Dienstag, 29. April 2014

Ein Chesterton, der nichts mit Chesterton zu tun hat.

"Selbstverständlich handelt es sich bei den Pater-Brown-Geschichten, die der englische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton in den Jahren von 1911 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlichte, um schamlose katholische Propaganda. Dabei hatte Chesterton in jener Zeit noch gar nicht den Weg in den Schoß der Ecclesia Sancta Catholica gefunden, sondern gehörte – zumindest formal – noch der anglikanischen Staatskirche an. Sein Herz aber schlug längst für den Papst, die Mysterien und alle katholischen Heiligen zusammen. [...]"

Wenn man dem Anfang des Welt-Artikels glauben darf, müsste es sich sicher um eine DER Serien für Katholiken und Chesterton-Fans in Deutschland für das Jahr 2014 (wenn nichts sogar des Jahrtausends) handeln.

Aber nein.

Die Begeisterung, mit der "Die Welt" auf die Pater Brown-Serie von BBC reagiert, hat eigentlich damit zu tun, dass sie nichts mit Chesterton zu tun hat. Schon von Anfang an werden der angebliche Antisemitismus und Rassismus Chestertons behandelt (ob es sich um ein literarisches Stilmittel handelt, fragt seltsamerweise niemand). Auch dass er kritisch gegenüber asiatischen Religionen und Philosophien gegenüberstand, wird ihm übel angerechnet. Nein, der BBC-Brown spielt auch nicht in der in ideologischen und philosophischen Fieberträumen liegenden (post-)viktorianischen Ära, die Chesterton beinahe schon janusköpfig kritisierte und zugleich liebte, wie es für ihn auf alle Werke des Menschen zutraf, die letztendlich auf der von Gott gegebenen, aber oft durch die Sünde verdunkelte Vernunft aufbauen. Nein. Die 1950er Jahre mussten es sein. Romantik pur und fern von jedem generellen gesellschaftlichen Problem, das Chesterton sowohl in seinen Romanen als auch in seinen journalistischen Werken auf eine oder mehreren Trübungen durch die Erbsünde zurückführte.

Die Londoner Großstadt als Sinnbild des pulsierenden und sich oft selbst zerfleischenden Modernismus wird beiseite gelassen und gegen eine Dorfgemeinde eingetauscht. Die G. K. Chesterton in seinen Werken von den Pater Brown-Krimis über "Kugel und Kreuz" ("The Ball and the Cross") immer noch als das Sinnbild des natürlichen und durch keine Ideologien getrübten Common Sense (im Deutschen "gesunder/nüchterner Menschenverstand") darstellte, auch wenn es schon einige Macken gibt. Und im deutschen (wie auch im britischen) Fernsehen heute scheinbar als Brutstätte von Obskurantismus und Geheimniskrämerei herhalten muss. "Dahoam is dahoam" lässt grüßen.

Der "neue" Pater Brown ist das, was sich die meisten Menschen von einem Priester wünschen: "Lebensklug" und löst perfekt alle Probleme, damit auch der Zuschauer die Geschichte schnell wieder vergessen kann, um beim nächsten Mal wieder einzuschalten. Der Apollon-Priester aus der Geschichte "Das Auge des Apoll" verschwindet nicht einfach wie im Original, in dem Pater Brown nichts weiteres tun kann, als ihn der Barmherzigkeit Gottes anzuempfehlen, auch wenn man nicht weiß, ob er sich je bekehren wird, sondern man erkennt ziemlich schnell, wie elend er doch ist und er wird schließlich von Pater Brown in die Arme geschlossen. In den Kriminalgeschichten von Chesterton geht es ebenfalls eher um Schuld und Verzeihung als um nüchternes Aufklären. Aber bei dem Original von Chesterton wird die Sache nicht weichgespült auf "pro cunctis" mit Trockenprogramm Apokatastasis, sondern tatsächlich die Möglichkeit eines endgültigen, wenn auch noch abwendbaren Verlustes mitgerechnet. In "Der Hammer Gottes" warnt Pater Brown am Ende einen anderen Priester, der eine fahrlässige Tötung begannen hat und dabei ist, sich durch einen Sprung vom Kirchturm selbst zu töten, dass er gerade dabei ist, die Hölle zu betreten. Richtig, er benutzt das böse H-Wort (das eigentlich nicht einmal ein Laie in den Mund zu nehmen wagt), um ihn vor der endgültigen seelischen Tragödie zu warnen, die ihn nach so einer Verzweiflungstat erwartet.

Dazu heißt es von "Der Welt": "Wer in diesem Moment nicht katholisch sein möchte, dem ist auf Erden nicht mehr zu helfen. Es sei denn, er hätte schon eine Religion." Natürlich aber nur katholisch im Sinne des unscharf angegebenen "Zweiten Vatikanischen Konzils", das noch im Kommen ist.

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