Dienstag, 5. Juni 2012

Was Martin von Uta unterscheidet


Habe mir aus der Bibliothek "Nein und Amen" von Uta Ranke-Heinemann ausgeliehen. Nur mal zur Ansicht. Wie sie in der Öffentlichkeit so auftritt, habe ich schon mal in einem Posting gezeigt, war aber trotzdem mal neugierig gewesen, WAS und WIE sie schreibt. Denn gerne werden Theologen, die kontroverse und/oder polemische Ansichten vertreten, mit Martin Luther über einen Kamm geschoren. Man muss sich den Namen dieser deutschen Kultfigur erst einmal auf der Zunge vergehen lassen. Da schwingen Schlagwort wie "Freiheit", "Gewissen", "Aufbegehren", "Wahrheit" und "Fortschritt" mit, obwohl es eher offenbleibt, ob seine Thesen dem auch wirklich entsprechen. Also sind wir wieder bei den modernen Kritikern wie Hans Künd, Eugen Drewermann, Helmut Schüller - oder eben Uta Ranke-Heinemann. 
Ob man beide wirklich auf eine Stufe stellen kann, war die Frage bei der Lektüre des Buches. Mal oberflächlich als PRO eingestuft (vor Lektüre):

- Beide flogen wegen Aussagen, die dem Lehramt widersprachen und dem Glauben Abbruch taten, (eigentlich) aus ihrem Lehramt raus.
- Beide schienen sich danach zu radikalisieren ("Heiliger Zorn" wie es Medien nennen)
- Beide werden wahrscheinlich gegen Ende ihres Lebens sogar noch schlimmer (Luther gegen das "vom Teufel gegebene Papsttum", Uta seit ihrer "Exkommunikation" auf immer schrägeren Veranstaltungen)

Mit der Lektüre des Buches (eigentlich schon vorher durch ein Interview auf Youtube) änderte sich das Bild noch zu Anfang. Es ist sehr sachlich geschrieben. [Blogger hebt den Kopf an und fügt nach kurzem Schweigen mit leichter Betonung hinzu:] Zu sachlich.
Ihre Thesen bestehen eigentlich darin, dass sie mit historischen Zitaten, Vermerken und Mutmaßungen (alles noch sauber mit Quellen hinterlegt) Glaubensaussagen zertrümmert. Die Weihnachtserzählung ist Märchen, die Jungfrauengeburt ist auch Märchen, die Wunder Jesu ebenso, Judas ist auch komplett erfunden. Und das Grab ist natürlich auch nicht leer. Wie sie das herausgefunden hat?
Sie weißt auf Parallelen im paganen Bereich und auf Entsprechungen im Alten Testament hin. Dass dies nicht unbedingt bedeuten muss, dass auch die Evangelien erfunden sind, sondern dass Gott sich dieser Dinge gerade bedient, weil die Menschen Dinge wie Wunder, leeres Grab und Himmelfahrt verstehen - und diese auch tatsächlich echt sind - , verschweigt sie dabei. Etwas lächerlich ist ebenfalls der Hinweis auf marginale Probleme, wie dass angeblich die Münzeinheit "Silberlinge" nicht namentlich existierte, es also einen bezahlten Verrat durch Judas nie gegeben hat. Der Verweis, die Einheit "Silberfuchs" (eine etwas volkstümliche Bezeichnung für die alten Fünf-Mark-Münzen mit Silbergehalt) hätte offiziell nie existiert, müsste an der Stelle bedeuten, dass man Opa niemals Bücher gekauft hat. De facto könnte er selbst auch erfunden sein.
Debatte? Nein, Uta lässt so etwas nicht zu. Das gehört nicht in ihr Weltbild:

"Der Mensch ist ein gutgläubiger Mensch. So ist er der ideale Boden für Religion."
"Aber die Wahrheit [der katholische Glaube] , die durch fremde Hände [die Kirche] geht, ist eine zensierte Wahrheit."
"Die Wahrheit oder das, was von ihr übrig bleibt, ist durch den theologischen Unverstand der Hirten zu einer Masse von unverstandenem und Unverständlichem und damit zu einem Pseudo- und Aberglauben verkommen" [Ein Glück also, dass es Uta gibt ...]
" Und so übt sich der Mensch sein Leben lang in der christlichen Gymnastik des "Ja-und-Amen-Sagens"."
"Die Kirche ist nicht am Verstand und an der Aufklärung des Menschen interessiert." [Und außerdem hat Thomas von Aquin nie gelebt ... Den Witz konnte ich mir einfach nicht mehr verkeifen;-)]

Das waren erst die Zitate aus zwei Seiten Einleitung. Die teilweise zynischen Polemiken, die später folgen und in der Absicht geschrieben wurden, andere extra nochmal durch den Dreck zu ziehen, sind etwas heftiger. Und wehe, man widerspricht der eisernen Lady, dann muss man sich als "Unmensch" stigamtisieren lassen.
Der aufmerksame Leser kann jetzt an dieser Stelle argumentieren: "Das Thema "isoliertes Weltbild", "seine Meinung am kochen halten, auch wenn es Bedenken gibt" und "alle, die widersprechen, als Idioten dastehen lassen" haben wir doch auch schon bei Luther gehabt. Man vergleiche die Diskussionen u.a. mit Johannes Eck, bei der er nie im Leben daran dachte, in "seiner Lehre" nachzugeben." Das ist natürlich richtig. Auch seine Analysen, die seinen Vorstellungen zugeschnitten waren, darf man in diesem Fall nicht vergessen. Und dennoch gibt es einen Punkt, an dem beide Welten voneinander entfernt sind. Für Martin Luther war der Glaube ein Verhältnis zu Gott. Er bekam nach eigenen Aussagen oft Angst, dass er etwas mit seiner Reformation da tue, was nicht Gottes Willen entspreche. Bei Uta Ranke-Heinemann ist der Glaube ein intellektuelles Programm. Es muss etwas geben, was einem Mut für´s Leben gibt. Also wird eine ganze Erklärung, tatsächlich schon ein ganzes Programm, ausgearbeitet, was diesen intellektuellen Akt unterstützt. Und wehe, etwas entspricht nicht ganz dieser Erklärung oder hat den Anschein des "Unaufgeklärten", dann wird zensiert und wegerklärt, bis es wieder passt. Und Gott? Der muss sich an dieses Programm halten. Und wehe er tut etwas, was die Frau Theologin nicht erwartet hat. Dann kann es unmöglich Gott sein, denn Uta weiß ganz genau was Gott tut.

Also: Erlösung durch Jesus Christus hat es nie gegeben, seine Auferstehung im physischen Sinne auch nicht, irgendwie ist er auch nicht wirklich Sohn Gottes, die Typen in Rom sind alle doof und der christliche Glaube tröstet. Wie auch immer.
Mit so einem Kühlschrank kann man Martin Luther nicht wirklich vergleichen. In diesem Sinne ist er persönlich schon etwas angenehmer:

"Denn ein Herz voll Freude sieht alles fröhlich an, ein Herz voll Trübsal alles trübe."

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