Mittwoch, 18. Juli 2012

Mit Nietzsche in den Untergang

Eigentlich habe ich den Begriff des "Übermenschen" von Friedrich Nietzsche bisher für einen ideellen Begriff gehalten, ungefähr so den "Genie"-Begriff in der Sturm-und-Drang-Zeit ("Das Genie steh als natürlich handelnder über dem Gesetz des Staates"), von dem sich Schiller in seinem Werk "Die Räuber" teilweise distanziert hat. Bis ich zufällig den Vortrag eines Professors hörte, der auf die reale Gefährlichkeit von Nietzsches Nihilismus und Überzeugung vom "Übermenschen" hinwies, der wider jegliche Vernunft die "Moral", den Unterschied zwischen Gut und Böse überrennen würde, nur um seinen eigenen "Willen"und "Trieb" nicht bändigen zu müssen. Dass auch andere Menschen sich danach orientieren würden, hat er schon geahnt und sich selbst als neuen Heilsbringer aufgespielt, auch wenn er ein ganz und gar dämonischer ist, wie man in seinem autobiographischen Werk "Ecce Homo" (Kapitel: "Warum ich ein Schicksal bin") lesen kann:


"Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. – Und mit alledem ist nichts in mir von einem Religionsstifter – Religionen sind Pöbel-Affären, ich habe nötig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine »Gläubigen«, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche Angst davor, daß man mich eines Tags heilig spricht: man wird erraten, weshalb ich dies Buch vorherherausgebe, es soll verhüten, daß man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem – denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige – redet aus mir die Wahrheit. – Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hieß bisher die Lüge Wahrheit. – Umwertung aller Werte: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Los will, daß ich der erste anständige Mensch sein muß, daß ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiß... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch daß ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab, ich kenne Aufgaben von einer Höhe, daß der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen. Mit alledem bin ich notwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Tal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg[1153] aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an gibt es auf Erden große Politik. –



Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? – Sie steht in meinem Zarathustra.
– und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.
Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.


Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schließt nicht aus, daß ich der wohltätigste sein werde. Ich kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäß ist, – in beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neintun nicht vom Jasagen zu trennen weiß. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. – [...]



[...] – Hat man mich verstanden? – Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte. – Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereignis, das nicht seinesgleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal – er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebtvor ihm, man lebt nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch etwas in den Händen hat. Alles, was bisher »Wahrheit« hieß, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu »verbessern«, als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt, hat den Unwert aller Werte mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochnen Typen des Menschen nichts [1159] Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnisvollste Art von Mißgeburten darin, verhängnisvoll, weil sie faszinierten... Der Begriff »Gott« erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff »Jenseits«, »wahre Welt« erfunden, um die einzige Welt zu entwerten, die es gibt – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrigzubehalten? Der Begriff »Seele«, »Geist«, zuletzt gar noch »unsterbliche Seele«, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – »heilig« – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das »Heil der Seele« – will sagen eine folie circulaire zwischen Bußkrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff »Sünde« erfunden samt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff »freier Wille«, um die Instinkte zu verwirren, um das Mißtrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des »Selbstlosen«, des »Sich-selbst-Verleugnenden« das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelocktwerden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden- Können«, die Selbst-Zerstörung zum Wertzeichen überhaupt gemacht, zur »Pflicht«, zur »Heiligkeit«, zum »Göttlichen« im Menschen! Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Mißratnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zugrunde gehn soll-, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgeratenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heißt nunmehr der Böse... Und das alles wurde geglaubt als Moral! – Ecrasez l'infâme! – –

– Hat man mich verstanden; – Dionysos gegen den Gekreuzigten..."


