der Menschheitsgeschichte. Diese ganze Theorie könnte man natürlich  auf eine zunehmende Romantisierung der Aufklärung zurückführen, als diese auf ihrem Höhepunkt den Charakter einer aufgezwungenen und starren Institution annahm, die den Mensch an sich nicht mehr erreichte. Das war ungefähr so eine Modephilosophie zu dieser Zeit wie die "Antiautoritäre Erziehung" in den 68ern. Es wird sogar von einem Philosophen (leider weiß ich nicht mehr dessen Namen) berichtet, der ein Mustergut für "freie, natürliche und glückliche Menschen" anlegte. Aus irgendeinen Grund funktionierte dieses Unternehmen aber nicht, die eher bäuerliche Bevölkerung zeigt nicht viel Interesse. Auch der französische  Philosoph selbst war weder glücklich noch sehr sehr naturverbunden, was man an seinem eher industriellen Ende sieht: Er hat sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.
Nachdem es im eigenen Land nicht so recht klappte, entschied man sich also außerhalb des Kontinentes nach dem "edlen Menschen" zu suchen, der im Einklang mit der Natur und fern der westlichen Regierungen lebt. Mal sind es die Eingeborenen Afrikas (wo gewisse Bergvölker die Entwicklungshelfer regelmäßig anschnauzen, wenn diese noch immer keine Maschinengewehre für Jagden mitbringen), dann die Tibeter (den teilweise heftigen Streit um den Posten des Karmapa darf man ruhig ausblenden), die Amazonasindianer (siehe oben) und schließlich die Palästinenser ("Antisemitismus? Was für ein Antisemitismus?"). Dass diese teilweise die gleichen Dellen wie bei uns oder sogar noch kindischere Streitereien haben, erklärt man gerne mit der Verwirrung und der Unsicherheit gegenüber der Industriegesellschaft weg.
Obwohl es diese Phänomene auch schon vorher gab. Und es waren größtenteils gerade die Probleme, die bei uns gelöst worden sind. Friedensabsicherung und Bürgerschutz statt regelmäßiger Stammesfehden (siehe Papua-Neuguinea), Entschärfung von drakonischen Strafen (vor einhundert Jahren wurde man beim Stamm der Zulus mit dem Tode bestraft, wenn man sein Speer irgendwo liegengelassen hat. Oder vor dem gemeinsamen Exerzieren noch bei der Freundin war. Nicht mal bei den Preußen kam es so weit) und die Durchsetzung der Pflichten eines jeden Herrschers vor seinem Volk statt hemmungsloser Bereicherung und Ausnutzung (nochmal die Zulus. Auch nach Angaben eines befreundeten Afrikamissionars sind die modernen Politiker dort teilweise auch nicht besser). Man bedenke: Diese Zustände war noch aus der Zeit vor den europäischen Kolonisten vorhanden!
Dass es sich dabei nicht immer um primitive Stämme drehen muss, zeigt das Beispiel Karthago. Vor dem Punischen Krieg im 3. Jhd. v. Chr. war der Stadtstaat Karthago höher entwickelt als Rom. Gewaltige Paläste und Hafenanlagen waren das Markenzeichen dieser Stadt. Die Römer kamen ihnenerst nach dem Fund eines gut erhaltenen punischen Schiffswracks auf dem militärischen Gebiet nach. Was beide unterschied: Die Karthager opferten ihrem Staatsgott Baal ihre Kinder, Archäologen fanden bei Ausgrabungen circa zweitausend Kindergräber, die mit dieser Opferung in Verbindung standen. Was man über die Abtreibungskliniken unserer Tage in zweitausend Jahren denken wird, will ich nicht mal wissen.
Wie weit man auch geht, immer wieder verschwindet der "Edle Wilde" - sei es Indianer, Araber, Kelte, Grieche oder Höhlenmensch - wie in Phantom in das Dunkel der Geschichte. Bis in die Ursprünge der menschlichen Geschichte. Tiere zählen hier freilich nicht mehr. Weil ihr Handeln größtenteils auf Trieben basiert, kann ihnen eine "edle Gesinnung " nicht zugeordnet werden, da dies einen Ausbruch aus der starren Triebausrichtung erfordern würde. Wenn aber ein solcher Bruch vorhanden ist, ist auch ein verantwortungsvolles Handeln möglich, das nicht mehr unbedingt auf dem Trieb "Überleben" ausgerichtet ist, wie beim Menschen. Was diesen Bruch letztendlich verursacht hat, bleibt Anthropologen immernoch ein Rätsel.
Wir Christen sagen, dass es Gottes Wille war, der selbst eine natürliche Eigenentwicklung nicht ohne seine liebende Hand sich selbst überlassen kann. Und hier setzt die Lehre von der Erbsünde an. Weil der Mensch sich gegen Gott entschieden hat, ist er seither von Natur aus zum Bösen geneigt. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass er nur Böses zustande bringt. Gott hat ihn gut geschaffen und ihm ein Gewissen gegeben, das nach dem Guten sucht - weil es der Natur des Menschen am deutlichsten entspricht. Er kann sein Handeln überdenken oder darin stecken bleiben. Er kann es durch Erfahrung immer weiter verfeinern und eine natürliche Wahrheit in den Handlungen finden (Moral), wie Paulus im Hinblick auf die Gesetze der paganen Römer hingewiesen hat (die Offenbarung von sittlichen Wahrheiten klammern wir in dieser Situation übrigens der Einfachheit halber aus). So gesehen hat der Mensch gegenüber anderen Menschen das Recht und die Pflicht, auch anderen von diesen Erfahrungen Zeugnis zu geben. In Europa hatten wir die Völkerwanderung, verschiedenste Fehden, Kriege, Diktaturen und Ideologien (die sich übrigens auch auf einen "edlen Urzustand der germanischen Rasse/ des Bauernproletariats/ des Urmenschen" berufen) und dabei zweitausend Jahre Erfahrung gesammelt. Und das soll man jetzt den anderen Völkern und Kulturen vorenthalten? Sogar den eigenem Nachwuchs ("Relativismus")? Diese Art "unbeschränkte Zivilisation" scheint eher das natürlichste Verhalten des Menschen gewesen zu sein, das selbst der Herr bekräftigte, wenn er davon sprach, dass man seinen Bruder warnen soll, wenn dieser aus der eigenen Sicht eine Dummheit tut. Und diese Gut soll man den anderen vorenthalten, obwohl der Herr auch ermahnte, nicht nur den eigenen Glaubensbrüdern gutes zu tun?

