Mittwoch, 8. August 2012

Nobody expects the German Inquisition! Martin Mosebach im Fadenkreuz

Damasus ist auf einen Artikel von Claudia Stockinger in der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" gestoßen mit dem schönen Titel "Feuilletonkatholizismus - Ein Nachruf". Schade daran ist eigentlich, dass sich der Artikel weniger auf das Thema "Katholizismus im Feuilleton" konzentriert, sondern sich nach einiger Zeit als Autoren-Bashing entpuppt. Im Fadenkreuz der Privat-Inquisition (auch "Deutsche Inquisition" genannt) ist der Schriftsteller Martin Mosebach. Das merkt man schon ganz am Beginn des Artikels als das Ende des "Feuilletonkatholizismus" angekündigt wird, der 2001 begonnen haben soll. Momentchen mal. 2001? Hat denn die gute Frau Stockinger noch nie etwas von G. K. Chesterton gehört? Er ist immerhin 1936 verstorben und hat schon lange vor seiner Konversion zum Katholizismus im Jahre 1922 für die katholische Kirche und die Lehre von Thomas von Aquin in seinen Artikeln geistreich geworben (man kann schon humoristisch sagen, er habe mit Weihwasser nur so um sich gespritzt). Ach so, der ist ja nur Engländer. Und im Interesse heutiger Medien nicht erwünscht, also in Wirklichkeit existiert er eigentlich gar nicht. Dagegen gehen Journalisten wie Mosebach, Matussek und Co ihnen so auf die Nerven, dass sie mit allen möglichen Mitteln verdrängt werden müssen. Da kann auch ein "Krawall-Katholik" schlimmer als ein Salafist werden.
Was soll also so schlimm am Herrn Mosebach sein? Er ist "Ästhet". Er sei wirklichkeitsfremd, weil er sich statt von "Missbrauchs-Skandal" niederknüppeln zu lassen für andere Dinge interessiert ("Für die bis dahin grundsätzlich ästhetisch - und nicht etwa ethisch - bestimmte Faszination einiger Vertreter des Feuilletons am Katholizismus dürften dergleichen Fragen (etwa Fragen nach einem Fehlverhalten der Institutionen und ihrer Träger) allerdings keine systematische Relevanz haben.")  und außerdem kein echter Christ, weil ein echter Christ sich nur für Nächstenliebe einzusetzen habe und nicht für ästhetische Schönheit. Außerdem habe er sich damit auch als "vorkonziliar" geoutet (Vorsicht! Piusbruder!) und sein Standpunkt sei "nicht theologisch" verhandelbar ("Der Feuilletonkatholizismus ist rückwärtsgewandt, er zielt auf eine (unbestimmte) Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil; sein Revisionismus wird ästhetisch und nicht theologisch begründet"). Für so etwas landet man innerhalb "fortschrittlicher Theologen" gerne mal auf dem medialen Scheiterhaufen, auch wenn diese sich eigentlich nie wirklich um theologische Begründungen scheren.
Dazu wird sein Werk mit dem Titel "Häresie der Formlosigkeit" aufgeführt, das Hauptbeweisstück bleibt aber für Stockinger ein Auszug aus seinem Roman "Eine lange Nacht". In einer schäbigen Kapelle in eine Hotel wird die Tridentinische Messe vollzogen. Nicht nur, dass der Priester mit dem "Rücken zum Volk" steht, nein! Es wird der Anspruch erhoben, dass die Messe etwas überzeitliches, der Welt enthobenes sei! ("Die überkommene Zelebrationshaltung wird damit zum sichtbaren Zeichen einer Rolle, die den Zugang zur - der irdischen Zeit enthobenen - Zeit der Liturgie vermittelt.") Vor allem stört die Autorin der Stil von Mosebach: "Wie Mosebach den alten Ritus inszeniert, ist interessant: Dieser vollzieht sich in einer geschmacklosen Umgebung, angeleitet durch einen wenig glaubwürdigen Priester, vor den Augen eines in die Geheimnisse der Messe uneingeweihten Beobachters." In der Welt von Frau Stockinger muss also alles perfekt sein: Die Umgebung muss tadellos sein, der Priester "glaubwürdig" (was das auch immer bedeuten soll) und der Gemeinde darf kein Geheimnis verborgen bleiben. Eine ideale Welt, an der sich bisher die meisten modernen Theologen das Genick gebrochen haben.
