Sonntag, 18. November 2012

"Tierrechte" - Cui bono?

Als Antwort auf ein Posting über die Absage der Hubertusmesse im Dom zu Speyer erhielt Herr Alipius eine recht interessante Antwort eines Schreiberlings der Seite pro-iure-animalis.de. Darin wird (wieder mal) einem Gläubigen der Vorwurf gemacht, wie grausam Gott sei, weil er das Schlachten bzw. Jagen zulassen würde. Schauen wir uns das mal genauer an.
In der Bibel gibt es keinerlei direkten Befehl Gottes, dass der Mensch Tiere schlachten soll. Auch in der Lehre der Kirche findet sich nur die Erklärung, dass die Natur dem Menschen zu dienen habe (vgl. KKK 2415-2418) und Tierquälerei abzulehnen sei (2418). An dieser Stelle wird wie in den Aufforderungen zum Opfer im Alten Testament die Tötung von Tieren zum Verzehr bzw. sonstiger Nutzung nicht als separate Lehre formuliert, sondern als gegeben vorausgesetzt. Das bedeutet, dass es als natürlich angesehen wird, dass sich der Mensch von Tieren ernährt. So etwas nennt man "Schöpfungsordnung".
Und hier liegt der Knackpunkt des Themas "Tierrecht". Denn viele Liebhaber von Tieren fordern sogenannte "Tierrechte", was so viel bedeuten soll, dass der Mensch als intelligentes Wesen kein Recht hätte, Tier zu töten. Deshalb steht zum Beispiel der Jäger ganz oben auf der Abschussliste der Tierrechtler, weil er das liebe Vieh zu Unrecht erst zu Tode hetzen würde, um es anschließend zu töten und (was dem Ganzen die Krone aufsetzt) zu verzehren. Jeder der daher dieses Recht auf Jagd und Fleischverzehr nicht ablehnt, macht sich der "Unmenschlichkeit gegenüber Tieren" schuldig, die eigentlich nichts verbrochen haben. Eine "Schöpfungsordnung", die das Töten von Lebewesen erlaubt? So was kann doch nur vom Teufel kommen (wenn man schon längst nicht mehr an Gott glaubt)! Daher werden Tierrechte gefordert, um dieses "Recht der Tiere auf ein friedliches Leben bis zum natürlichen Tod" gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.
Dazu muss man aber zwei gravierende Kritikpunkte aufweisen:

1. Jagd und Fleischverzehr gehört zur Natur
Im Hinblick auf das Tötungsverbot von Tieren wird nur die eine Seite in die Verantwortung gezogen, nämlich nur der Mensch, der als intelligentes Wesen generelle Falschheit des Tötens kennen sollte. Vergleiche dazu das Tötungsverbot in den Zehn Geboten und in den säkularen Gesetzgebungen sowie im Widerwillen im Menschen, einen anderen Menschen zu töten. Den Tierrechtlern nach sollte dieses Gesetz auch auf Tiere übertragen werden.
Das Problem: Es gibt auch Tiere, die andere Tiere, die nicht zu ihrer Art gehören, zum Verzehr jagen und Töten. Das sind zum Beispiel Raubtiere wie Löwen, Tiger, Haie und Greifvögel. Dazu kommen auch Aasfresser wie Raben, Elstern und Hunde. Man darf auch Tiere wie Katzen und Neuntöter nicht vergessen, die kleine Tiere zum Spiel bzw. zur Vorratshaltung töten. Warum jetzt der Mensch speziell in die Pflicht genommen soll, keine Tiere mehr zu töten, wenn sich auf der Gegenseite niemand daran hält, ist nicht wirklich ersichtlich. Tatsächlich gibt es eine natürliche Hemmung im Falle der Tötung von Tieren. Im Falle der Tierquälerei gab es bereits im (ach so barbarischen) Mittelalter die Ansicht, dass es eine sinnlose Zerstörung von Gottes Schöpfung sei und ein Zeichen dafür, dass man im schlimmsten Falle auch keine Hemmung hätte, sich ebenfalls am Mitmenschen so auszutoben, was nicht gerade für Ansehen gesorgt hat. Für mich persönlich ist es daher ein wenig widersprüchlich, dass ein freundlich dreinblickender Fuchs, der ein Gewehr verbiegt, als Logo für "Pro Iure Animalis" benutzt wird, obwohl dieser bei der nächstbesten Gelegenheit genauso gut damit abhauen und auf Jagd gehen könnte.

