Freitag, 2. November 2012

"Fetih 1453" - Auch nur eine türkische "300"-Version

Über den Film "Battle of Empires - Fetih 1453" ist schon einiges geschrieben worden. Also füge ich dem noch den Rest hinzu. Eigentlich hätte der Trailer für eine kurze Kritik schon ausgereicht:



Aber nein. Ich wollte es natürlich genauer haben und lieh mir deshalb die DVD (die schon in Deutschland erschienen ist, während in anderen Ländern der Film noch in den Kinos läuft) aus der Videothek aus. Zum Vergleich benutze ich hier den Splatterfilm "300".



Zunächst einmal zu den positiven Aspekten. Bei "Fethi 1453" gab man sich ein wenig mehr Mühe mit der Produktion. Die Kostüme der Osmanen sind großartig gelungen, gedreht wurde unter anderem in türkischen Palästen, die auch zeitlich in das 15. Jh. einzuordnen sind und die Vogelperspektive über das alte Konstantinopel, das man am Beginn des Filmes sieht, ist sehr schön gemacht. Neben der guten Filmmusik sind im Vergleich zu "300" auch die gelegentlich genauere Schilderung der politischen Situation zu nennen. Und ungefähr hier hört der Vergleich auf und beginnt die Schönfärberei. Denn während man sich bei der Darstellung der Osmanen größte Mühe gab, wirken die Übrigen ziemlich lieblos dahingeworfen. Der Palast des byzantinischen Kaisers Konstantin XI. ist recht bedürftig. Eine große Halle wurde errrichtet, mit dem Computer wurden dann scheinbare Marmorwände eingefügt, in die dann statt monumentaler Mosaike einfach ungewöhnlich große Ikonen (ca. 2-3m hoch?) hineingequetscht worden sind, die man scheinbar einfach aus dem Internet kopiert hat. Bei Alt Sankt Peter in Rom sieht es nicht besser aus, auch ist die Atmosphäre ungewöhnlich düster gehalten. Ebenfalls fallen die Kostüme bei Kaiser und Papst samt Gefolge ziemlich kitschig aus, was auch die Einstellung verrät. 
Während Mehmet II. sich so edel verhält, wie er angezogen ist, handelt es sich bei Konstantin um ein versoffenes cholerisches Wrack, der sich mit jungen Frauen in kurzen Röcken umgibt und oft einen Becher Wein in der Nähe hat (das es sich bei einem Becher um einen liturgischen Kelch handelt, der mit kostbaren Emailikonen geschmückt ist, fiel scheinbar niemandem auf). Die Positionen sind also schon abgesteckt. 
Und das macht es auch für den Zuschauer einfacher. Die Geschichte geht läuft nämlich so: Sultan Mehmet will nach dem Tod seines Vaters Konstantinopel erobern, was dieser leider nicht geschafft hat. Schon am Anfang wird dem Zuschauer erklärt, dass der Prophet Mohammed den Auftrag gab, die Metropole zu erobern und es der beste Feldherr sei, dem dies gelingen würde (seltsam, dass so viele Moslems wegen der "Regensburger Rede" ausgeflippt sind). Dementsprechend wird auch am Anfang mit viel Honig herumgeschmiert, wenn von den vielen "wundervollen Ereignissen" berichtet wird, die schon zu seiner Geburt eintrafen (reiche Ernten, "es wurden so viele Zwillingsfohlen wie nie zuvor geboren", Komet und Sonnenfinsternis über Konstantinopel. Das übliche orientalische Wunderzeugs eben.). Doch Mehmet kommt trotz politischer Einigung, osmanischen Know-how und sauberer Intrigen nicht nicht richtig voran. Denn die Byzantiner (die übrigens wie die anderen aus dem Westen ungewöhnlich schlecht organisiert und chaotisch sind) schließen ebenfalls doppeldeutige Verträge ab. Und sie können sich ordentlich zur Wehr setzen (es werden sogar die berühmt-berüchtigten Flammenwerfer eingesetzt), was die Belagerung um einen Monat verzögert, was den Sultan so wütend macht, dass er sogar die Gebetskette seines Vaters zerreist und kurzweilig depressiv wird, bis ihn ein befreundeter alter Geistlicher wieder auf den rechten Weg zum "Heiligen Krieg" bringt. Dann geht es wieder los, die Mauer Konstantinopels fällt, die Soldaten dingen ein, zwischen einem türkischen und einem italienischen Soldat, die eigentlich schon die ganze Zeit aus dem Weg räumen wollen, kommt es zum Showdown und die Stadt wird von den Osmanen erobert. Und natürlich verspricht Sultan Mehmet den Flüchtlichen in der Hagia Sophia Toleranz und ein gemeinsames gerechtes Leben im neuen Reich. Getoppt wird das ganze, indem er ein Kind umarmt. 
