Montag, 2. Juni 2014

Der Krieg als Indikator der Trennung von Staat und Kirche


[...] Nikephoros wußte um die militärischen Konsequenzen von Sure 4, 74-76; er war der erste, der die prinzipielle kriegerische Unterlegenheit der christlichen Religion zu korrigieren suchte. Doch die Bischöfe der Ostkirche sahen sich außerstande, ihre Theologie so zu manipulieren, daß ein kriegerisches Märtyrertum hätte entstehen können. Dabei blieb es. Die byzantinischen Kaiser mußten ihre schweren Abwehrkriege gegen die ständigen sarazenischen und seldschukischen Aggressionen führen, ohne daß ihnen die Religion dort half, wo Hilfe am nötigsten war.

Erst die Westkirche veränderte die theologisch-politische Situation: als Papst Urban II. 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, versprach er den christlichen Kriegern den Erlaß der Sünden: Gefallene Kreuzeskrieger umgingen demnach das göttliche Gericht; sie wurden insofern den Märtyrern gleichgestellt, obschon ihnen dieser Name verwehrt blieb. Der Papst als Oberhaupt einer monarchisch organisierten Kirche tat genau das, was ein Konzil östlicher Bischöfe nicht vermochte: Er verfügte über das Heil. Die Papstkirche konnte nun ebensolche „Heiligen Kriege“ führen, wie der Islam es seit Jahrhunderten zu tun pflegte. Worin unterscheiden sich dann Kreuzzüge und Dschihad? Kreuzzüge konnte allein der Papst ausrufen; daher blieben sie sehr selten - verglichen mit den unzähligen, unaufhörlichen und ubiquitären Dschihads der islamischen Welt.

Und die Ziele von Kreuzzügen blieben genau begrenzt; im November 1095 nannte Urban II. in Clermont Grund und Ziel des Kreuzzuges: „Es ist unabweislich, unseren Brüdern im Orient eiligst Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Konstantinopel) vorgestoßen; und indem sie immer tiefer eindrangen in das Land dieser Christen, haben sie diese siebenmal in der Schlacht besiegt, haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangengenommen. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein.“ Die ersten Kreuzzüge bezweckten, entweder bedrängten Christen zu Hilfe zu kommen oder die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen unterworfene Christen zu befreien. Dagegen hielten die muslimischen Rechtsgelehrten immer am Endziel fest, das „Haus des Krieges“ zu erobern und alle Ungläubigen zu unterwerfen. [...]


Neben der startegischen und ideellen Herangehensweise, die die Kreuzritter von den muslimischen Eroberern unterschied, wäre zu diesem Essay von Egon Flaig auch der Unterschied zu den Byzantinern zu nennen. Im Westen bestand zu der damaligen Zeit eine Trennung von Staat und Kirche in dem Sinne, dass beide sich nicht gegenseitig instrumentalisieren sollten. Der Staat durfte die Kirche und die Kirche den Staat nicht missbrauchen, um den Einfluss auf die Bevölkerung zu vermehren. Ausnahmen der Beeinflussung bildeten die Verfahren gegen Häretiker, die als Spalter der Gesellschaft und dafür vom Staat als potentielle Brandherde für Bürgerkriege galten (an dieser Stelle wäre auch der Stauferkaiser Friedrich II., der "erste moderne Mensch" zu nennen, der damals die sogenannten "Ketzerverbrennungen" einführte). Ansonsten lag der Schwerpunkt westlicher Theologie bei der Frage nach der Rolle des Gewissens, sodass nur damit Entscheidungen wie die von Thomas Morus in diesem Kontext heute erklärbar sind. Was heute "Humanisten" und "Freidenker" gerne unter den Teppich kehren und stattdessen ein größtenteils zusammenphantasiertes Bild vom "Finsteren Mittelalter" verbreiten.

