Dienstag, 22. April 2014

Reale und fiktive Liebe

Im Interview mit Henryk M. Broder greift Paar-Berater und Autor Christian Thiel ein Problem auf, auf das auch vor gut fünfzig Jahren C. S. Lewis hingewiesen hat: Die Realität der menschlichen Liebe wird allzu oft mit den überidealisierten Darstellungen aus Groschenromanen und Kinofilmen verwechselt.


Thiel: ... nur die Einseitigkeit ist natürlich verheerend. Denn wenn nur die Frau sich um den Mann kümmert, wo bleibt dann die Frau? Welche Unterstützung bekommt sie? Es gibt jahrhundertealte Quellen, wo schon gesagt wird, Partnerschaft funktioniert nur auf Augenhöhe. Ebenso die Sexualität. Und dafür muss sich jeder um den anderen kümmern. Was ist das allergrößte Problem in Partnerschaften? Das größte Problem ist, dass Paare sich zu wenig umeinander kümmern, und der Hauptverdächtige dabei ist – der Mann!

Die Welt: Aber das ist doch ein Uraltmodell, längst aus dem Verkehr gezogen.

Thiel: Nein, überhaupt nicht! Das erlebe ich in der Beratung pausenlos. Nicht so wie früher – ich verdiene das Geld, ich bin der Patriarch – das läuft jetzt anders ab. Der Mann glaubt zu 100 Prozent an alle Hollywoodfilme, die jemals gedreht wurden, und an die deutsche Vorabendserie. Und an das, was dort über die Liebe erzählt wird.

Die Welt: Und das heißt: Die Liebe kommt, und dann hat man sie.

Thiel: Die Liebe ist wie ein Edelstein, hab ich ihn, dann muss ich nichts mehr tun. Ich aber sage: Die Liebe ist wie ein Brot. Soll sie frisch bleiben, muss sie jeden Tag gebacken werden. Der Mann muss sich jeden Tag um seine Frau kümmern. Aber das passiert nirgendwo. In keinem Hollywoodfilm, in keiner deutschen Vorabendserie. Die meisten Frauen verstehen es wesentlich besser, dass das Füreinanderdasein der Kern der Liebe ist. Der Mann denkt, wir sind ein Paar, was kann da noch passieren? Aber genau diese Haltung zerstört die Beziehung. Die Lieblosigkeit zerstört die Liebe.


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