Des weiteren beschreibt Thomas Baader die Konsequenzen dieses "Pseudoegalität", die nicht mehr mit Fehlentwicklungen rechnet, sondern diese als natürliche Entwicklung des "Tieres Mensch" ansieht: Der Mensch bleibt ein interessantes Lebewesen, das aber durch den Verlust der Gemeinschaft entmenschlicht wird:


" [...]Zweierlei Maß: Die kulturrelativistische Positionierung beinhaltet immer einen Rassismus, der sich seiner selbst nicht bewusst ist. Vor Jahren einmal war ich in einem Forum in eine Diskussion mit einem jungen Mann verwickelt, der nach seiner eigenen Wahrnehmung links, progressiv und menschenfreundlich eingestellt war. Wenn man diese Haltung hat, kann man natürlich sich nur dann mit Opfern solidarisieren, wenn die Täter zufällig den gleichen ethnisch-kulturellen Hintergrund haben wie man selbst. Ist das nicht der Fall, so darf man sich bei “den Fremden” keinesfalls einmischen, denn das sind ja Familienangelegenheiten, die uns nichts angehen. Im konkreten Fall drehte sich die Debatte damals, die zwischen dem Progressiven und mir entstand, um ein recht bekanntes Foto, das eine Hochzeit zwischen einer elfjährigen afghanischen Kindsbraut und ihrem vierzigjährigen Ehemann zeigt. Während die Mehrheit der Forumsnutzer angewidert reagierten, hatte unser Multikulti-Verfechter eine gänzlich andere Sichtweise: Er plädierte für Toleranz gegenüber fremden Traditionen, zumal das auf dem Foto Dargestellte ja eigentlich auch “biologisch ideal” sei.
Nun fühlte ich mich dazu verpflichtet, mal nachzufragen, was genau er an der Vergewaltigung eines elfjährigen Kindes eigentlich “biologisch ideal” finde. An dieser Stelle spare ich mir eine detaillierte Beschreibung des weiteren Gesprächsverlaufs, denn wie man sich denken kann, fühlte der Befragte sich sehr schnell falsch verstanden und noch dazu diffamiert. Falsch verstanden? Inwiefern ist die Äußerung “biologisch ideal” in diesem Zusammenhang eigentlich missverständlich? Und wenn sie es tatsächlich wäre - meine Nachfrage zielte ja geradezu darauf ab, dem Sprecher dieser unsagbar schäbigen Äußerung die Möglichkeit zu geben, sich zu erklären. Warum wurde diese Gelegenheit nicht genutzt, wenn alles nur ein Missverständnis war? Nein, unser Freund wollte nicht. Er hatte übrigens schon einige Tage zuvor in demselben Forum die Theorie vertreten, dass Frauen in islamischen Ländern möglicherweise gar nicht gleichberechtigt sein wollen.
Weiß dieser Mensch, dass er ein Rassist ist? Vermutlich nicht. Während die Geschichte es dem Menschen europäischer Herkunft gestattet hat, vieles von dem abzuwerfen, was ihn einengt und unterdrückt, ist es dem Menschenfreund aus dieser Geschichte lieber, dass “der Fremde” seiner Vormodernität verhaftet bleibt, ewig gebunden an seine Religion und Kultur, damit er für uns weiterhin so interessant, exotisch und herzig bleibt wie Grzimeks possierliche Kerlchen. Wir Menschen sollen nun mal nicht in die Abläufe der Tierwelt eingreifen. Der Moslem und der Indio vom Amazonas - das sind die Tiere des Kulturrelativisten. Er selbst ist der Mensch, der kein Rassist sein will, aber durch seinen Paternalismus und seine Negierung der Werte der Aufklärung ständig neue Rassismen produziert. [...]"

Dazu Mr. Dandy: "Trotzdem immer noch  recht putzig..."


1 Kommentar:

  1. Leider werden Gutmenschen der beschriebenen Art niemals fähig werden, ihren Sehfehler bei der Betrachtung von Verbrechen, die von " edlen Wilden" begangen werden, zu erkennen. Sie sind nicht einäugig - es ist schlimmer: sie haben einen blinden Fleck im Gehirn, der durch Dauerwäsche mit den bekannten Multikultifloskeln geschaffen wurde und durch ständigen Gebrauch derselben instand gehalten wird. 11-jährige Kindsbräute haben keine Menschenrechte, wenn ihre Vergewaltiger dem richtigen -also dem Edlen-Wilden-Kulturkreis entstammen ( Moslems haben da noch mal einen Sonderbonus), sie werden dann -vielleicht biologisch ideal- Teil ihrer fremden, wilden Kultur, die auf Steinzeitniveau zu halten, sich unsere Gutmenschen jede erdenkliche Mühe geben. Man kann nicht umhin, sich zu fragen, ob die da vielleicht auch hin möchten?

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