Montag, 22. September 2014

Der schmale Grad des "Evolutionären Humanismus"


Ich neige zum Hylozoismus, wonach jeder Stoff (hyle) von Leben (zoe) erfüllt ist, zum nahverwandten Panpsychismus sogar, der alle Materie für beseelt hält – woran ich nur beim Anblick gewisser Artgenossen zweifle, aber nie vor Tieren, Blumen, einem Baum.
Karlheinz Deschner

Wenn jemand nicht an Gott glaubt, bedeutet das nicht, dass er an gar nichts mehr glaubt. Sondern an alles Mögliche.
Gilbert Keith Chesterton


Es ist zwar unhöflich, anderen nachträglich nochmal auf dem Grab herumzutanzen. Aber wenn Deschner das schon in Werken wie "Mit Gott und den Faschisten" u.a. getan hat, um die Öffentlichkeit "aufzuklären", müsste er mir der Fairness halber ebenfalls zugestehen, Kritik im Zuge der öffentlichen Aufklärung äußern zu dürfen. Da ich keinen Einwand seinerseits höre, dürfte das also in Ordnung sein. Besonders, wenn gewisse Dinge regelmäßig von seinen Bewunderern unter den Teppich gekehrt wurden.

Als kleines Addendum zu meiner Kritik an den "Tierrechten" sollte eigentlich alleine dieser Bericht von Klaus Alfs hinzugefügt werden, der die Verquickung von Naturschutz und der Nationalsozialistischen Ideologie untersucht. Ein Thema, von dem überzeugte Vegetarier auch heute nichts mehr wissen wollen, sogar ziemlich aggressiv reagieren, wenn man sie darauf anspricht. Obwohl der eine oder andere rhetorische Ausrutscher - auch im deutschen Sprachraum - noch immer unbemerkt durchschimmert.

[...] Die intensive "Volksaufklärung" in Sachen Tierschutz wirkt bis heute nach: Der deutsche Vegetarierbund (Vebu) zitiert z.B. den Kirchenkritiker Karlheinz Deschner mit dem Satz "Wer Tiere isst, steht unterm Tier", ohne zu erkennen, dass diese Formulierung der Nazi-Definition vom "Untermenschen" entlehnt ist. So wurden im Nationalsozialismus vor allem die "tierfeindlichen" Juden bezeichnet. "Untermenschen" standen moralisch nicht zwischen Mensch und Tier, sondern unterhalb des Tieres und konnten deshalb vernichtet werden. Deschner überbietet die Nazidefinition sogar noch, indem er sie von den Tierquälern auf alle Fleischesser ausweitet. Eine abscheuliche Entgleisung.

Milliarden Menschen sind weltweit von der Tierhaltung abhängig; vor allem in armen Regionen wie Afrika haben sie oft gar keine Alternative. Die Organisation "Tierärzte ohne Grenzen" stellt auf ihrer Homepage fest: "Weltweit leben viele Menschen von der Tierhaltung, allein in Ostafrika sind es 24 Millionen. Ackerbau ist dort in vielen Regionen aufgrund der klimatischen Bedingungen nur in sehr begrenztem Umfang möglich, sodass Nutztiere wie Rinder, Ziegen, Schafe, Kamele und Hühner den Menschen geben, was sie zum Leben brauchen. Häufig bilden Milch, Eier und Fleisch bis zu 60% ihrer täglichen Nahrung." All diese Menschen werden von Deschner und dem Vegetarierbund zu Untermenschen erklärt, weil sie Fleisch essen. Mehr Verachtung ist kaum möglich. [...]

[...] Angesichts ihrer entspannten Haltung zum Tier bemerkte der britische Popmusiker und Veganer Morrissey vor ein paar Jahren: "Man kann nicht anders, als das Gefühl zu bekommen, dass Chinesen Untermenschen sind".

Jäger, Landwirte, Metzger oder Wissenschaftler, die Tierversuche machen, stehen bei vielen "ethischen Vegetariern" inzwischen auf derselben Stufe wie Kinderschänder oder sogar noch darunter. "Es gibt nichts Widerlicheres als ordinäre Fleischfresser im Konzertsaal und Restaurant", tönt der populäre, vom Vegetarierbund hofierte Tierrechtler Helmut F. Kaplan. "Sie simulieren Moral, obwohl sie meilenweit unter jedem Kinderschänder und Massenmörder stehen."
[...]


An diesem Punkt hatte ich eigentlich vorgehabt, aufzuhören. Wäre ich nicht zufällig über eine Verteidigung Deschners gegenüber Peter Singer gestoßen. 

Die Unterschiede dürften ersichtlich sein: Singer als typisch empirischer Angeslsachse ist reiner Naturalist, der "werthaftes" Leben an "Bewusstsein" misst. Kuh im Schlachthaus: Retten. 10 Tage altes Kind mit Down-Syndrom: Pech gehabt. Deschner ist dagegen geistesgeschichtlich "typisch deutsch". Das bedeutet, dass ein ganzes Weltbild aus verschiedenen Positionen erstellt wird. Nicht im katholischen Sinne, dass mehrer von einander verschiedene Sachverhalte wie Gott, die Sünde und französische Filme nebeneinander existieren können - fein ausbalanciert, wie es G. K. Chesterton in seiner "Orthodoxie" beschrieben hat. Nein, alles muss "persönlich" miteinander zu tun haben, also nicht nur geistig, sondern materiell miteinander zu tun haben, wenn nötig muss man auch (rhetorisch) handwerklich ein wenig nachhelfen, ausschönen und übermalen, damit eine schöne starre Schablone entstehen kann, die auch im Englischen als "the weltanschauung" bekannt ist.

