Mittwoch, 18. Juli 2012

Religion: Atheismus

Was mich persönlich bei den sogenannten "Neo-Atheisten" stört ist nicht die Sache, dass sie nicht an Gott glauben bzw. eher eine Existenz Gottes ablehnen. Das wäre ungefähr so, wie wenn ich einem Juden vorwerfen würde, er würde nicht an Jesus als den Messias glauben oder einem Muslim, er würde Mohammed für einen Propheten halten. Also unsinnig, weil es zum Judentum an sich gehört, dass der Messias erst noch kommen soll, und zum Islam, dass Mohammed als Prophet angesehen wird. Warum also einem Atheisten vorwerfen, dass er an eine Existenz Gottes nicht glaubt?
Was mich persönlich stört bei den sogenannten "Neo-Atheisten" ist die Sache, dass sie aus der geforderten Abschaffung der Religionen keine richtige Konsequenz ziehen in dem Sinne, dass es an sich überhaupt NICHTS gibt, dem eine Verehrung zukommen soll, NICHTS woran man sich binden kann (nach der Religionsdefinition Ciceros). Es wird eher andauernd negativ parodiert, statt wirkliche Alternativen zu bringen. Ein schönes Beispiel dafür ist in Deutschland die Giordano-Bruno-Stiftung, aus dem englischsprachigen Teil der Welt die Brights. Vorherrschend in solchen Parodien sind Kritik an Religion (besonders der staatlich unterstützen Kirche) sind Verweise, dass religiöse Menschen intolerant, besonders gewalttätig (ständige Nennung des 11. Septembers), zu dumm wären, um sich mit Wissenschaft zu beschäftigen (dazu ein schöner kath.net-BerichtPro Spe Salutis weist darauf hin, dass solche Witze sogar durch Listen erlernbar wären... ) bzw. zu merken, dass sie von der Kirche ausgenutzt werden würden und vor allem nicht an die Evolutions-Theorie glauben würden ("Nobody expects the German Inqusition!"). Gerne wird auch der Kult innerhalb einer Religion als Beweis für ihre Bizarrheit aufgeführt. Dabei ist eigentlich selbst der schwachsinnigste Vergleich erlaubt.
Worauf nicht geachtet wird, ist, dass sie selbst so handeln. Gestern bin ich zufällig bei einer Bildersuche auf ein interessantes Posting auf dem Blog diesseits.de gestoßen, der über einen Religionsdesput in Berlin berichtet. Der Bericht über den Auftritt von Philipp Möller(hier in Aktion), dem Pressereferenten der Giordano-Bruno-Stiftung, nimmt leicht bemerkbar schon Züge einer atheistischen Hagiographie an:

"[...] Den nächsten Beitrag im Schlagabtausch der Argumente muss ein dem Publikum noch nahezu Unbekannter liefern. Eigentlich hätte der Satiriker Martin Sonneborn jetzt sprechen müssen. Dieser musste sein Kommen jedoch kurzfristig absagen. Stattdessen luden die Veranstalter kurzfristig den Berliner Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung Philipp Möller ein, der zugleich auch Pressereferent der Bundesstiftung ist. Welch glücklicher Umstand für die Veranstalter, denn der erst 30-jährige Mathelehrer an einer Berliner Grundschule brachte Schwung in die bislang fade Diskussion. Dem selbstzufriedenen Auftritt des Spiegel-Journalisten verpasste Möller schon mit seinem ersten Satz eine markige Kritik: "Wer leichter glaubt, wird schwerer klug Herr Matussek." Hätte man den Disput mit einer Partie Schiffe versenken ausgetragen, dies wäre ein Doppeltreffer gewesen. Schwer angeschlagen, doch noch nicht untergegangen, verfolgte Matussek die weitere Debatte eher beobachtend und fiel erst am Ende mit dem Vorwurf des Antisemitismus wieder auf.

Doch zurück zu Philipp Möller. Sein nahezu fehlerloser rhetorischer Auftritt wurde nur vom Johlen und Klatschen des Publikums unterbrochen, selbst Stefan Aust staunte nicht schlecht ob der Pfeile, die Möller zielsicher vom Podium feuerte. Religiosität setzte er mit kindischer Mythologie gleich, da man "die Existenz Gottes ebenso wenig widerlegen könne, wie die der Zahnfee." Er regte sich über die vom Staat bezahlte rhetorische Ausbildung namens Theologiestudium auf und plädierte für "Heidenspaß statt Höllenqual". Und wer immer noch der Meinung war, die Kirchen hätten einen Beitrag zur Zivilisierung des Menschen geleistet, den erinnerte er daran, dass Demokratie, Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht mit, sondern gegen die Kirche durchgesetzt wurden. Hier brach jemand den Burgfrieden einer unanständig anständigen Meinungsaustauschs und lieferte damit das Salz, dass der bis dato selbstreferenziellen Debattensuppe nun den Hauch eines schmackhaften Eintopfs gab. [...]

