Donnerstag, 24. April 2014

Deutschland, deine Hexen

Fragt man, welcher Ausspruch typisch (vulgär) deutsch ist, kann man geschichtlich gesehen eine ganz klare an Jean-Paul Satre angelehnte Antwort geben: Die Bekloppten, das sind die anderen.

Bei den meisten ist es zur Gewohnheit geworden, der Kirche - meist unter dem Stichwort "Inquisition" - die Schuld an der Hexenverfolgung zu geben. Um die Tatsache, dass die Hexenverfolgung besonders in Ländern stattgefunden hat, wo die Inquisition eigentlich gar nichts zu melden hatte (wie eben in den deutschsprachigen Ländern und Norditalien), kümmert sich eigentlich niemand. Oder dass die Verfolgung besonders oft von dem "Armen, von der Kirche geknechteten Volk" ausging. Wie weit Aberglaube an dieser Stelle gehen kann, dürfte bekannt sein. Und ich meine damit nicht den Aberglaube, der speziell im Mittelalter verbreitet war, sondern den neuerdings von Existenzangst getriebenen Aberglauben der Neuzeit.

Heute leben wir in anderen Zeiten. Heute werden keine Hexenprozesse mehr wie Anno Dazumal in Salem/Massachusetts geführt, bei der Verdächtige meist öffentlich hingerichtet werden. Der Aberglaube bleibt trotzdem, wie die BILD-Zeitung über den 1. FC Nürnberg berichtet:

Das Blatt verweist auf einen zwei Minuten langen Werbefilm „Ich bereue diese Liebe nicht“. Darin wird die Club-Hexe gezeigt, die Anfang der 90er Jahre mehrmals das „Abstiegsgespenst“ verscheucht hatte. Damals machte ein als Hexe verkleideter und auf einem Besen reitender Fan den verunsicherten Kickern Mut. Die BILD-Zeitung zitiert Sportdirektor Martin Bader: „Ich schließe nichts aus, was dem Club hilft. Vielleicht können wir diese Person wiederfinden.“ Der ehemalige Vereinspräsident Gerd Schmelzer sagt: „Wenn der Club die Rettung noch packen will, muss die Hexe wieder ins Stadion. Mit der Club-Hexe haben wir damals kein Spiel verloren."

Dass solche Meldungen (die mehr oder weniger scherzhaft gemeint sein können) auch auf andere Gebiete erstreckt werden könnten, wo man unter solchen Dingen keinen Spaß versteht, muss hinzugefügt werden. Seit Jahren warnt beispielsweise der Exorzist und Buchautor Gabriele Amorth über eine zunehmende Ausbreitung satanischer Sekten und Kulte wie Wicca und anderer okkulter Kleingruppierungen in Italien, in England ging die anglikanische Kirche so weit, eigene Exorzisten zu ernennen. Und vor mehreren Jahren erschienen in einigen deutschen Harry Potter-Magazinen für Kinder explizite Anleitungen, wie man sich einen echten Zauberstab herstellen könne. Natürlich mit der Erklärung welches Holz man wie bearbeiten müsse und zu welchem Mond es mit magischer Energie "geladen" werde.* 

Aber so was wird ja in einer aufgeklärten Zeit wie heute ja lieber generell unter den Teppich gekehrt, statt sich mit diesem Phänomen wirklich auseinanderzusetzen. Und besonders in Deutschland hält man sich für ganz besonders aufgeklärt.


[EDIT bezüglich eines Kommentars: Die genannte Anleitung hatte nichts mit den Harry Potter-Geschichten zu tun. Während J. K. Rowling in ihren Geschichten das Thema "Magie und Zauberei" im eigenständigen Genre "Fantasy" behandelte, hatten diese Anleitungen einen eindeutig neo-paganen Charakter, der weder in den Büchern noch in den Filmen vorkommt.]

Kommentare:

  1. Ich finde schon, dass es nicht verkehrt ist sich mit dem ganzen Komplex auseinander zusetzen, aber es sei mir gestattet daruf hinzuweisen, dass unter der ganzen modernen große Kinder und junge Jugendliche Literatur, Harry Potter mit Abstand das harmloseste ist.
    Ich finde dass Katholiken mit ihrer Verteufelung von Harry Potter, Leuten gleichen, die sich beim Herannahen eines Hochwassers, über den möglicherweise dann durchweichten Otto Katalog Sorgen machen.

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    1. Gegen Harry Potter selbst ist ja nichts einzuwenden. Die Bücher fand ich persönlich wirklich klasse.
      Nur was da eben von den Mitarbeitern eines offiziellen Kindermagazins dazu reingestellt worden ist, finde ich nicht wirklich okay. Ich habe mir den Artikel selbst angeschaut. Er hatte direkt mit den Harry Potter-Büchern und -Filmen nichts zu tun, der sachverhalt wurde in beiden Medien auch weder angesprochen noch behandelt. Und trotzdem wurde dort der Anschein erweckt, solche Dinge würden zu Harry Potter dazugehören und seien ein Muss für echte Fans.
      Von der Anleitung her würde ich sagen, es stammte klar aus dem paganen Bereich, womit sich J. K. Rowling in ihren Büchern in keinster Weise beschäftigte. Dort handelte es sich wirklich um das eigenständige Genre Fantasy.

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    2. Übrigens Danke für diesen wichtigen Hinweis. :-D
      Habe gerade eben eine Fußnote hinzugefügt, da diesbezüglich eine sehr hohe Verwechslungsgefahr besteht.

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