Dass Martin Mosebach sich als "Animist" bezeichnet (ist das denn nicht metaphorisch gemeint, liebe Claudia?) und vor allem das "Erlebnis" der Heiligen Messe in den Vordergrund stellt, bringt die Autorin dazu, ihn der modernen "Patchwork-Religion" zu bezichtigen, die ebenfalls all das zusammensetze, was ihr persönlich gefalle. Dass aber Mosebach die Grenzen der katholischen Kirche nicht verlässt und der Mensch nicht nur von Theorie leben kann, darauf wird nicht eingegangen. Sonst müsste man auch Aurelius Augustinus ins Fadenkreuz nehmen, da er in seinen "Bekenntnissen" davon spricht, die Natur und die verschiedenen Lebewesen gefragt zu haben, ob sie das seien, was er begehre, nämlich Gott, und von ihnen des besseren belehrt wird. Dass Augustinus selbst vehement forderte, dass die liturgischen Gerätschaften vergoldet sein müssen wegen dem heiligen Geschehen in der Messe darf ebenfalls nicht ausgelassen werden. Eindeutig christliche Schriftsteller wie Chesterton, Tolkien und C. S. Lewis haben ebenfalls ein sehr großes Verlangen nach Schönheit und Ästhetik gehabt, sie haben sogar Anreicherungen in heidnischen (antik, germanisch, usw.) Mythen gesucht und diese Eindrücke im christlichen Sinne weiterverarbeitet (Hier zum Beispiel sehr humoristisch). Sollen das jetzt alles Neo-Paganisten sein? Soll man Lewis Carroll einen gesunden christlichen Glauben absprechen, nur weil er sogenannte "Nonsense-Geschichten" verfasst hat, die bei genauerem Hinsehen doch nicht so sinnlos sind?
Was in diesem Artikel ganz klar übersehn wird ist, dass der Glaube weder ein hermetisch abgeschlossenes Gebilde ist, für das es nur unzulässige nebulöse Vergleiche gibt, noch dass es sich um eine Universitäts- und Medienreligion handelt, die nicht individuell, sondern unbedingt für ALLE zugänglich sein soll. Beides widerspricht sich eigentlich, ist aber auch egal. Die Messe gehört in die Kirche, alles was darüber hinaus geht, ist nicht christlich, weil es nicht in das Bild passt, das in der Öffentlichkeit vorherrscht. Vor allem was das Thema "Ästhetik" betrifft, setzt man lieber auf "Modernität" (was das wiederum auch immer bedeuten soll) als auf "Schönheit", die ja nach Thomas von Aquin ein Anzeichen für das Wahre und Gute ist. Hauptsache "volksnah". Obwohl eigentlich niemand mehr so richtig bei den Diskussionen durchblickt, die schon eher das Bild der Kirche zu beherrschen drohen. Und man schönes Dinge bevorzugt.
Gerade darin hat Mosebach recht. Die kirchliche Liturgie, die Jesus Christus selbst begründet hat, ist nicht von Menschen gemacht, darf vor allem nicht von Menschen gemacht sein, weil alles menschliche in sich die Gefahr von Irrtum und Fehlern birgt. Die Messe ist ein Gottesdienst, in dem Gott selbst in einem Menschen (nämlich dem Priester) auf geheimnisvolle Weise handelt und der deshalb im vollen Umfange dem Mensch verborgen bleibt. Wie wir die Erkenntnisse über Gott aus der Schrift durch Offenbarungen und seinem Handeln am Menschen erfahren, so erfahren wir auch in der Messe die Gegenwart Gottes in den Handlungen der Liturgie, die letztendlich zum Höhepunkt, der wirklichen Gegenwart Gottes in Sakrament und damit auch in unserem Alltag, hinführt.
In diesem Sinne: Ja, ich bin ebenfalls "Animist". Ich bin ein "Neo-Paganist", weil ich mich ebenfalls für Mythen interessiere und gelegentlich Parallelen in den Philosophien und den Gottesfragen dieser Menschen zum christlichen Glauben suche. Ja, ich bin ein durchgeknallter "Pius", weil ich mir so etwas unsinniges wie die Tridentinische Messe antue und nicht jeder neuen Idee nachlaufe, wie man die Messe für die breite Öffentlichkeit interessanter machen könne. Und er tut mir vor allem nicht leid für all diejenigen, die mich umsonst vom Gegenteil überzeugen wollten und mir deswegen aus dem Weg gehen.
Es macht mir sogar Spaß...



Kommentare:

  1. Super Artikel - und Frau Stockinger sauber Punkt für Punkt ausgezählt. Chapeau !

    AntwortenLöschen
  2. Lieder ist zur Autorin bei Herder nichts zu finden. Laut einer beliebten Suchmaschine ist sie Professorin für neuere deutsche Literatur, wahrscheinlich entsprechend "religiös unmusiklaisch" (Habermas).

    AntwortenLöschen