Freitag, 17. August 2012

Vom Sinn einer Achterbahn. Oder: Chesterton in der Praxis

Weil ich dieses Jahr irgendwie keine richtige Zeit für einen längeren Urlaub hatte, entschied ich mich, mal ausnahmsweise alles auf einen Tag zusammenzufassen und besuchte den Europa-Park in Rust bei Freiburg. Neben dem schönen Ambiente (werde in einem anderen Posting darüber schreiben) und dem schönen Wetter fiel besonders eine Sache auf. Nämlich die vielen Warteschlangen. Nach circa einer Stunde Anstehen (und noch immer nicht vorne) kam dann eigentlich schon eine Frage auf, die eigentlich schon vorher hätte kommen sollen: Welchen Sinn macht eigentlich eine Achterbahn? Bei genauerem Hinsehen handelt es sich irgendwie um eines der unsinnigsten Fortbewegungsmittel der Welt. Kurzgefasst um eine Art Kleinstzug, dessen Ziel auch schon der Anfangspunkt war, nur dass ein riesen Umweg darum gemacht worden ist. Und trotzdem ist das so toll, dass die meisten Leute am liebsten noch einmal anstehen wollen. Dieselben, die sich solche rasanten Touren nicht einmal im Straßenverkehr antun wollen. Und darin liegt wahrscheinlich auch der Sinn. Im Straßenverkehr haben die meisten Geschwindigkeitsüberschreitungen oder riskanten Wendemanöver einen gefährlichen Ausgang, da niemand im geregelten Verkehr darauf vorbereitet ist, bzw. man leicht die Kontrolle verliert, da das Auto nicht dafür gedacht ist. Die Achterbahn ist dagegen gerade dafür konstruiert worden, dass solche Manöver möglich sind und dabei niemand zu schaden kommt (außer vielleicht Leute mit einem empfindlichen Magen;-). Dieser "Spaß an der Geschwindigkeit" ist also in aller Hinsicht "kultiviert" worden.
Jetzt kann man natürlich weiterbohren und fragen, welchen Sinn eigentlich "Spaß" haben soll. Mancher könnte zweckrational argumentieren und sagen, dass Spaß eine gesteigerte Form von "Entspannen" oder "Abschalten" wäre, um wieder Kraft für die Arbeit zu haben. Interessanter Gedanke, scheint aber irgendwie die Sache nicht richtig zu treffen. Müsste man dann nicht an jedem Arbeitsplatz ein solches Fahrgeschäft haben, um die Produktivität der Arbeiter zu steigern? Und wie könnte man dann erklären, dass die Arbeiter sich lieber amüsieren - und das kommt auf jeden Fall - wollen als zu arbeiten?
Man kann aber den Begriff "Spaß" auch von einer anderen Seite betrachten. Spaß kann auch ein Aspekt der Schönheit sein, wenn auch nicht so ruhig und besinnlich. Man kann sich beispielsweise einen Spaß daraus machen, jemandem einen Streich zu spielen, nur sollte dieser nicht einseitig sein. Einseitig bedeutet an dieser Stelle, dass man den anderen über´s Ohr haut, ohne dass er oder sie es merkt und sich daran erfreuen, dass der andere anscheinend dümmer ist als man selbst. In diesem Sinne handelt es sich eher um eine egoistische Selbstbestätigung. Wenn man dagegen den anderen nicht im Unklaren lässt, sondern den Streich auflöst, kann es sogar für beide lustig werden. Der eine hat selbst solch einen Moment erlebt und war angenehm überrascht, dass es doch anders kam, als anfänglich angenommen, der andere soll in so einen Moment, der scheinbar widersprüchlich oder ziemlich unangenehm ist, hineinversetzt werden, nur um am Ende aufzudecken, dass eigentlich nichts schlimmes passiert ist. Das ist übrigens der normale Verlauf, wie sich verschiedenste Streiche weiterverbreiten, dafür braucht man eigentlich keinen Lehrstuhl einrichten. Darin besteht auch der Spaß bei der Achterbahn. Mittendrin bekommt man leicht Panik (aber nur ganz leicht, man weiß doch, dass alles auf geregelten und sicheren Bahnen läuft), am Ende hat man aber Spaß daran, dass man so etwas in so kurzer Zeit (meist kommt es einem viel länger vor) so viel erleben konnte. Viele Leute schauen sich auch gerne die Fotoaufnahmen am Ausgang an, die während der Fahrt an einem bestimmten Punkt automatisch geschossen wurden. Das ist übrigens der Ort, wo die meisten Besucher oft Lachkrämpfe bekommen. Eine wichtige Rolle spiel auch die Leichtigkeit, die man bei solch einer Fahrt spürt. Bei einigen Achterbahnen gibt es bei hoher Geschwindigkeit und vielen Erhebungen auch oft Momente, in denen man sich scheinbar schwerelos vorkommt, das Gefühl also, scheinbar fliegen zu können. Wie viele Menschen haben sich selbst beim Versuch schon oft genug die Knochen gebrochen?
Doch was soll das wiederum bringen, zu erkennen, "dass es doch nicht so schlimm war"? Es bedeutet erkennen, dass die Welt an sich gut ist, sogar besser, als man sie sich morgens vor dem Aufstehen immer ausmalt. Erkennen, dass sie gut und schön ist, bedeutet auch, einen Sinn darin zu erkennen, wie Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz in Castel Gandolfo seinen bayrischen Landsleuten erklärte:
"Gott hat es uns in Bayern leicht gemacht. Er hat uns eine so schöne Welt geschenkt, ein so schönes Land, dass es leicht ist, zu erkennen, Gott ist gut, und froh darüber zu sein."
Freude ist also auch eine normale Reaktion im Leben, die von ihrem Wesen aus auch über sich selbst hinaus gehen und andere daran teilhaben lassen will.
Aber warum will man so oft damit fahren? Weil es natürlich Freude macht. G. K. Chesterton hat einmal erklärt, dass jemand, der Freude an einer Sache hat, von einem Mal nicht genug hat, weil sie eben so schön ist, dass sie am liebsten immer wieder passieren soll. Kinder beispielsweise können nicht genug von Kasperles-Spielen bekommen, egal wie viele Male die gleiche Geschichte gespielt wird. Darin ist der Mensch auch ein Ebenbild Gottes, der "jeden Morgen die Sonne von neuem auffordert, aufzugehen", und dem es bisher dabei "nie langweilig" geworden ist.

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