2. Die Frage nach der Pflicht
Wo es Rechte gibt, da gibt es auch Pflichten. Wenn man das Recht auf ein ungestörtes Leben hat, so hat man auch die Pflicht, anderen dieses Recht nicht zu nehmen bzw. andere vor diesem Missbrauch zu schützen, sollte man dies mitbekommen. Typisch für die heutige Spaßgesellschaft ist es, dass man gerne auf seine "Rechte" besteht, die "Pflichten" aber abzulehnen, da sie für jemanden persönlich zum Nachteil werden können oder man sich nicht in die Verantwortung nehmen lassen will. Dieses Motiv weist auch die Forderung eines "Tierrechtes" auf. Der Mensch, der sich des sinnlosen Schmerzes bei einem Tier bewusst ist, kann nicht mit dem gleichen Verständnis beim Tier rechnen, das eher vom Trieb als von rationaler Vernunft geleitet wird. Umberto Eco nannte in seiner Sammlung "Über Gott und die Welt" als Beispiel einen Unfall in einem Gehege in einem italienischen Zoo. Zwei Kinder, die in das Bärengehege gerieten, sind von dem Bären getötet worden, ohne dass sie eine Chance auf Gnade von Seite des Bären gehabt hätten. Gut, man kann an dieser Stelle sagen (und das sagen wahrscheinlich die Zoogegner), dass der Bär durch die Umstände seiner Gefangenschaft so geworden sei. Aber warum kommt es dann auch bei den wildlebenden Bären vor, dass Menschen attackiert werden, ohne dass die Tiere vorher gereizt worden sind? Wenn man auf dieser Seite nicht einmal die Sicherheit hat, dass Rechte und Pflichten wahrgenommen werden, wie kann man dann ein offizielles Recht für diese Seite fordern?

Ein weiterer Kritikpunkt ist auch die weltanschauliche Fundamentlosigkeit dieser Forderung. G. K. Chesterton sagt einmal: "Wenn man nicht an Gott glaubt, bedeutet das nicht, dass man an nichts glaubt, sondern dass man alles Mögliche glaubt." Wenn bei diversen Tierrechtlern der Gedanke einer natürlichen Ordnung abhanden gekommen ist, dann sucht man alle möglichen Gründe, diese "Rechte" zu stützen. Sei es, dass sich man auf die "Niedlichkeit" von Tieren beruft oder auf das vermeintliche Recht der intelligenten Spezies (vgl.  dazu den australischen Philosophen Peter Singer, der sich auch für eine Kindstötung bis zum 28. Tag nach der Geburt aussprach oder keine Bedenken in Sachen Zoophilie hat). Ergebnis ist eine zunehmende Beliebigkeit, ein Relativismus, der schließlich bei der Frage, warum man nicht einfach das Motto "Fressen und gefressen werden" auf die gesamte Gesellschaft übertragen sollte, da es scheinbar die natürlichste Einstellung sei, hilflos dasteht.

P.S.: Für "Trollfeeding" halte ich das ganz und gar nicht, Herr Alipius. Wenn Sie solche Mails empfangen, die geradezu nach einer Antwort schreien, dann haben Sie auch das Recht, sich zu verteidigen. Ansonsten würde man solchen "Trollen" das Feld freiwillig überlassen, die sowieso nicht daran denken würden, damit aufzuhören. Das haben Trolle nun mal an sich, dass sie bei der kleinsten Gelegenheit ausflippen. Und wenn, dann liefern sie auch genug Inspiration für neue Postings und tiefere Auseinandersetzungen. Wie dieses hier zum Beispiel ;-)

1 Kommentar:

  1. All dies ist Ergebnis der konsequenten Rezeption der Ethikkonzeption Peter Singers.
    http://liwindo.wordpress.com/2012/11/08/peter-singer-seine-ethik-die-rezeption-und-die-folgen/

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