Dienstag, 21. August 2012

"Über das Mittelalter senkte sich die Finsternis" von Rolf Bergmeier. Oder: Unhistorische Polemik auf niedrigstem Niveau

Über die Humanisten der Renaissance ist ja allgemein  bekannt, dass diese gerne das "Mittelalter" (dessen Name erst im Jh. entstand) zugunsten der Wiederbelebung der Antike in Kultur und Gesellschaft verschmähten. "Gotik? Igitt! Wie konnte man sich nur so etwas leisten bei den vielen antiken Kunstschätzen, die jetzt erst wiederentdeckt worden sind!", mochte man sich damals die Nase rümpfen. Dass es sich dabei meist um eine harmlose Eitelkeit unter Gelehrten handelte, ist auch bekannt. Ein erlesener Kreis wie die Humanisten definierte sich über den regen Austausch untereinander, wobei man sich die Briefschreiber gerne aussuchte. Wollte jemand auch in Korrespondenz treten, musste er einen bekannten Humanisten kontaktieren und eine Art "Bewerbungsbrief" schreiben, in dem er eine Kostprobe seiner Fähigkeiten präsentierte. Dann konnte ausgetauscht, kritisiert und übertrumpft werden, was das Zeug hielt. Oder besser gesagt, wie es dem Rahmen gemäß war. Da konnte schon einiges zusammenkommen.

Mit der "Aufklärung" vollzog sich ein Wandel dieser Kultur. Von den Privatsalons, in denen Gelehrte wie Voltaire unter ihresgleichen diskutierten und Ideen ausbrüteten, entwickelte sich eine Art geistiges Bürgertum. Bildung war nun ein Prestigeobjekt, die Bibliotheken und Wunderkammern des Adels konnten sich nun Nicht-Adelige leisten, mit der Zeit kamen auch naturwissenschaftliche Magazine und Bücher heraus, sogar öffentliche Diskussionen durfte man besuchen (was im Mittelalter übrigens auch möglich war). Wer Bildung hatte, zeigte auch damit nicht nur seinen Wohlstand, sondern auch scheinbare gesellschaftliche Stärke. Was natürlich auch in der schulischen Ausbildung nachzog. Eltern wollen ihren Kindern die besten Chancen öffnen und schicken sie auf besonders gute Schulen, was wiederum oft die Wirkung hatte, dass bei einem vielfältigen Angebot entsprechendes Interesse geweckt wurde. Inzwischen sind auf diesen Zug verschiedenste "Wissensmagazine" aufgesprungen. So weit die Entwicklung vom Humanismus in die Bildungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Was sich wie eine lückenlose Erfolgsgeschichte liest, birgt allerdings einige Probleme. Die Popularisierung führt sich gerne direkt auf die Humanisten zurück und übernimmt gerne unhinterfragt nachträgliche Glorifizierungen. Zu Beispiel den "Bruch" von Mittelalter und Neuzeit, was gerne als Erleuchtung aus Primitivität, Unwissen und Unterdrückung präsentiert wird. Dass dem eigentlich nicht so war, sondern dass die Neuzeit direkt auf das Mittelalter aufbaute, sogar ohne die Kultivierungen im Mittelalter nicht denkbar wäre, ist inzwischen bekannt. Und trotzdem wird gerne mit dem "Finsteren Mittelalter" getrumpft, vor allem wenn es gegen die Kirche geht.