Das dies historisch nicht ganz korrekt ist, beweist eigentlich schon die Tatsache, dass alle 3000 Flüchtlinge, die damals in die Kathedrale geflüchtet sind, massakriert worden sind. Was eigentlich militärische Sitte war, denn wenn eine Stadt nicht freiwillig übergeben worden ist, durften sich die Soldaten darin hemmungslos austoben. Auch mit den Adeligen ging Mehmet nicht gerade fair um. Erst sollten sie sich melden, wenn sie ihre alten Rechte behalten wollten, dann wurden sie mitsamt Familie umgebracht, wenn sie es wirklich taten. Und dann war da noch die Sache, dass Mehmet den Fürsten Megadux Notaras zusammen mit seinen Söhnen hinrichten lies, weil er sich weigerte, seinen 14-Jährigen Sohn dem Sultan als Lustknabe zu Verfügung zu stellen. Dass Mehmet ephebophil war, das war übrigens auch seinen eigenen Leuten bekannt. Auffallend ist, dass solche Tendenzen ebenfalls bei den modernen "Gotteskriegern" verbreitet ist.
Generell fällt auch das durchgängige Muster auf, dass die Osmanen nur positiv, die Gegenseite negativ dargestellt wird. Immer wenn die Byzantiner Prozessionen halten, ist es stockdunkel, wenn die Muslime beten ist es dagegen taghell. Die Byzantiner und die Westler massakrieren im Rückblick die Zivilbevölkerung, die Osmanen dagegen werden  nur unter Druck gesetzt. Natürlich wegen den Byzantinern, weil sie so böse sind, sich gegen die Eroberung mit Hand und Fuß gegen die Übermacht aus dem Osten zu wehren. Dagegen sind sie türkischen Soldaten geradezu heldenhaft und ganz dem Sultan ergeben. Sie ziehen mit Freude in den Krieg, beklagen sich, wenn sie nicht weiterkämpfen, sprechen sich untereinander ab, dass der Überlebende  der Familie ausrichten soll, dass man heldenhaft gefallen ist, und man sprengt sich sogar selbst in die Luft, um bei der Sprengung der Mauer wirklich sicher zu gehen, dass (diesmal) nichts schief läuft bzw. der Mineurtunnel nicht in die Hände der Feinde fällt. Natürlich nicht ohne das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen zu haben. Auch dass Mehmet Gebrauch von Lügen macht, um seine militärische Kontrolle zu festigen (vgl. die demonstrative Bestrafung der Janitscharen), wird nicht weiter kritisiert. 
Dagegen scheint er für die verschiedenen Charaktere des Film geradezu eine Lichtgestalt zu sein. Der ungarische Schmied Urban weigert sich (scheinbar aus pazifistischen Gründen) für die Italiener und Byzantiner Kanonen zu gießen, bei Mehmet dagegen hat er keine Bedenken, weil ihn der Sultan vor den hinterhältigen Mordanschlägen des Kaisers gerettet hat, der verhindern will, dass dieser zu den Osmanen wechselt. Dass es dabei eher um Geld ging, wird nirgends thematisiert.
In den öffentlichen Medien wird das ganze natürlich nicht groß behandelt. Dort sind die Rollen ebenfalls seit langem festgelegt: Kreuzritter, Christen und der "Westen" sind die bösen Barbaren, die den friedlichen und fortschrittlichen Islam am liebsten ausrotten wollen mit allen technischen Mitteln, die ihnen zu Verfügung stehen (Zitat aus dem "Galileo-Magazin": "ungleicher Kampf" in Lepanto, weil die Malteser mit Gewehren gegen die Osmanen vorgehen, die "nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet" sind). Dass dem nicht so ist, wird meist unter den Teppich gekehrt. Oft unter der Berufung auf die "Toleranz". Darüber hat schon einmal Guiseppe Nardi (gefunden via Portal zur katholischen Geisteswelt) einen Artikel verfasst.
Schade eigentlich. Denn gerade auf christlicher Seite gibt es viele historische Ereignisse, die tausendmal spannender sind als die gewohnte osmanische Kriegswalze. Zum Beispiel die Belagerung von Wien. Oder die legendaäre Schlacht von Lepanto. Die übrigens nicht nur aus dem Geschichtsbuch bekannt ist, wie Dilettantus so schön zeigt. Im Gegensatz zu dem "teuersten türkischen Film" ist das doch bei uns ganz leicht zu schaffen?

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