Anders sah es zu diesem Zeitpunkt in Konstantinopel aus, wo der Kaiser auch der Herr über die Kirche war. Eine Sache, gegen die sich die damaligen Päpste vehement wehrten und auch Erfolg hatten. Was auch berechtigt war: Die orthodoxen Bischöfe haben mit ihrem Veto gegen die Idee von Kaiser Nikephoros ebenfalls diese Richtung eingeschlagen, weil der Kaiser sich in die Angelegenheiten Gottes und damit auch in das Gewissen seiner Untertanen einmischte - und zugleich dabei die Zügel des Staates in der Hand hielt, was in deren Augen ebenfalls zu einer Entartung gleich der politisierten Religion des Islam führen konnte.

So kam es dann auch während der Reformation und der Zeit danach, als Landesfürsten zugleich Kirchenführer wurden. An dieser Stelle könnte man den Schmalkaldischen Krieg und dessen Vorgeschichte nennen, in der deutsche Fürsten wie der von Württemberg im Namen der "Reformation des Glaubens" ganze Klosterbesitze einverleibte, z.B. das ehemalige Zisterzienserkloster Maulbronn. König Gustav II. Adolf von Schweden wurde als regelrechter Messias von der Protestanten gefeiert, während er plündernd durch das Deutsche Reich zog und seine Soldaten ganze Landstriche auslöschten. Während der Aufklärung gewann das ganze Ausmaß eine neue Dimension, als das Christentum als Religion unter vielen lediglich als "Quelle der Moral" erhalten blieb, die den Staat unterstützen sollte, um "Frieden" und "Wohlstand" zu sichern, das zunehmend nur noch der Staat garantieren kann. So darf es auch nicht wundern, dass Friedrich der Große den Priester Andreas Faulhaber wegen Wahrung des Beichtgeheimnisses bzw. angeblicher Verharmlosung von Fahnenflucht hängen lies.


Erschütternd ist auch eine Rede des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, der davon sprach, dass die Soldaten der Union ihr Blut auf dem Altar der "Civil Religion" vergießen würden. Für ihn persönlich war es vollkommen mit dem zunehmenden persönlichen Glauben vereinbar, wenn eine Sache den Fortschritt voran brachte, wie beispielsweise die Sklavenbefreiung durch den Amerikanischen Bürgerkrieg, was sogar als Walten Gottes angesehen wurde. Dass dabei offener Rechtsbruch und Missachtung der staatlichen Verfassung in Kauf genommen wurden, wie Repressalien gegen die Bevölkerung der ehemaligen Staaten der Konföderation (die Lincoln trotz legitimer Trennung lediglich als "Abtrünnige" sah), wurde aus reinem Utilitarismus einfach ignoriert. Dass sich manche amerikanische Atheisten damit schmücken, er sei ebenfalls Atheist oder mindestens Agnostiker gewesen, dürfte an dieser Stelle manchen wundern. 

Oder auch nicht. Tatsächlich ist gerade heute dieses säkulare Fortschrittsdenken, dem sich die achso "rückständige" Kirche doch bitte anschließen solle, weit verbreitet. Sie solle doch progressiver werden, Homosexualität akzeptieren (nein, nicht tolerieren, denn das ist zu wenig), ihre Priester Sex haben und sich am Leben "erfreuen lassen", Abtreibung nicht mehr so verteufeln und nebenbei doch noch einige Dogmen entschärfen - zum Beispiel das mit den Geboten Gottes und dem Begriff der "Sünde" der selbst von vielen Theologen schon gemieden wird. Oder am besten gleich die Verantwortung gegenüber Gott als dem Schöpfer des Menschen fallen lassen. Wenn, dann soll es doch bitte Gott sein, der sich bitteschön den Menschen gegenüber verantworten soll. Und wenn er das nicht tut oder weiterhin "Blödsinn" anstellt (wie die Sache mit den Dinosauriern und dem Meteoriten), dann gibt es Gott halt nicht. Hat er halt davon, aber man kann ihn eben nicht vor das nächste Landesgericht zerren.

Dass all das nicht nur für die Gesellschaft nichts bringen wird, sondern andererseits und letztendlich in einer den Glauben (auch als "Privatsache") auflösenden Idololatrie enden wird, haben wir schon gesehen, auch wenn es alle zehn Jahre wieder aufgewärmt wird.


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