Das zeigt auf sehr deutliche Weise das Buch "Über das Mittelalter senkte sich die Finsternis" von Rolf Bergmeier. Dieser wurde vom "Humanistischen Pressedienst" (einem Teil der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung) interviewt.
Seine Theorie ist, dass nicht die "Völkerwanderung" sondern die kirchliche Institution am Zusammenbruch der fortschrittlichen antiken Kultur verantwortlich gewesen sei. Wobei sein Bild von der Antike wiederum eine Glorifizierung der Vergangenheit darstellt, wenn er ganz am Anfang des Interviews von den vielen Vorteilen und Kunstwerken des Römischen Imperiums schwärmt, die in jeder Stadt zu finden waren und die im Mittelalter plötzlich verschwunden sind. Die Germanenstämme könne es nicht gewesen sein, das steht für ihn fest. Die wollten nur siedeln, aber nichts zerstören. Die archäologischen Zeugnisse vom und den gelegentlichen Zerstörungen von Kunstobjekten aus Hass auf die Römer (in Baden-Württembergischen Stettfeld fand man beispielsweise massenweise davon in einem Brunnen) kann man da gerne mal ausblenden. Auch die Tatsache, dass im weströmischen Reich plötzlich das Imperium in mehrere Stammesländereien aufgeteilt war, während im oströmischen Reich noch seinen alten Umfang beibehielt. Wobei doch gerade in Konstantinopel das östliche Christentum in seiner Blüte stand und es auch dort Ausschreitungen von fanatischen Christen gegeben hat. Davon nahm diese Gegend eigentlich nicht so viel Schaden, da andringende Stämme gerne westwärts gesendet bzw. finanziell ruhig gestellt wurden. Auch dass Rom nur noch für Steuereintreiber interessant war, ansonsten bei Pest und Not gerade die Vornehmen in das luxiriöse Konstantinopel geflüchtet sind, wird in der Diskussion unerwähnt gelassen. Außerdem hüteten dortige Gelehrte und Ingenieure ihr Wissen vor den "Barbaren" im Westen, wie zum Beispiel das "Griechische Feuer", das für Bomben und frühe Formen der Flammenwerfer benutzt wurde. Geheimes Wissen in falschen Händen wäre vom Nachteil gewesen, das wussten die Byzantiner ganz genau, und das war auch das Verhängnis der Kreuzfahrer, als sie zu spät herausfanden, dass auch die Araber so etwas auf Lager hatten. Manches Wissen kam erst mit der Flucht von griechischen Gelehrten nach dem Fall Konstantinopels 1452 in den Westen. Anderes - wie das "Griechische Feuer" bleibt bis heute teilweise ein Rätsel.

Vor allem bei einem Psychogramm des christlichen Mittelalters geht es ordentlich zur Sache. Die "christliche Kirchenkultur" wird als Unterdrückerreligion im Sinne Lenins ("Opium für des Volk") verstanden, weil sich niemand gegen den Frondienst, der sich nach seiner Meinung in keinster Weise von Sklaverei unterscheidet, gewehrt hat. Dass der technische Aufbau eines Gemeinwesens mitten auf dem Land samt Wehrdienst ohne diesen Dienst aus Mangel an Arbeitskräften und Geld unmöglich gewesen wäre, wird ebenfalls nicht bedacht. Man konnte zwar im Römischen Reich alle mögliche Dienstleistungen bekommen. Doch nach einem Zusammenbruch und der Gefahr, überfallen und ausgeraubt zu werden wird das selbst in einer Stadt ziemlich schwierig. Selbst Julian Apostata, den Bergmeier zu einem neuen Augustus stilisiert ("Silbernes Zeitalter") war trotz seiner politischen Stellung und seiner Reichtümer hilflos gegenüber den Nöten der Bevölkerung.
Dagegen hatte sich das Christentum als neuer Träger der Gesellschaft etabliert. Begeistert stellten die Römer fest, dass sie selbst Nichtchristen liebevoll pflegten, wenn diese in Not waren, während Bettler, die auf Roms Straßen starben,  normalerweise im Müll verschwanden, so wenig scherte sich die Öffentlichkeit im Großen und Ganzen um sie. Auch die Aussage "sie bringen ihre [greisen] Eltern nicht um" erregte Aufsehen. Zwar hat Julian Apostata versucht, ebenfalls in einer Art heidnischen "Reichskirche" so etwas einzuführen, scheiterte jedoch ebenso daran wie an seinem Vorhaben, das Christentum durch einen aufgeklärten Neo-Paganismus zu verdrängen, da die allgemeine Motivation trotz finanzieller Unterstützung und guter Ausbildungen fehlte. Private Initiativen wurden außerdem durch die Empfehlung guter Taten stark motiviert. "Man hat ja nur Geld zu verlieren, im Himmel wird dir dafür sogar noch mehr gegeben, als du dir vorstellen kannst."

