Dienstag, 7. August 2012

Der Nestorianismus. Von Johann Peter Kirsch


Bei dem arianischen Streite hatte es sich um das Verhäaltnis des vorweltlichen Sohnes Gottes zum Vater, also um das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit gehandelt. Das ewige Wort Gottes ist aber in der Zeit Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt; es musste also die weitere Frage entstehen, wie man sich das Wohnen Gottes im Fleische, das Verhältnis des Göttlichen zum Menschlichen in Christus zu denken habe. So entstanden die christologischen Kämpfe, die fast 250 Jahre gedauert haben; auch ihr Schauplatz war vornehmlich die östliche Reichshälfte.

Ein Vorspiel dieser Streitigkeiten war der Apollinarismus im vierten Jahrhundert. Bischof Apollinaris von Loadicea in Syrien war ein gelehrter Mann, der sich im Kampfe mit den Arianern und auch als theologischer Schriftsteller unbestreitbare Verdienste erworben hatte. Aber später bildete er eine eigentümliche Lehre über die Person Christi aus, bei der er trotz aller kirchlicher Verurteilung bis zu seinem Tode verblieben ist. Er unterschied mit Platon in jedem Menschen zwei Seelen, eine geistige und eine tierische, die nur den Leib belebt; wen nun die Hl. Schrift sage, das Wort sei Fleisch geworden, so bedeute das, das Wort habe nur das von der niederen Seele angenommen. Die Gottheit habe nämlich in Christus die Stelle der geistigen oder vernünftigen Seele vertreten. Es sei auch unmöglich, dass zwei vernünftige Wesen, die Gottheit und die geistige Menschenseele, zu einer Person vereinigt würden. Diese Irrlehre wurde auf römischen Synoden und darnach auf dem zweiten allgemeinen Konzil von Konstantinopel verworfen.

Den Anlaß zu den großen christologischen Streitigkeiten im fünften Jahrhundert gab der Patriarch Nestorius von Konstantinopel. Er stammte aus Syrien und hatte in Antiochien den Theodor von Mopsuestia zum Lehrer. Seine Lehre, wie die seines Lehrers, war folgende: da die menschliche Natur Jesu einen freien Willen hat, so muss sie eine eigene Person bilden; in dieser hat der Sohn Gottes wie in einem Tempel gewohnt. Die Verbindung des Göttlichen und Menschlichen in Christus ist also keine physische, sondern nur eine moralische, d.h. eine Einheit des bloßen Willens; sie ist ferner durch die freie Mitwirkung Christi immer inniger und zuletzt bei seiner Auferstehung so enge geworden, dass seine Menschheit an der Ehre der Gottessohnschaft teilnimmt und angebetet werden kann. Nestorius nahm also zwei Personen in Christus an und duldete daher auch nicht, dass Maria Gottesmutter genannt werde, obschon dies von jeher in der Kirche geschehen war; er sagte, Maria habe Christus nur als Menschen, nicht als Gott geboren und könne daher höchstens Christusgebärerin genannt werden.
Der Streit begann damit, dass ein Priester in Konstantinopel in einer Predigt Verwahrung dagegen einlegte, dass Maria Gottesmutter genannt wurde. Das erregte Aufsehen; aber Nestorius nahm sich des Priesters an und erklärte dabei auch, es sei ein heidnischer Mythus, wenn man von einem in Windeln gehüllten und an Kreuz geschlagenen Gott spreche. Diese Predigt wurde in Ägypten bekannt und regte namnetlich die Mönche auf, weshalb der Patriarch Cyrill von Alexandrien in einem Schreiben an die Mönche die wahre kirchliche Lehre über Maria darlegte. Ein gereizter Briefwechsel der beiden Patriarchen war die Folge; der Gegensatz wurde verschärft durch die Rivalität, welche zwischen diesen zwei höchsten Bischofssitzen des Orients schon lange bestand. Beide, Nestorius und Cyrill, wandten sich jetzt an den Papst Cölestin I.; er hielt (430) eine römische Synode und drohte dem Nestorius die Exkommunikation an, wenn er nicht in zehn Tagen seine häretische Lehre widerrufe. Das päpstliche Schreiben gegen Nestorius ging zunächst nach Alexandrien; Cyrill fügte zwölf Sätze (Anathematismen) bei, in denen er die falschen Lehren des Nestorius einzeln verurteilte. Aber Nestorius stellte diesen zwölf Anathematismen zwölf andere entgegen; auf seiner Seite standen viele Bischöfe der Kirchenprovinz Antiochien, besonders der Patriarch Johannes von Antiochien und zum Teil auch Theodoret von Cyrus, ein bedeutender Schriftsteller jener Zeit, von dem uns eine Kirchen- und eine Mönchsgeschichte erhalten sind. Um den Streit zu schlichten, berief der Kaiser alle Bischöfe des Reiches zu einem Konzil nach Ephesus 431; es ist das dritte allgemeine.

Der hl. Cyrill erschien zu diesem Konzil mit fünfzig ägyptischen Bischöfen und hielt noch vor der Ankunft der päpstlichen Legaten und gegen den Widerspruch des kaiserlichen Bevollmächtigten Kandidian die erste Sitzung des Konzil ab, in der nach Verlesung der gewechselten Schriftstücke und viler Väterstellen Nestorius exkommuniziert und seiner bischöflichen Würde verlustig erklärt wurde. Die Entscheidung erfolgte erst in der Nacht; als sie bekannt wurde, war die Begeisterung in der Stadt allgemein; das Volk begleitete die Bischöfe Cyrill von Alexandrien und Memnon von Ephesus mit Fackeln und Rauchfässern in ihre Wohnungen. Als später die päpstlichen Legaten ankamen, wurden weitere Sitzungen gehalten; die Legaten unterschrieben auch die Absetzung des Nestorius. Die syrischen Bischöfe aber hielten sich unter er Leitung des Patriarchen Johannes von Antiochien, obschon sie bis in die Nähe von Ephesus gekommen waren, vom Konzile fern und setzte in einer Protestversammlung die Bischöfe Cyrill und Memnon ab. Kaiser Theodosius II. bestätigte die Beschlüsse beider Versammlungen, also sowohl die Absetzung des Nestorius als auch die des Cyrill und Memnon, und ließ alle drei gefangen nehmen; erst nach längeren Verhandlungen wurden auf Drängen des Klerus der Hauptstadt Cyrill und Memnon wieder freigegeben und Nestorius nach Ägypten verbannt, wo er gestorben ist. Im Jahre 433 wurde auch durch Theodoret von Cyrus der Friede zwischen dem hl. Cyrill und Bischof Johannes vin Antiochien vermittelt; der letztere unterschrieb eine Formel, in der er die Gottesmutterschaft Marias und die Absetzung des Nestorius anerkannte.

Aber in Edessa, der Hauptstadt Ostsyriens, welche eine Pflanzstätte für den persischen Klerus war, hielt man an den Schriften Theodors von Mopsuestia und an der Lehre des Nestorius fest; für sie traten besonders der Priester Ibas von Edessa und der persische Königshof ein, der letztere aus Feindseligkeit gegen Konstantinopel. In Persien haben sich die Nestorianer unter dem Namen chaldäische Christen bis heute [1900 bzw. 1910] erhalten, desgleichen an der Südwestküste Vorderasiens unter den Namen Thomaschristen.


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