Mittwoch, 25. Juli 2012

Ägypten: Papstwahl mal anders

In unseren Breitengraden beschwert man sich regelmäßig über die hierarchische Ausrichtung der Kirchenverfassung. Die Kirche habe sich seit den ersten Jahrhunderten von einer "Liebesgemeinschaft" (was das auch immer bedeuten soll) zu einer "Glaubensregierung" (was dies wiederum immer bedeuten soll) gewandelt. Neben dem "mittelalterlichen" Zölibat (der eigentlich schon vor der Zeit Konstantins in der Kirche für Kleriker empfohlen worden ist) und einer angeblichen Ausgrenzung von Sündern (für die sich paradoxerweise gerade Papst Kalixtus I. mit einer Entschärfung der Buße einsetzte) wirft man dem Papsttum besonders eine Verfestigung der kirchlichen Hierarchie zugunsten der eignen Macht vor. Damals hätte das Kirchenvolk selbst den Papst und die Bischöfe gewählt, das wäre immerhin fair gewesen.
Dass es in den orthodoxen Kirchen bereits solche Dinge gibt, die man eher zu romantisierend bei uns fordert, beachtet man dabei oft nicht. Dort gibt es beispielsweise verheiratete Priester. Die schon lustigerweise vor ihrer Weihe heiraten müssen, da es danach keine Heirat mehr geben darf, wenn der Priester mit der Kirche "verheiratet" ist. Auch der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, der so gerne aufgeführt wird, unterscheidet sich nicht groß vom kirchlichen Verständnis bei uns. Die Papstwahl bei den Kopten ist zwar im wörtliche Sinne eine Art Wahl, bei der Vertreter des Volkes zugelassen sind, bei der aber besonders Gott der Vorzug gelassen wird, da Er den neuen Papst der Kopten zu diesem Amt beruft und legitimiert, wie auf Katholisches berichtet wird:


"[...] Die Gruppe der Wähler ist nicht nur groß, sondern auch bunt zusammengewürfelt. Zu ihnen zählen Metropoliten, Bischöfe und Mönche, Vertreter von Laienorganisationen, koptische Staatsvertreter, Honoratioren und Journalisten. Erstmals werden auch Vertreter der Kopten in der Diaspora an der Wahl des neuen Patriarchen teilnehmen. Ihr Gewicht könnte sogar maßgeblich sein. Ein Fünftel aller Wahlberechtigten kommt nicht aus Ägypten.
Die Bestimmung der Wähler bedeutet noch nicht, daß die Wahl des neuen Patriarchen unmittelbar bevorsteht. Die Wahlversammlung ist erst für November vorgesehen. Sie wird nicht direkt den Nachfolger Shenoudas III. wählen, sondern drei Namen bestimmen. Aus dem Kreis dieser Erwählten, wird der neue Patriarch durch das Los bestimmt werden. Dabei kommt ein uraltes Verfahren zum Einsatz, mit dem nach koptischer Vorstellung sichergestellt werden soll, daß letztlich der Wille Gottes zum Zuge kommt. Die Namen der drei Erwählten werden auf je ein Blatt geschrieben und in eine Silberurne gelegt. Ein Kind mit verbundenen Augen wird daraus ein Blatt mit dem Namen des neuen Patriarchen ziehen.
Seit Ende Mai gibt es eine vorläufige Kandidatenliste mit 17 Namen. Jeder von ihnen muß männlich und mindestens 40 Jahre alt sein, fünfzehn Jahre seines Lebens als Mönch gelebt haben und darf nie verheiratet gewesen sein. Durch viele Jahrhunderte hindurch durften nur Mönche zu Patriarchen gewählt werden, die somit abseits des Patriarchats lebten und nicht in die Angelegenheiten der Kirchenleitung involviert waren. Erst 1928, anläßlich der Wahl des 113. Patriarchen, wurde es auch Bischöfen erlaubt, zu kandidieren. Dennoch waren vier der letzten fünf Patriarchen Mönche. [...]"



Abgesehen davon, dass beim Konklave keine Lottofee die Ziehung übernimmt und alle Wahlberechtigten den Ehrentitel des Kardinals haben müssen, schon wieder nicht ganz so verschieden von Rom.
Man kann sich natürlich das Szenario durch den Kopf gehen lassen, wie das denn bei uns so aussehen würde. Wenn man die logische Forderungen "Wähler müssen kompetent genug" (Kardinäle/ koptische Vertreter) und "Legitimierung durch Gott" (Wirken des Hl. Geistes) fallen lässt. "Kompetenz" und "Elite" sind in Deutschland inzwischen "antidemokratische Schlagwörter" bei vielen beliebten Protest- und Alternativgruppen geworden und Gott - na ja, der kommt ja nicht mal bei vielen Theologen mehr vor und wenn, dann ziemlich seltsam verzerrt. Man kann sich ja die verschiedensten Prostestgruppen noch einmal um Schüller, Küng und sogar Richard Dawkins ansieht, braucht man nicht sehr viel Fantasie. Herr Alipius lieferte in einem Posting immer noch das schönste Beispiel für solche skurrilen Klein- und Kleinstgruppen...

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