Das Argument, dass Wissenschaft sich erledigt hätte, weil man ja nur die Bibel für die Lösung aller Fragen der Welt brauche, hat sich ebenfalls von selbst erledigt, da man dies eben nicht tat, auch wenn  einige seltsame Vorstellungen in dieser Zeit herumkursierten. Dass man die Bibel vollkommen wörtlich nahm, kann man an dieser Stelle ebenfalls zurückweisen (ich weise an dieser Stelle auf ein Kommentar von sophophilo hin, der dazu "De Genesi da Litteram" von Augustinus nennt, der ebenfalls im Interview ordentlich durch den Dreck gezogen wird).
Ein ziemlich klischeehafte Äußerung stellt außerdem die Behauptung auf, das Christentum habe zu einem Ende der "cape-diem-Kultur" geführt. Der gute Mann hat sicher noch nie die "Canterbury Tales" von Geoffrey Chaucer gelesen, in denen es ordentlich derb und sinnlich, aber auch gleichzeitig gebildet und zivilisiert zugeht. Gelegentliche Geschichten über Seitensprünge und wie man den Ehemann angeschmiert hat, wurde schon damals so gerne gehört wie antike Mythen, die stark an die gegenwärtige Verhältnisse angepasst waren bzw. lustvoll ausgeschmückt waren. Nach der Lektüre fragt man sich eigentlich, ob der "zum Bischof kriechende Bauer" wirklich existiert hat, da selbst die kirchliche Obrigkeit in Mittelalterlichen Darstellungen an den Kathedralen [sic!] ihr Fett wegbekommen hat. Auch die Werke von Walther von der Vogelweide sind an dieser Stelle zu nennen. Von der gesellschaftlichen Situation der Frauen ist die Nennung der Vestalinnen als geachtete Frauen ebenfalls ein doppeldeutiges Beispiel. Wenn sich nämlich eine nicht an ihr Keuschaheitsgelübde gehalten hat, wurde sie lebendig eingemauert. Ein ähnlicher Fall ist aus dem Mittelalter offiziell nicht bekannt.

Bei diesem kurzen Gang durch die Geschichte fällt vor allem eine Sache auf: Der Autor versucht auf jede erdenkliche Weise das Mittelalter zu diskreditieren. Wenn eine Sache schlecht war, dann war nicht der gesellschaftliche Zusammenbruch der Antike schuld, sondern die mittelalterliche Kirche. Ist irgendetwas gut gewesen, konnte das auf keinem Fall die mittelalterliche Kirche gewesen sein, das müssen unbedingt andere gemacht haben,  wie die islamische Gesellschaft (obwohl in der letzten Zeit deren starker Einfluss ebenfalls bezweifelt wird). Lustig sind zudem die Vorwürfe, dass die Kirche außerdem Schuld an der Gründung des genannten muslimischen Kulturkreises und an dem Bruch mit den Orthodoxen habe. Hätte ihm ja eigentlich egal sein können, aber am Ende eines Interviews darf man ja noch einmal so richtig drauftreten. Gelegentlich kommt tatsächlich der Verdacht auf, dass bei diesen "modernen Humanisten" nicht mehr die Eitelkeit mitspielt, die immerhin entschuldbar wäre (passiert mir persönlich auch mal öfters). Besonders unter dem Titel "evolutionistischer Humanismus" oder "Neo-Atheismus" wie er von der Giordano-Bruno-Stiftung regelmäßig inszeniert wird fühlt man sich in eine Art Gegenwelt versetzt. Mensch ja, aber auf Gott oder Religion dürfen da gar nichts mehr zu suchen haben. Wissenschaft ja, aber wehe du nimmst das Mittelalter in Schutz. Wenn man bei dem Begriff "evolutionistisch" bleibt, der eigentlich nur noch für einen Hedonismus herangezogen wird, kann man auch gelegentliche Kommentare auf Youtube verstehen, die nur noch kraftmeierisch daherkommen: "michael-schmidt-salomon fehlt! der würde diese katholischen menschen rhetorisch lächerlich machen!"

An dieser Stelle kann man sich natürlich fragen, warum solche Leute sich unbedingt wie ein Platzhirsch aufführen müssen. Es handelt sich doch nur um die Kirche. Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter?

Kommentare:

  1. Es würde wahrscheinlich nicht viel fruchten, wollte man diesem Bergmaier ein relativ unverdächtiges Buch wie Johannes Frieds "Das Mittelalter" zur Lektüre empfehlen. Aber man könnte ihn zumindest damit bewerfen ...

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  2. Ohne die zahlreichen fleißigen Mönche und Nonnen in mittelalterlichen Skriptorien wäre uns keine antike Literatur überliefert.
    Übrigens werden bei der Glorifizierung der Antike immer gerne so unschöne Dinge wie Sklaverei und Eroberungskriege ausgeblendet. Auch den antiken Umgang mit Straftätern (Kreuzigung,Verfütterung an Raubkatzen, lebenslängliche Zwangsarbeit auf Galeeren oder in Steinbrüchen) finde ich persönlich nicht so prickelnd.

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