Montag, 16. Juli 2012

G.-K. Kaltenbrunner und G. K. Chesterton

Martin Johannes Grannenfeld hat einen Artikel über Gerd-Klaus Kaltenbrunner geschrieben. Und verweist gleichzeitig auf einen ungesunden - weil undialektischen - Mystizimus:


"[...] Der glaubenstreue Katholik Kaltenbrunner, der täglich das Brevier betete, der an die Wirklichkeit der Engel glaubte und das Gras in seinem Garten nicht mähte, weil sie sich dort aufhalten könnten, fing an, sich seine eigene Miniatur-Kirche zu bauen. Als ich das hörte, musste ich unwillkürlich denken, “wie narzisstisch”. Sein Ungenügen an der Welt steigerte sich in seinen letzten Jahren zu einem regelrechten Weltekel – einen Begriff, den er offensichtlich selbst benutzt hat. Zu einem Leben nach dem christlichen Grundsatz “in der Welt, aber nicht von der Welt” war er immer weniger fähig. Er schuf sein eigenes Himmelreich auf Erden, sein irdisch-himmlisches Utopia. Hier traf er sich mit Leni Riefenstahl – doch während ganz Europa unter den Vollkommenheitsphantasien litt, denen Riefenstahl anhing, litt an Kaltenbrunners Vollkommenheitsphantasien nur er selbst. Der Rückzug aus der Welt brachte ihm keinen Frieden. Der Ekel wurde nur noch stärker. Am Ende, so erzählt Magdalena Gmehling, hatte er alle Kraft zum Weiterleben verloren. Er legte sich auf den Boden und starb.
Ich muss hier an einen Satz von Botho Strauß denken. “Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muss sein: ohne sie”. Der Satz ist nur deshalb so aufregend, weil er ein dialektischer Satz ist. Kaltenbrunner aber hat in seinen letzten Jahren ein komplett undialektisches Leben geführt. Das Leben eines Mystikers, hätte ich beinahe gesagt, wenn nicht auch dies eine dialektische Formulierung wäre: denn das Leben, das verweist auf die Erde, der Mystiker, das verweist auf den Himmel. Die Dialektik zwischen Himmel und Erde, zwischen Schon-jetzt und Noch-nicht, zwischen in-der-Welt und nicht-von-der-Welt, zwischen Christi erster und zweiter Ankunft, das ist die grundlegende Dialektik des christlichen Glaubens. Niemand auf der Welt kann sich ihr entziehen, auch der Mystiker nicht, der schließlich auch ins Leben, in den Alltag zurückmuss.
Erst im Himmel können wir undialektisch sein. Wenn man diese grundlegende Wahrheit leugnet, wird man eitel, narzisstisch und unglücklich. Wenn man die Kirche nicht auch und gerade in ihrer schrecklichen Entstellung liebt, liebt man sie gar nicht. Da helfen auch keine Miniatur-Kelche. Man ist dann wie ein Kind, das denkt, dass Saddam Hussein sich vor der Playmobil-Burg fürchtet.
Solange Kaltenbrunner in der Botho-Straußschen Meta-Dialektik zwischen Dialektik und Undialektik stand, konnten seine großen Werke entstehen. In der ersten Hälfte der 90er Jahre war er ein Aufbrechender, ein Abenteurer, der sich auf das Wagnis einließ, den Mainstream/die politische Publizistik/die Dialektik zugunsten des Abseitigen/der Religion/der Undialektik zu verlassen. In dieser Spannung entstand Großes. Sobald die Spannung aufhörte, sobald Kaltenbrunner in der Undialektik angekommen war, musste er verstummen. [...]"


So ganz anders war sein Namensvetter (in brevitate) G. K. Chesterton. Statt der Welt einen Mystizismus aufzuzwingen, sah er auch in den alltäglichsten Dingen etwas ganz Besonderes und Geheimnisvolles. Für ihn war das Leben kein "Wettrennen", kein Aufeinanderphilosophieren bis sich eines Tages die Welt darin auflösen würde. Das Leben war für ihn ein "Tanz". Ein geheimnisvoller Tanz, in dem wir uns alle bewegen, der uns jetzt noch paradox und bizarr vorkommt, der aber eines Tages aufgelöst werden wird. Und zwar von demjenigen, der ihn aus Liebe begonnen hat. In diesem Sinne schon sehr nahe an Platons Ideenlehre dran, nur dass sie christlich gelöst wird. Die schönste Darstellung dieses Gedankens findet man in dem 1908 von ihm veröffentlichten Werk "Der Mann, der Donnerstag war":

"Soll ich euch das Geheimnis der Welt verraten? Es ist, dass wir nur die Rückseite der Welt kennen. Wir sehen alles von hinten und es sieht brutal aus. Es ist nicht der Baum, sondern nur die Rückseite des Baums. Das ist nicht die Wolke, sondern nur die Rückseite der Wolke. Könnt ihr nicht sehen, dass alles sich umdreht und sein Gesicht versteckt? Wenn wir nur das Gesicht sehen könnten..."


1 Kommentar:

  1. und das Gras in seinem Garten nicht mähte, weil sie [Engel] sich dort aufhalten könnten

    Ich vermute mal, bei mir treten die immer freundlich einen Schritt zur Seite wenn ich mit meinem Rasenmäher vorbeikomme. Wo ist also das Problem?

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