Wer sich schon näher mit Nietzsche beschäftigt hat, dürfte der Vorwurf, er sei an seiner eigenen Philosophie wahnsinnig geworden, nicht näher überraschen - auch wenn es sich um eine tödliche Syphilis-Infektion handelte, die in seinen letzten elf Jahren sein Gehirn zerfressen hat. Das was Nietzsche im letzten Kapitel seiner Autobiographie geschrieben hat, ist nicht mehr eins unter anderen Werken, sondern eine Zusammenfassung seiner Philosophie und seines Lebens, seiner Meinung, dass nur der Stärkere ein Recht auf ein volles Leben habe. offen bleibt an dieser Stelle, ob physisch, intellektuell oder finanziell stärker. Nietzsche selbst war körperlich schwach bis kränklich, aber stammte aus einer stark aristokratischen Gesellschaft, was ihm viele Vorteile brachte. Auch in seinem philosophischen Schaffen. Da er gesellschaftlich abgesichert war, konnte er sich ruhig über die Moral auslassen - ohne dass es auf ihn selbst zurückfallen würde. Da konnte es ihm eigentlich egal sein, dass Moral eigentlich die Essenz aus dem Guten ist, was er so verlangt für den Menschen und gleichzeitig angeekelt abstößt. Und dass das Christentum diese Moral immer mehr für den Menschen kultiviert und in den Alltag miteingebunden hat, statt sie in der Theorie verbleiben zu lassen.

Dass er als sein persönliches Vorbild den griechischen Gott Dionysos ausgewählt hat, den Gott des Weines und somit der "Lebensfreude", dürfte eigentlich auch nicht beruhigen. Denn Dionysos, der auch als Gott der Ekstase gilt, führte die Mänaden mit sich, wilde Frauen, die im Rausch jeden zerreißen, die sich dem Weingott widersetzten. So ähnlich wurde auch bei zwei weiteren Bewunderern von Nietzsche, Hitler und Mussolini, verfahren, die sich an seiner These orientierten: "Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische." Der letzte Dammbruch ist das Verwischen von Gut und Böse, wenn nur noch für den Vorteil einer (fiktiven) "Menschheit", eines "Volkes" oder einer "Rasse" argumentiert wird, jeder Einzelne dafür also aufgeopfert wird, weil er alleine keine Existenzberechtigung innerhalb dieser auf Hedonismus ausgerichteten Gattung hätte. Der einzelne Übermensch soll in diesem gemeinsamen Willen der Übermenschen untergehen. Wohin das führte, weiß man ja aus dem Geschichtsunterricht.


Dass man mit dem gleichen Philosoph heute gerade das Gegenteil fordert, ist so gesehen eigentlich nur noch peinlich. Man sehe sich den "Denkladen" diverser "Freidenker" an oder den Versuch, Grundrechte für Menschenaffen zu schaffen. Weil sie sich durch Entwicklung und Intelligenz dazu gewürdigt haben, als "Menschen" angesehen zu werden. Der entsprechende Tierethiker Peter Singer, der eine ausgewachsenen Kuh im Schlachthaus als schützenswerter ansah als werdendes menschliches Leben und sich sogar für eine Tötung von Neugeborenen mit Behinderung aussprach, wurde sogar von der Giordano-Bruno-Stiftung, die für die oben genannten Seiten geradesteht, mit einem "Ethik-Preis" ausgezeichnet. Für unsere intelligenten "Mitmenschen", die Menschenaffen, natürlich. So was könnte man eigentlich als "Intelligenzia-Faschismus" bezeichnen, alles rein wissenschaftlich und am Wohl "der Anderen" orientiert. Und ob di Abschaffung von "Moral" wirklich so eine gute Idee ist, sollte sich Michael Schmidt-Salomon auch noch einmal überlegen, wenn er schon mit dem Buchtitel "Jenseits von Gut und Böse" direkt auf Nietzsche zurückgreift...


Zurück zur Philosophie und Friedrich Nietzsche selbst. Ein wunderbar inszeniertes Kommentar hat das "Theater of the Word Inc." mit der EWTN-Serie "Chesterton - Apostle of Common Sense" gegeben, dem ich jetzt gerne das Feld überlassen würde.


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