Donnerstag, 6. September 2012

Zu Abschluss der Sommerlektüre: Ausschnitt aus dem dem letzten Kapitel der "Autobiographie" von G. K. Chesterton

Dieses Posting kann als Nachtrag zum Posting über die Kritik am Ästhetizismus von Martin Mosebach verstanden werden.

"[...] Denn als erstes wird der oberflächliche Kritiker sagen: "Was ist dies alles für ein Unsinn! Meinen Sie denn, dass ein Dichter für Gras und wildwachsende Blumen nicht dankbar sein könne, ohne sie mit Theologie in Verbindung zu bringen, geschweige denn mit Ihrer Theologie?" Darauf antworte ich: "Ja, ich meine, er kann es nicht, ohne es mit Theologie in Verbindung zu bringen. Wenn er es fertig bringt, dankbar zu sein, ohne dass jemand da ist, dem er dankbar sein könnte, und ohne dass es gute Absichten gibt, für die er dankbar sein könnte, dann nimmt er einfach seine Zuflucht zur Gedankenlosigkeit, um zu vermeiden, dass er undankbar ist." Aber in Wirklichkeit geht die Beweisführung über die bewusste Dankbarkeit hinaus und erstreckt sich auf jede Art von Frieden oder Vertrauen oder Ruhe, selbst auf unbewusstes Vertrauen oder unbewusste Ruhe. Sogar die religiöse Ehrfurcht vor der Natur, welche Heiden empfinden, ja selbst die Liebe zur Natur, welche Pantheisten gefühlt haben, hängt letztendlich ebensosehr von irgendeinem innewohnenden Sinn und von eine positiven Guten in den Dingen ab, wie dies bei dem direkten Dank der Fall ist, den Christen hegen. Ist doch "Natur" bestenfalls nur ein weiblicher Name, den wir der Vorsehnung geben, wenn wir sie nicht sehr ernsthaft behandeln, ein Stück feministische Mythologie. Es gibt eine Art von Feenmärchen am Kamin, die besser zum Herd als zum Altar passen; und in dem, was Natur genannt wird, kann eine Art von Märchengöttin stecken. Aber es kann nur Märchengötinnen geben, weil es Göttinen gibt, und es gibt nur Göttinnen, weil es Gott gibt.
Es hat mich ein ganzes Leben lang an den Skeptikern gestört, dass sie so außerordentlich langsam zum entscheidenden Punkt , selbst zum entscheidenden Punkt ihres eigenen Standorts. Ich habe gehört, wie sie sowohl beschuldigt als bewundert wurden wegen ihrer überstürzten Hast und ihrer rücksichtslosen Neuerungssucht. Aber mir ist es immer schwerer geworden, sie dazu zu bringen, sich einige Zoll vorwärtszubewegen und ihre eigene Beweisführung zu Ende zu führen. Wenn zuerst auch nur angedeutet war, das Weltall sein wohl nicht das Ergebnis eines großen Planes, sondern eines blinden und indifferenten Wachsens, sollte man sofort begriffen haben, dass dies jedem Dichter für immer verbieten müsste, sich auf die grünen Gefilde als auf sein Heim zurückzuziehen oder zu seiner Inspiration nach dem blauen Himmel schauen. Mit grünem Gras verbände sich sich dann irgendeine solche traditionelle Wahrheit nicht mehr als mit grünem Schimmel oder grünem Rost, und der blaue Himmel gemahnte nicht mehr an sie als blaue Nasen, die in einer erfrorenen Welt des Todes amputiert werden. Dichter, selbst Heiden, können nur direkt an die Natur glauben, wenn sie direkt an Gott glauben.
Sollte die zweite Idee wirklich schwinden, so müsste die erste zwangsläufig früher oder später folgen. Und bloß aus einer bedauerlichen Achtung vor menschlicher Logik wünscht ich, es wäre schon früher geschehen. Natürlich könnte sich ein Mensch an gewisse Formen oder Farben eines Felsens oder eines Teiches wie an einem Lumpensack oder einem Mülleimer fast animalisch ergötzen, aber dies nicht, was die großen Dichter oder die großen Heiden unter den Geheimnissen der Natur oder der Inspiration der Naturgewalten verstanden haben. Wenn es nicht einmal mehr eine bestimmte Vorstellung von Sinn und Wesen gibt, dann ist der vielfarbige Wald wirklich ein Lumpensack und aller Glanz des Staubes nur ein Mülleimer. Wir können diese geistige Tatsache wie eine langsame Lähmung in alle jene neusten Dichter kriechen sehen, die dem Religiösen nicht mehr zugänglich sind. Ihre Löwenzahn-Philosophie ist nicht die, das alle Unkräuter Blumen sind, sondern eher, dass alle Blumen Unkräuter sind. Sie ist schon beinahe etwas wie ein Alptraum, als ob die Natur selbst unnatürlich wäre. Vielleicht isi dies der Grund, warum so viele von ihnen verzwiefelt über Maschinen zu schreiben suchen, bei denen noch niemand das Vorhandensein eines Planes bestritten hat: Kein Darwin hat bis jetzt behauptet, dass Motoren als Metallsplitter angefangen haben, von denen die meisten zufällig zersplittert wurden, oder dass nur diejenigen Autos, die durch Zufall einen Vergaser entwickelten, den Kampf ums Dasein in Piccadilly überlebten. Doch was immer der Grund sein mag, - ich habe moderne Gedichte gelesen, die offensichtlich den Sinn hatten, im Gras nur etwas Buschiges und Stacheliges und Widerwärtiges zu sehen wie ein unrasiertes Kinn. [...]"


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