Montag, 9. Juli 2012

Fabelwesen und Naturfunde. Eine kleine Verteidigung des Unwissens

Zu einem echten Bestiarium aus dem Mittelalter gehören auch immer Fabelwesen. Selbst bei den Werken der Universalgelehrten Hildegard von Bingen und Athanasius Kircher (Beispiel: "Mundus Subterraneus") tauchen ab und zu Fabelwesen auf. Zu der Frage, wie manche Leute auf solche Ideen kamen, wird oft geantwortet, dass sie entweder Geschichten falsch verstanden oder bestimmte Naturphänomene mit solchen Wesen wegerklären wollten. Es gibt aber auch eine dritte Erklärungsmöglichkeit: Man ist auf ungewöhnliche Überreste von noch unbekannten oder sogar schon ausgestorbenen Arten gestoßen und hat versucht, sie zu rekonstruieren.
Am bekanntesten dürften angebliche Hörner von "Einhörnern" gewesen sein, die oft von einem Narwal, einem Nashorn oder einem Mammutskelett stammten. Wie letzteres, das heute im Naturkundemuseum Karlsruhe ausgestellt ist. Es wurde 1750 in Südbaden gefunden.


Bei anderen Fabelwesen handelt es sich um Knochenfunde von Höhlenbären, Mammuts oder sogar Dinosauriern. In der Schweiz stieß man 1577 beispielsweise auf Mammutknochen, die beim Fällen einer Eiche entdeckt worden sind. Der zuständige Arzt Dr. Plater, der indentifizieren sollte, ob es sich um einen Menschen handelt, um eine mögliche kirchliche Bestattung zu ermöglichen, hielt sie für Überreste eines Riesen. So kam es zum "Luzerner Riesen" (Helvetus Gigas), der auch bei einer Darstellung in Kircher´s "Mundus Subterraneus" aufgeführt wird (zweiter von rechts):

Den ganz großen soll man angeblich auf Sizilien gefunden haben, Zeugen dafür sollen der Humanist Boccacio sowie 200 weitere Menschen gewesen sein. Ein ähnliches Beispiel stellt auch das "Quedlinburger Einhorn" dar, das aus verschiedensten Knochenteilen, die in einer Höhle gefunden wurden, zusammengesetzt ist. Auch Otto von Guericke und Leibniz setzten sich damit intensiv (vgl. Eintrag auf der Homepage der Einhornhöhle bei Quedlinburg) auseinander. Auch der Lindwurmbrunnen in Klagenfurt geht auf den Fund eines Schädels zurück, der von einem ausgestorbenen Höhlenbären stammte. Ebenso weist Athanasius Kircher ungewöhnlich oft auf den Zusammenhang von Höhlen, Felsschluchten und Drachenwesen hin, wie diese Illustration zeigt:

An dieser Stelle kann man natürlich fragen, warum Leute sich überhaupt so etwas ausgedacht haben. Moderne Menschen würden sagen: "Die waren eben noch in ihrer Sagenwelt gefangen."/ "Die haben sowieso keine Ahnung gehabt, also versuchten sie es wegzuerklären, damit niemand merkte, dass sie davon keine Ahnung hatten."/ "Die ollen Pfaffen wollten den Leuten Angst machen." Könnte stimmen. Es gibt aber auch ein anderes Erklärungsmodell: "Sie haben die bestmögliche Identifikation herangezogen."

Menschen, die nicht wissen, was sie vor sich haben, vorzuwerfen, dass sie keine Ahnung hatten, dass es sich um eine Jahrtausende alten Höhlenbär handelte, ist ungefähr so schwachsinnig, wie Lotto-Spielern vorzuwerfen, dass sie die richtigen Zahlen nicht kannten. Es handelt sich bei dieser Identifikation um einen natürlichen Schlussfolgevorgang, der im Alltag per se vorkommt. Würde ein Städter rein zufällig einen Jaguarschädel in seinem Garten finden, würde er hinsichtlich der Größe und des Aussehens als Laie auf einen Hund schließen. Erstens, weil es ziemlich viele in seiner Gegend gibt, und zweitens weil er einen ähnlichen mal in einer Tierarztpraxis gesehen hat. Ein Bauer findet riesige Knochen. Jetzt auf ein normales Rind zu schließen wäre wegen der noch nie gesehenen Größe irgendwie unsinnig. Aber von Drachen und Riesen hat er schon mal in Geschichten gehört...

Solche Identifikationen kann es heute garantiert nicht mehr geben? Wir sind allgemein so aufgeklärt, dass man solche Überreste leicht identifizieren kann? Dann lade ich mal auf eine Nummer kleiner ein: Um was für einen Schädel handelt es sich hier in diesem Glas?


Lösung: Ich habe keine Ahnung. Obwohl ich ihn selbst zufällig bei einem Gang durch den Wald entdeckt habe.
Weil er mich stark an diverse Fantasy-Filme erinnert hat, habe ich in gereinigt und als Ausstellungsstück á la Renaissance-Wunderkammer präpariert. Vorbild dafür war das Vegetable Lamb aus dem Londoner Garden Museum. Als ironisierendes Element fügte ich die Beschriftung "Draco Crichgovianus" ("Kraichgauer Drache") bei. Besser als Fantasy-Deko nutzen als wenn man das Ding in einem Karton in einem staubigen Schrank einlagert. Und gelegentliche Besucher haben auch was davon.


Kommentare:

  1. Iich schlage Reh vor oder verirrtes Schaf, und natürlich weis ich, daß es im Artikel um vorschnelles schliessen auf Dummheit oder Klugheit geht.

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    1. Guter Vorschlag. Sicher ist jedenfalls, dass es von einem Förster erwischt worden ist. In der rechten Seite ist ein Einschussloch.

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