Geschönt werden solche Dinge nicht nur mit rationalen, sondern meist emotionalen Einwänden. Neben Karlheinz Deschner braucht man sich nur die Stellungnahmen von Seiten der Giordano-Bruno-Stiftung anzusehen, bei der Deschner eine Art Ehrenmitglied war und die auch einen Preis nach ihm benannt hat (und die lustigerweise auch Peter Singer mit einem ¨Ethik-Preis¨ ausgezeichnet haben). Wie der Name verrät, hat sie sich nach dem esoterischen Renaissance-Philosophen Giordano Bruno benannt, der für die Ewigkeit der Welt warb. 

Was besonders im materialistischen 19. Jahrhundert eine Wiederkehr feierte, bis das Problem mit dem Urknall auftauchte, das die ganze Sache relativierte, weswegen man von der ewigen Welt auf die ewige Materie an sich umsattelte. Der Mensch ist nicht nur ein Tier wie jedes andere, und nicht nur Materie. Durch sein Sein als Materie ist er außerdem Teil des Ganzen, eigentlich mit allen anderen der Kosmos selbst, ewig pulsieren und ewig in allen Farben, Formen und Regungen wechselnd und zugleich bestehend. damit wurde der alte Traum der (atheistischen) Alchemisten wahr: Biologen und Chemiker, Astronomen und Physiker, Hirnforscher und Philosophen Hand in Hand, um DIE ganzheitliche Weltanschauung, ja sogar Weltschauung zu errichten, einen Humanismus, der auch der Wirklichkeit gerecht wird, nämlich den "evolutionären Humanismus".

Doch bei genauerer Hinsicht wird ein bizarr verformter Humanismus ersichtlich: Der Mensch ist nicht Ebenbild Gottes, die Tiere sind nicht Geschöpfe eines liebenden und guten Gottes, die er dem Menschen anvertraut hat, sie sind einfach dass sinnlose Produkt einer ewigen Materie, die sinnlos und auf Ewig ihre Aggregatzustände verändert. Aber trotzdem SOLL der Mensch gut zu anderen Menschen, trotzdem SOLL er human gegenüber Tieren sein und SOLL sich bitte an humanistische Regeln halten. 
Warum (außer aus opportunistischen und utilitaristischen Gründen) - man weiß es nicht und man kann es nicht vollständig wissen. Doch man MUSS auf andere einprügeln, die das kritisieren. 

Es handelt sich dabei nicht um einen Humanismus im klassischen Sinne. Es handelt sich dabei um einen Religionsersatz, einer modernisierte Version der Verehrung des "Höchsten Wesens", in dem der Mensch selbst angebetet wurde, nachdem die französischen Revolutionäre versuchten, den Glauben an Gott auszurotten. Und es ist partout keine Religion, die sich auf einen weisen und liebenden Schöpfer bezieht (der in diesem Fall auch das entpersonalisierte Universum sein kann), sondern um reinsten Determinismus. 

Warum bringt es Vorteile, anderen gegenüber gut zu sein? Reiner Determinismus. Warum ist es nicht von Vorteil, anderen gegenüber nicht gut zu sein? Reiner Determinismus. Warum kann "human" einzig bedeuten, sich an den "evolutionären Humanismus" zu halten? Ebenfalls Determinismus. 

An dieser Stelle muss man besonders die Liebäugelei unserer lieben Humanisten nicht nur mit fragwürdigen Tierrechten beachten, sondern auch die mit der "Hirnfoschung", die einen freien Willen an sich, sowie objektive Aussagen zu "gut" und "böse" leugnet, und der "sexuellen Freiheit", die keine Entfaltung einer Person aus freier Entscheidung im Rahmen der Normalität bedeutet, sondern die Entfaltung einer eigentlich genetisch festgelegten "Orientierung" (die in Wirklichkeit keine Orientierung ist, sondern blinder Trieb) in einer nicht geistig-normativ festlegbaren Wirklichkeit. 

Sollte an der Stelle etwas jedoch nicht der Wirklichkeit entsprechen, die nach Chesterton sogar dogmatischer ist, als es sich die "Befreier" vorstellen, lautet das letzte, zum endgültigen Befreiungsschlag ausholende (relativistischen) Argument immer: "Aber das schadet doch niemandem." 

Stimmt. Ebenfalls wie bei der Sache mit dem Vegetarismus schadet es anderen nicht, wenn sie nicht davon betroffen sind. Aber unbemerkt davon bleibt ein schleichendes Grauen, das man eigentlich als DAS Grauen schlechthin bezeichnen kann, weil es rein geistig ist. Wenn das Töten von Tieren Mord ist, dann müssen notfalls diejenigen, die das aus den eigentlich erfindlichsten Gründen tun, Mörder sein. Und Mörder soll man ja bekanntlich weitermorden bzw. laufen lassen. Eigentlich müsste man sie ja überwachen, denn sie könnten ja rückfällig werden. 

Dazu kommt noch: Mord ist unmenschlich - das sagen vor allem die Humanisten und haben damit eigentlich recht. Doch: Die meisten Menschen essen Fleisch. Sind sie damit keine Menschen oder im generellen Falle: keine vollwertigen Menschen? Und vor allem: wie soll man das mit dem oben genannten Determinismus verbinden? Wäre es vielleicht normal, wenn diese "geistige Übel" (das man nach Michael Schmidt-Salomon nicht als "Böse" bezeichnen soll) plötzlich im wirklichen Leben ausbricht?


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