Samstag, 22. März 2014

Canon, Fanon und mehr als Dr. Who vertragen kann

Im gewissen Sinne hat Jeff B. Harris recht. "Fandoms" können zu einer Art Religion werden. Abgesehen von der Sache, dass bestimmte Autoren ebenfalls zu einem Gott aufsteigen können (wie in diesem ironischen Fall die Filmanimatorin Lauren Faust).

Umso auffälliger, dass mir schon einige regelrechte Fanboys über den Weg gelaufen sind, die einerseits alle möglichen Hintergundcharaktere einer Kinderserie auswendig kennen und sich die Zeit damit vertreiben, Fanart zu diesen Serien zu sichten und selbst gemischte Musik dazu zu besorgen - also regelrecht darin aufgehen - und andererseits über Religionen (allen voran die katholische Kirche) schimpfen. Es sei doch unmöglich, wie man so einen Aufwand machen kann um etwas, dessen man sich nicht wirklich sicher sein kann, vor allem dass man ein ganzes Lehrgebäude aus Dogmen, kanonischen Schriften und Legendensammlungen habe - und so ein irrationales und nahezu unübersichtliches Zeug anderen beibringen will.

Ein kleiner Blick auf die Fundamentaltheologie Fundamentalfandomologie genügt, um zu zeigen, dass genannte Kritiker nicht gerade besser sind. Wenn sogar nicht noch schlimmer in Sachen Dogmatismus.
Dabei braucht man eigentlich nicht viel erklären. Wir nehmen Harris´ Karikatur als Ausgangspunkt: Es gibt also eine Serie/Film/Filmreihe, es gibt Autoren und Darsteller und es gibt die Fans. Im Grunde genommen ist es fast das gleiche Verhältnis wie das katholische Glaubensverständnis, in dem (schriftliche)Offenbarung, (mündliche) Tradition und das Lehramt eng verflochten sind.

Der fertige Film oder die fertige Episode bilden die Offenbarung, was also für die umfassende Kenntnis elementar ist, egal wie auf den ersten Blick unlogisch das Ganze ist. Es ist im Kasten, es ist offiziell, also muss man es so nehmen. Wenn der elfte Dr. Who die TARDIS schrottet, dann hat er die TARDIS offiziell geschrottet. Das ist dann "Canon" ("Kanon" bzw. "kanonisiert", "offiziell").

Etwas anderes ist es natürlich, wenn sich ein Fan sich für seine Fan-Fiction (kurz: Fanfic) ausdenkt, dass der elfte Dr. Who die TARDIS in einen Unfall verwickelt. Da es nicht offiziell in einer Episode vorkommt, ist es auch nicht offiziell. Falls es sich jedoch als Idee oder Spaß in einer Fangemeinschaft inoffiziell, aber als beliebte Idee weiterverbreitet, kann die (inoffizielle) Sache, dass der elfte Dr. Who seine TARDIS schrottet, "Fanon" (übrigens nicht zu verwechseln mit dem liturgischen Kleidungsstück) werden. Das heißt: Als bei Fans sehr verbreitet oder als sehr beliebt anerkannt. Zum Beispiel verschiedenste alternative Erklärungen, inoffiziell beliebte Running Gags oder äußerst seltene Überschneidungen oder Ähnlichkeiten (vgl. "Dr. Whooves", der sowohl im MLP- und als auch im Dr. Who-Fandom bekannt ist und ihm daher öfters Fanfics gewidmet werden).

Dazu kommt auch die Möglichkeit, dass "Fanon" "Canon" werden kann. Die Autoren sehen sich ein wenig in einem Fandom um und stoßen auf diverse Diskussionen, Anregungen oder den Wunsch, dass ein bestimmter Charakter wieder auftauchen soll. Und setzen es für die Fans um, was natürlich zu gesteigertem Interesse an der Serie führt. Das wird dann als "Fanservice" bezeichnet.

Und hier liegt die generelle Schwäche. Während bei der Trias "Offenbarung - Tradition - Lehramt" der Glaube aus zwei verschiedenen Quellen gespeist wird, dem ein Schiedsamt vorsteht, also von der Hierarchie her nicht nur von oben nach unten (Lehramt), sondern auch von unten nach oben (Offenbarung und Tradition) mit Sachverhalten in einem festen logischen Rahmen wirkt, dem eine reale Situation vorliegt, kann dies beim Thema "Fan-Canon" wegfallen.

Als einzige Deutungsmacht fungieren Autoren und Film (festgelegt durch ebenjene Autoren), die auf die Gunst der Fans bauen müssen und daher nach Bedarf der (Quoten-) Situation festlegen, ändern und erweitern können - auch wenn es sich um Dinge handelt, die sich von der (fiktiven) Situation entfernen, aber der Hype der Fans entsprechen. Um das Bedürfnis und die Neugier nach der nächsten Folge wach zuhalten, werden auch öfters von Autoren/Darstellern Details, Ausschnitte oder Aussichten auf Newsseiten gestreut (wie es zum Beispiel gestern auf Equestria Daily wieder mal der Fall war). Es wird letztendlich willkürlich.
Bei einigen Fällen, wenn man zu sehr über die Strenge schlägt kann es bisweilen sein, dass vereinzelt Fans einer Serie den Rücken kehren. Und dazu braucht man nicht einmal angebliche Finanz- oder Missbrauchsskandale innerhalb der Produktion.

In anderen Fällen kann es auch sein, dass die Begeisterung ausgebremst wird. Ich bin beispielsweise bei MLP:FiM nur noch "Staffel 1-Traditionalist". Ganz einfach aus dem Grund, weil in den folgenden drei Staffeln danach (außer den ersten beiden Episoden von Staffel 2) einfach so viel Fanservice reingepackt wurde, als man merkte, dass es den Zuschauern gefällt und man nebenbei noch so einiges vermarkten wollte, dass die Serie ihren ursprünglichen Charm leider schnell verloren hat. Und es wurde mit der Zeit leider zunehmend unübersichtlich, je mehr Details man versteckt und untergebracht hat, um die Geschichten noch spannend zu halten. Das klappt zwar bei eingefleischten Fans, die wollen, dass es weitergeht und die auch immer mehr Hintergundwissen wollen. Für jemanden, der sich nur für das Zuschauen interessiert, wird das ganze Theater (auch wenn es noch so interessante Anregungen hat) nach einiger Zeit eigentlich nur noch nervtötend und befremdlich. Und ich bin wirklich froh, dass ich mit Bronies befreundet bin, bei denen solche Diskussionen meist nebensächlich sind bzw. gar keine Rolle spielen (es gab auch mal einen, bei dem war es nicht so. Aber das ist eine ganz andere Geschichte).

Was bleibt letztendlich von einer Hype? Sie kühlt ab, die Produzenten haben wieder mal ordentlich Geschäft gemacht und auch bei den Fans kehrt der Alltag ein, ohne dass viel zurückbleibt. Der Rest ist ein Fall für Prof. theol. Linus Hauser und seine "Kritik der Neomythischen Vernunft", die sich teilweise mit den seltenen Betriebsunfällen dieser Fandoms beschäftigt.



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