Donnerstag, 2. August 2012

"Der Hängebaum" (XXXIII) aus "Gesta Romanorum". Oder: Dinge, die man nicht unbedingt kommentieren muss

Mit vielen Geschichten ist es so wie mit Witzen. Wenn man zu viel erklärt und ausführt, verliert die Pionte, die eigentlich Überraschung hervorrufen soll, ihre Überraschung und der Witz wird uninteressant. Viele Geschichten der mittelalterlichen Geschichtensammlung "Gesta Romanorum" (meiner derzeitigen Ferienlektüre) haben daher eine separate Erklärung, Moralisation ("Moralisacio" bzw, im sauberen Latein "Moralisatio"), die die Lehre aus der Geschichte aufführt. Etwas befremdlich ist dabei jedoch, dass man selbst aus Anekdoten, die eigentlich nur zur kurzweiligen Unterhaltung dienen sollen, für Glaubensunterweisungen herangezogen werden. Was teilweise sehr amüsant, aber auch ein wenig brutal sein kann, wie die Geschichte vom "Hängebaum" (XXXIII):

"Valerius berichtet, ein Mann namens Peratinus habe seinem Sohn und allen seinen Nachbarn sein Leid geklagt: "O weh, ich habe in meinem Garten einen unglücklichen Baum, an dem sich meine erste Frau aufgehängt hat, darauf meine zweite und jetzt meine dritte, und darum leide ich erbärmlich." Da sagte ein gewisser Arrius zu ihm: "Ich wundere mich, dass du bei solchen Erfolgen Tränen vergossen hast. Gib mir bitte drei Triebe jenes Baumes, weil ich die Absicht habe, diese an meine Nachbarn zu verteilen, damit jeder einzelne einen Baum hat, an dem sich seine Frau erhängen kann." Und so geschah es.
Moralisation: Liebste Freunde, dieser Baum ist das Heilige Kreuz, an welchem Christus hing. Dieser Baum muss in den Garten des Menschen gepflanzt werden, solange die Seele eine fortdauernde Erinnerung an das Leiden Christi hat. An diesen Baum werden die drei Frauen des Menschen gehängt d.h. die Überheblichkeit des Lebens, die Begierde des Fleisches und die Lust der Augen. Denn der Mensch, der sich der Welt hingibt, heiratet drei Frauen: die eine ist eine Tochter des Fleisches, die man Lust nennt, die zweite ist eine Tochter der Welt mit dem Namen "Begierde", die dritte ist eine Tochter des Teufels, die Überheblichkeit heißt.
Doch wenn der Sünder auf Grund der Gnade Gottes Reue zeigt, hängen sich diese Frauen auf, weil sie ihren Willen nicht durchsetzen können. Die Begierde erhängt sich am Strick der Barmherzigkeit, die Überheblichkeit am Strick der Demut, die Lust erhängt sich am Strick der Enthaltsamkeit und der Keuschheit. Der Mann, der um die Triebe bat, ist der gute Christ, der mit ganzer Kraft danach streben und verlangen muss, nicht so sehr für sich selbst wie für seine Mitmenschen. Der Weinende ist ein unseliger Mensch, der das Fleisch und alles Fleisch mehr liebt als das, was vom Heiligen Geist erfüllt ist. Trotzdem wird ein solcher Mensch in der Regel auf den rechten Weg geführt werden können und so das ewige Leben erhalten."

Eine ähnliche Moralisation könnte man auch mit einem bekannten Epigramm von Martial machen:

"Fabianus, deine Frau hatte alle Freundinnen, die sie hatte, zu Grabe getragen.
So möge sie auch meiner Frau Freundin sein!"
(Epigramm 4,24)




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