Mittwoch, 19. September 2012

Schon wieder ein Stück Papyrus entdeckt. Oder: Es darf gelacht werden.

Auf Welt.de wird von einem Papyrus berichtet, das gnostischen Ursprungs ist und behauptet, dass Jesus verheiratet gewesen wäre:

"Es klingt wie eine Erfindung von Dan Brown. Der amerikanische Bestsellerautor hatte in seinem Weltbestseller "The Da Vinci Code" (dt.: "Sakrileg"; 2003 die populäre These verbreitet, Jesus habe Maria Magdalena geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt, deren Linie sich bis in die Gegenwart erhalten habe.

Am Dienstag stellte Karen King, Historikerin an der Havard-University, auf einer Tagung in Rom ein Papyrus-Fragment vor, das diese Deutung untermauern könnte. Heißt es doch im Text: "Jesus sagte zu ihnen, "meine Frau"..." [...]"

Also liebe Freunde leichter Unterhaltung und unterster pseudowissenschaftlicher Reportagen aller Länder, kommt aus den Löchern.
Im Bericht wird zwar teilweise geschildert, um was es sich da bei der Gnosis genau handelt (im unteren Bildbereich wird auch darauf hingewiesen, dass Scientology charakteristisch dieser christlichen Esoterik-Bewegung ähnelt):

"[...] Karen King liegt es fern, Dan Brown neue Munition zu liefern. das Dokument belege nicht, dass Jesus verheiratet gewesen sei, doch gebe es Hinweise auf das Verhältnis der frühen Christen zu Familie, Sexualität und Heirat.

Selbst das scheint reichlich hochgegriffen. Vor allem handelt es sich offenbar um ein Zeugnis der Gnosis, die aus der Perspektive der Amtskirche eine Häresie darstellte. [...]"

Dennoch wird die Geschichte wieder mal zum Anlass für ein Kirchenbashing genommen. Es geht hier nämlich  so weiter:

"[...] Und deren Anhänger wurden blutig verfolgt [...]

Stimmt die Datierung von Karen King, stammt der Papyrus aus dem 4. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die christliche Kirche als privilegierte Glaubensgemeinschaft im römischen Reich nach dem Sieg des Kaiser Konstantin längst etabliert. Sie berief sich auf das Bekenntnis, das das erste Ökumenische Konzil von Nicäa 325 formuliert hatte, Darin war auch der Kanon des Neuen Testament mit seinen vier Evangelien im Kern festgelegt worden.
Außerhalb der neuen imperialen Glaubensordnung standen die Gnostiker. Unter dieser Sammelbezeichnung attackierten Theologen seit dem 2. Jahrhundert Glaubensbrüder, die eigene Wege der Offenbarung gingen. [...]"

"Blutig verfolgt". Da kommen wieder diese Bilder von der furchtbar bösen Kirche hoch, die alle auf den Scheiterhaufen im Garten hinter dem Haus wirft, denen die neue Tapete nicht gefällt. Dabei ist ja das mindeste an der ganzen Sache, dass "Glaubensbrüder, die eigene Wege der Offenbarung gingen" von den "Theologen attackiert"  wurden. Gerne verschwiegen wird ja an der ganzen Sache, dass die "Theologen" sich gegen Spaltungen in der Kirche wehrten, die durch irgendwelche seltsamen philosophischen Trends aus Griechenland oder Kleinasien entstanden sind und mit dem Christentum eigentlich so wenig zu tun haben wie Abraham Lincoln mit Graf Dracula. Namentlich ist der "aggressive Theologe" Irenäus von Lyon an dieser Stelle zu nennen. Doch so was wird nicht sonderlich ernst genommen.
Doch halt, es kommt sogar noch besser:

"[...] Das wiederum ist durchaus geeignet, die Position der Römischen Kirche im Streit um eine mögliche Frauenordination erschüttern. Überhaupt geht die gängige Überlieferung, Maria Magdalena habe ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdienen müssen, keineswegs auf die Bibel, sondern auf eine päpstliche Auslegung des fünften Jahrhunderts zurück.

Was also könnte der Papyrus-Fetzen von Karen King uns sagen: Dass es in den ersten jahrhunderten deutlich mehr Spielarten des Christentums gegeben hat, als wir uns - geprägt von zwei Großkirchen - vorstellen können, Dass es wahrscheinlich mehr christliche Evangelien gegeben hat als die gut dreißig, die bislang bekannt sind. Und dass in vielen christlichen Gemeinden Frauen die Chance erhielten, aus überkommenen Rollenmustern auszubrechen. [...]"

Richtig gelesen. Ein Stück Papyrus kann die katholische Kirche erschüttern. Und dass ein einzelnes Stück aus Pflanzenfasern, dass mit Tinte beschrieben ist, mehr ernst genommen wird als eine gesamte Institution, die sich um die Auslegung des Glaubens bemüht, zeigt ein Kommentar zu diesem Artikel:

"Einem 1600 Jahre alten Papierstück glaube ich da eher als einem alten Mann der eine intrigante Organisation in Rom führt." 

So viel mal zum Thema "Glaube und Dialog heute".

Und nicht vergessen, liebe Leser:



UPDATE: Inzwischen geht man sogar davon aus, dass es sich bei dem Papyrus um eine Fälschung handelt.
Bei Echo Romeo weist man auf ein sensationelles Papyrus hin, das von einem Verhältnis Jesu mit einem Hasen ausgeht ;-)


1 Kommentar:

  1. Über diese Nachricht habe ich mich heute schon auf SPON gefreut...

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