Donnerstag, 10. April 2014

Umberto Eco: Isidor von Sevilla über Zierde und Schönheit

In seinem Werk "Die Geschichte der Schönheit" befasst sich der Semiotiker und Schriftsteller Umberto Eco mit dem Schönheitsverständnis der endenden Spätantike und des beginnenden Frühmittelalters aus der Sicht von Isidor von Sevilla, dessen Gedenktag letzte Woche gefeiert wurde. Bei näherer Betrachtung dieser Erklärung der Schönheit des menschlichen Körpers sind Parallelen zur Schöpfung im Allgemeinen und zur geistigen Schönheit im Hinblick auf Gott als Ausgangspunkt und als Licht, das alles durchleuchtet, leicht erkennbar.


Die Zierde

Für Isidor von Sevilla haben im menschlichen Körper einige Dinge praktische Funktionen, andere dienen dem decus, der Zierde als dem Schönen und Angenehmen. Für spätere Autoren wie beispielsweise Thomas von Aquin ist eine Sache auch dadurch schön, dass sie ihre Funktion erfüllt, so dass ein verstümmelter oder allzu klein geratener Körper oder ein gegenstand, der - wie der Hammer aus Kristall - seiner Funktion nicht gerecht wird, auch dann als hässlich zu betrachten ist, wenn es sich um wertvolles Material handelt.

Isidor greift mit seiner Unterscheidung eine ältere Tradition auf: Wie der Fassadenschmuck Gebäude Schönheit verleiht und die Rhetorik eine Rede verschönt, so erscheint der menschliche Körper durch seinen natürlichen Schmuck (Nabel, Zahnfleisch, Augenbrauen, Busen) und durch den künstlichen (Kleider, Geschmeide) als schön.

Ganz allgemein ist für die Zierde das entscheidend, was auf Licht und Farbe basiert: Marmor ist schön wegen seiner weißen Farbe, Metall wegen des Lichts, das es reflektiert, und selbst die Luft ist schön und hat ihren Namen aer/aeris vom Erz, weil dessen Name aes/aeris (wie Isidor in seiner umstrittenen etymologischen Methode erklärt) sich vom Glanz des aurum, also des Goldes herleitet. Tatsächlich schimmert es wie Gold, sobald Licht darauf trifft. Edelsteine sind schön wegen ihrer Farbe, denn Farbe ist nichts anderes als eingefangenes Sonnenlicht und purifizierte Materie.

Augen sind schön, wenn sie strahlen, und am schönsten sind blaugrüne Augen. Zu den ersten Eigenschaften eines schönen Körpers gehört die rosige Haut, und venustas, die körperliche Schönheit, leitet sich von venis, also vom Blut, ab, während formosus, schön, von formus, warm, kommt, also von der Wärme, die das Blut bewegt. Von sanguis, Blut, leitet Isidor auch sanus, gesund, ab als das Gegenteil von blass und blutleer.

Bei Isidor erkennt man, welche Bedeutung ein gesundes Aussehen in einer Zeit hatte, in der man früh starb und Hunger litt: Er behauptete, delicatus, reizend, sei das Aussehen dessen, der deliciae, köstliche Leckerbissen, zu sich genommen habe, und erklärt sogar den Charakter mancher Völker aus ihrer Lebensweise und Ernährung. Den namen Gallier bringt er in Verbindung mit dem griechischen gala, Milch, wegen ihrer weißen Hautfarbe.

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