Sonntag, 27. Juli 2014

Die Ringprabel. Das Original. Ohne den ganze Toleranzfusel.


Es dürfte bekannt sein, dass der ¨Ringparabel¨ von Gotthold Ephraim Lessing eine ältere Fassung aus dem ¨Decamerone¨ von Boccaccio (ca.1350) vorliegt, in der es darum geht, dass der Jude Nathan sich vor den Fangfragen des Sultan Saladin zu drücken versucht und mit einer Gegengeschichte die problematische Frage nach der wahren Religion entkräftet.

Dieser Novelle lag wiederum eine Geschichte aus der in ganz Europa verbreiteten Sammlung ¨Gesta Romanorum¨ aus dem 13. Jh vor. Deren Verfasser das spätere Thema ¨Toleranz¨ scheinbar ziemlich egal war:



Neunundachtigstes Kapitel.
Von dem dreifachen Lauf der Welt.

Es gab einst einen Ritter, der drei Söhne hatte, und als er sterben sollte, dem Erstgeborenen ein Erbgut, dem zweiten aber einen gesammelten Schatz aussetzte. Dem dritten Sohn aber gab er einen kostbaren Ring, der merh wert war als alles das, aws er den ersten beiden vermacht hatte. Übrigens gab er auch den beiden älteren Söhnen zwei, aber nicht so kostbare Ringe, allein, alle hatten dasselbe Aussehen.

Wie nun der Vater gestorben war, sprach der erste Sohn: ¨Ich habe den kostbaren Ring meines Vaters.¨ Darauf der zweite: ¨Nicht du hast ihn, sondern ich.¨ Der dritte aber sagte: ¨ Es ist nicht recht, dass ihr ihn haben solltet, weil der ältere von euch ein Erbgut, der andere aber einen Schatz erhalten hat: Also lehrt die Vernunft, dass ich jenen köstlichen Ring haben muss

Da rief der erste Sohn aus: Lasst uns durch die tat beweisen, welcher Ring der kostbarere und bessere ist. Jener aber entgegnete: Also gefällt mir es auch. Alsbald wurden verschiedene Kranke herbeigebracht, welche an verschiedenen Gebrechen litten, aber die ersten beiden Ringe machten gar nichts, der Ring des Jüngeren aber heilte alle Krankheiten.


[Blog-Durchstöber: War da nicht mal was in Indien?]


Kommentare:

  1. Sehr interessant ... das hat natürlich kein Lehrer erwähnt (ich vermute, man kommt in keiner Schulart an mit gläubiger Hingabe zelebrierten Unterrichtseinheiten zu Lessings Ringparabel vorbei ... ;-)

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  2. Interessant, gefällt mir irgendwie besser als die ursprüngliche Ringparabel.
    an der Lessingschen Ringparabel störte mich immer, dass Gott eben so nicht ist, wie der Vater in der Parabel und es eben eine Geschichte ist, die sich im Grunde um eine klare Aussage, wenn auch sehr elegant, herumdrückt, was aber klar, wird, wenn es sich um das Ausweichen vor einer Fangfrage handelt.
    Die ursprüngliche Geschichte, aus der Gesta Romanorum ist kantig, und errinnert an germanische Sagen, ist irgendwie ungerecht und doch wieder nicht.

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  3. DAS tut gut! Diese "wir werden sehen, wer recht hat" - Haltung hat mich schon in der Schule gestört ... Brrrr.

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