Mittwoch, 4. Juli 2012

Ist die "moderne" Philosophie am Ende?

In der "Jungen Freiheit" (Nr. 26/12, 22. Juni 2012) stieß ich im Kultur-Teil auf den Artikel "Der Tod der Meisterdenker" von Baal Müller, der auf den heutigen Bedeutungsverlust des Faches Philosophie hinweist:

"[...] Woraus resultieren diese Gebrechen? Die Schwäche der neuzeitlichen Philosophie könnte gerade in ihrer vermeintlichen Stärke bestanden haben. Immer mehr wurde ihr aufgeladen, nachdem sie sich von der mittelalterlichen "Magd der Theologie" zur Königin der Wissenschaft emporgearbeitet hat: Alles Wissen musste sie zusammenfassen und in eine Form bringen, die der Ordnung des Seienden entsprechen sollte, und den Bogen zur Religion einerseits, zu sämtlichen Einzelwissenschaften andererseits schlagen.
Diese Verpflichtung zur Sinnstiftung überforderte sie schon in der Zeit Schopenhauers, Hegels und Marx´, die ihre großen Systeme nur um den Preis der "Entweltlichung" zustande bringen konnten. Je mehr das Wissen der Menschheit explodierte, desto größer wurde die Gefahr des Reduktionismus, desto näher rückte der Totalitarismus, der immer droht, wenn man die Welt "auf den Begriff bringen" oder wie ein getrocknetes Blatt zwischen den Buchdeckel pressen will, handelt es sich nun um ein religiöses oder ein philosophisches Buch. [...]"

Das alte Problem also, dass die Philosophie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen droht. Dazu gesellt sich noch ein weiterer Aspekt. Nämlich dass die Grundlagen der Philosophie vergessen werden. Eine Philosophie kann nicht einfach so ex nihilo entstehen, sie baut immer auf Erfahrungen auf. Das tun die verschiedensten Richtungen wie Idealismus, Kommunismus und Existenzialismus ja auch. Doch die Gefahr besteht darin, dass sie sich selbst verabsolutieren und ihre Ursprünge entweder vergessen oder absichtlich ablehnen. Und bilden sich darauf ein, alle Probleme der Welt lösen zu können, weil sie das "bessere System" sind. Dass sie eigentlich gleichberechtigt sind, wird abgelehnt, da sie selbst "fortschrittlicher" und "moderner" seien - was das auch immer zu bedeuten hat. Und entfremden sich immer mehr von der Wirklichkeit. Der Idealismus ging von einer zunehmenden Vervollkommnung im Laufe der Geschichte aus - und knickte in den deutschen Revolutionsjahren 1848/49 unter dem Aspekt der brutalen Kämpfe zwischen demokratischer Revolutionären aus dem Volk und monarchistischen Truppen der Fürsten zusammen. Der Kommunismus ging davon aus, dass alle Menschen durch die Abschaffung und Verstaatlichung des Privateigentums wirtschaftliche und damit existenzielle Gerechtigkeit erfahren würden - und übersah die Schwächen und die Unnormierbarkeit des Menschen, deren Leugnung schließlich ein ganzes Weltreich zusammenbrechen ließ. Der Existenzialismus geht davon aus, dass das Wesen vor seiner Definition komme, der Mensch an sich also nicht definierbar sei - und verliert sich in zunehmender Planlosigkeit, die auch nicht mehr davon ausgeht, dass Ideologien ideologisch seien.


Sie verlieren also mit ihrer Verabsolutierung gegenüber anderen Philosophierichtungen zunehmend den Boden unter den Füßen, was bei den modernen Strömungen das auffallendste Merkmal ist. Chesterton hat schon vor fast hundert Jahren hingewiesen, dass die modernen Philosophien eigentlich nur noch aus Leugnung und Negation des Vorherigen bestehen. Die oben genannten wollten unbedingt eine "Ablösung" alles Vorhergehenden sein. Und fingen an, an sich selbst zu ersticken.

Eine ähnliche Beobachtung kann man heute beim Relativismus machen, der nicht aus einer Hauptströmung, sondern vielmehr aus viel Sympathisanten besteht - selbst unter Laien und Experten aus eher unerwarteten Fachrichtungen (vergleiche Gotthold Hasenhüttl), da man davon ausgeht, dass wenn jeder recht habe, dies der natürlichste Zustand der Philosophie wäre. Siehe die Aufforderung der "evolutionistisch-humanistischen" Giordano-Bruno-Stiftung statt "10 Gebote" eher "10 Angebote" zu proklamieren. Ob sich damit eine Gemeinschaft unter Menschen organisieren lässt oder dies nur in einer vorgegebenen Fürsorgegesellschaft wie in unseren Breitengraden gilt, die einem praktisch das Denken abnimmt und einem nur das Wüten gegen andere übrig bleibt, ist hier die Frage. Wenn "Kunst, Wissenschaft und Philosophie" (Michael Schmidt-Salomon) ein Ersatz für Religion in der modernen Zeit sein sollen, was ist dann dieses Ding, das sich "Philosophie" nennt? Und was sind "Kunst" und "Wissenschaft"?
Alle drei Begriffe sind nur dann möglich, wenn eine Richtung vorgegeben ist, da alle drei nach Verständnis suchen. Ja, auch die Kunst, denn sie wirft bei ihrer Arbeit und bei ihrer Betrachtung ebenfalls Fragen auf und bietet Hilfe an.

Wahrscheinlich (das ist zumindest meine Meinung) war das mittelalterliche Verständnis der Philosophie unter der Scholastik das zutreffendste. Drückt man heute der "Magd" alle möglichen Lösungsantworten auf, die sie wahrscheinlich nie bewältigen wird, so hatte sie im Mittelalter eine natürliche Vorreiterrolle inne, Erkenntnisse zu hinterfragen, zu festigen und verständlich zu machen. Man schaue sich nur die ersten Seiten der "Summa Theologiae" des Thomas von Aquin an. Thomas traute dem menschlichen Denken und Schlussfolgern - auch gegenüber den Göttlichen Offenbarungen - sehr viel zu. Wenn alles relativ, also in seiner letzten Konsequenz nicht erkennbar sei, könnte man eigentlich nicht einmal sprechen. Gleichzeitig schob er der Gefahr einer Hermetisierung der Wissenschaften einen Riegel vor. Bestimmte Fragen seien noch nicht beantwortbar, da man noch nicht umfassendere Kenntnisse besitzt (z.B. bei der Frage, ob sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde drehe. Er wies auch auf eine womöglich unerwarteten dritten Lösungsmöglichkeit hin) oder bei den Untersuchungen etwas übersehen hat. Auch wenn es sich um ein Werk handelt, das in erster Linie für zukünftige Priester geschrieben war, zieht sich die Rolle der Philosophie wie ein roter Faden durch das Werk. Die Philosophie kann man als "Magd" bezeichnen. Diese Bezeichnung aber nur als abfällige Bemerkung beurteilen und sie von dieser "überholten Rolle" befreien zu wollen ist das ungerechteste, was man tun kann.

Was also tun bei morschen Philosophien der Moderne? Fleißig sich mit den alten Werken, besonders mit Thomas von Aquin auseinandersetzen und die maroden Stellen durch Stabileres ersetzen. Sauerteig also im architektonischen Sinne.


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