[...] Das Publikum schien derweil seinen Liebling in Philipp Möller gefunden zu haben. Denn obwohl dieser die jüdische und christliche Religion anfangs in die Tradition eines "Hirtenvolks" stellte und anschließend behauptete, dass Einstein nur deshalb ein großer Wissenschaftler werden konnte, weil er sich von seinem "kindischen Aberglauben" gelöst habe, stand das Publikum hinter ihm. Denn umgehend wurde Möller von Imkamp und Matussek des Antisemitismus bezichtigt, was das Publikum mit lauten Buh-Rufen quittierte. Der ehemalige Spiegel-Kulturchef entblödete sich nicht einmal, Hitler zu zitieren, um Möller und die versammelten Atheisten in die nationalsozialistische Ecke zu stellen. Imkamp verstieg sich gar in dem Satz: "Die Judenverfolger, das sind Sie!" [...]

[...] Die abschließenden 100 Sekunden der Diskutanten, ihre Position noch einmal zu erläutern, brachte keine Überraschungen mehr. Nur Möller versuchte noch einmal, Aufmerksamkeit zu erzeugen: "Bilden statt Beten. Pauker statt Pfarrer, Möller statt Mixa", so lautete sein Resümee des Abends, mit dem er noch einmal die respektvollen Lacher auf seiner Seite hatte. Am Ende aber blieb das fade Gefühl, einer Diskussion beigewohnt zu haben, die von Beginn an nicht auf die Kraft des Arguments ausgelegt war, sondern auf ein Nebeneinanderstellen längst bekannter Meinungen. Allein Philipp Möller hat mit seiner wenig angepassten Art für Emotion und Leidenschaft in der Diskussion gesorgt - in beide Richtungen. [...]"

Schöne Grüße von der ersten Predigt des Heiligen Antonius von Padua. Diese Geschichte von einem zufällig gefundenen Prediger, der bisher nie aufgefallen war und sich aus Demut immer im Hintergrund hielt, bis er seine wahre Berufung fand, finde ich immer noch glaubwürdiger als der oben zitierte einseitige Bericht. Das zeigt übrigens auch der Disput selbst, der auf Youtube ausgestrahlt wurde. Philipp Möller kommt bei 28:00, ebenfalls interessant sind die Vorträge von Matthias Matussek (20:20) und Prälat Imkamp (41:10):


Abgesehen davon, dass er doch wie alle anderen Disputanten gewesen ist, auch wenn er bei 49:00f eine sehr empfindliche Stelle getroffen hat mit seiner Bemerkung vom "jüdischen Aberglauben" (Imkamp und Matussek sind also schon zurecht ausgerastet), eigentlich doch nichts Besonderes. Auch die Frage, wie es denn mit karitativen Einrichtungen der Kirche ohne Kirche - sprich: ohne Christentum - weitergehen soll (55:00), bleibt so ungeklärt wie der damalige reale Versuch von Julian Apostata, die christliche Caritas auf seinen Neopaganismus zu übertragen. Letzteres konnte trotz finanzieller Unterstützung und Ausbildung der heidnischen Priester nicht umgesetzt werden, weil es diesen an Motivation durch ein positives Menschenbild mangelte, das heute bei uns als Selbstverständlichkeit verbreitet ist, was aber gerne von den Neo-Athisten abgesprochen wird. Auch die Phrase "Möller statt Mixa"(58:00) ist eigentlich nur noch abgedroschen, weil Bischof Walter Mixa längst nicht mehr Bischof in Augsburg ist. Dank solcher Leute, die nur noch hirnlos auf ihn eingedroschen haben. Der Witz von der "Schnacksel-Gloria" (56:20) passt übrigens auch nicht wirklich zum Thema "Menschen in Afrika", sondern zeugt eigentlich nur noch von einem oberflächlichen Schubladendenken, das auf alles, was dagegen spricht, nur noch dreinschlagen kann. Also nicht gerade die Lebensweise eines Heiligen, beziehungsweise einen, der diese gerne durch anderes ersetzen würde.
Wodurch eigentlich? Bei den Christen (und auch bei anderen Religionen) ist es Gott (bzw. ein göttliches Prinzip wie im Buddhismus). Bei den Atheisten also ein Nichts? Natürlich nicht. Es ist der vernünftige Mensch. Was das auch immer zu bedeuten hat, im 20. und im 21. Jahrhundert ist er sehr schwer zu finden, wenn man bedenkt, was der schon alles angestellt hat. Und woran orientiert sich dieser vernünftige Mensch? An der Wissenschaft, also an der Evolution, im übertragenen Sinne am Universum. In seinem Vorwort zu seinem Buch "Der Gotteswahn" verneigt sich Prof. Richard Dawkins vor dem Werk des "Universums". Er merkt es sogar schriftlich an, sonst würde ich es an dieser Stelle ja nicht zitieren. In der Giordano-Bruno-Stiftung nimmt das sogar noch schrägere Dimensionen an:


Apropos: Warum sollen wir denn der Evolution dankbar sein, wenn diese eigentlich eher aus Selektion von Schwächeren und Überleben von Stärkeren durch zufällige Mutation besteht als aus selbständige Designen der Lebensformen durch "Mutter Natur" oder sich selbst, wie uns so gerne erklärt wird?
Monteverdi ist mir übrigens sympatischer...

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