Samstag, 8. März 2014

Oscar Wilde: "Die Torheit des Simon"

Passend zur Fastenzeit und zur kommenden Karwoche, auch wenn viele so etwas gerade von Wilde nicht erwartet hätten.


Den Kopf gesenkt, saß der alte Mann da, und die Beschuldigungen seiner aufgebrachten Frau klangen ihm in den Ohren.
"Törichter alter Narr! was verschwendest du deine Zeit und trödelst unterwegs? Dein Vater, der Vater deines Vaters und auch dessen vater vor ihm, alle waren sie Hüter des Tempeltors. Und wärst du flinker gewesen, als man nach dir schickte, hätte man zweifelslos auch dich zum Hüter gemacht.
Doch nun hat man statt deiner einen Beflisseneren gewählt. Oh, du törichter alter Mann, der du lieber unterwegs verweilst, um das Kreuz eines jungen Zimmermanns zu tragen, der in seinem Leben ein Aufwiegler und Verbrecher war!"
"S´ ist wahr", sprach der alte Mann. "Den jungen Zimmermann bin ich begegnet ´, den man zur Kreuzigung führte, und ein Zenturio hielt mich am Arm und bat mich, ihm das Kreuz zu tragen. Und als ich es bis zur Anhöhe getragen hatte, verweilte ich, um seinen Worten zu lauschen, denn obzwar er sich gar sehr grämte, galt sein Gram nicht sich selbst, sondern anderen, und das Wundersame an seinen Worten fesselte mich, sodass ich alles andere darüber vergaß."

"Wahrhaftig", erwiderte seine Frau, "alles andere hast du vergessen - einschließlich des bisschen Verstands, das du je dein eigen nanntest! Schämst du dich nicht, wenn du daran denkst, dass dein Vater und sein vater und dessen vater davor, dass sie alle Türhüter imHause des herrn waren, und ihre Namen in Gold darauf geschrieben stehen, um von allen Menschen kommender Zeiten gelesen zu werden? Unter all deinen Verwandten aber wird man allein von dir, unnützer, kindischer Alter, nie wieder hören, denn wer in aller Welt wird, wenn du einmal tot bist, noch den Namen des Simon von Cyrene nennen?"

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