Donnerstag, 4. September 2014

Die Volkskirche, ein Nachruf. Oder: Hans Küng und Marcel Lefebvre im Dekanats-Wartezimmer


Das Peinliche an der Piusbruderschaft ist nicht etwa, dass sie regelmäßig das Schisma unterstreichen. Das Peinliche an der ganzen Sache ist, dass sie sich in vielen seelsorgerischen Punkten besser und korrekter verhalten als diejenigen liberalen Theologen und Seelsorger, die (ohne ansatzweise irgendwelche gravierenden Gründe zu nennen) vor ihnen warnen.

Eigentlich ist die ganze Sache schon länger her. Ein Paar hat sich beim Ortspfarrer erkundigt, ob es ihr Kind in einer benachbarten Kapelle taufen könnten. Der Pfarrer sagt Nein und verweist darauf, dass sie als Familie in die Gemeinde gehören, also keine Extra-Würste braten sollen, sondern es in der Ortskirche taufen lassen sollen. Das war Akt Eins.

Akt Zwei bestand darin, dass die Sache (scheinbar) so weit hochkochte, dass die nächstgrößere Zeitung darauf aufmerksam wurde und einen Artikel darüber verfasste.

Dann kam, was eigentlich niemand erwartet hatte: Der Dekan verfasste einen Leserbrief, der auch abgedruckt wurde. Eigentlich ist er ja sehr liberal, im öffentlichen Leben fast durchgehend beliebt. Aber der Leserbrief hat dann doch irgendwie den Vogel abgeschossen.
Zunächst ging es ebenfalls darum, dass die Eltern als Teil ihrer Gemeinde ihr Kind besser in der Gemeindekirche taufen lassen sollen wegen "Gemeinschaft" und Bratwurst und so. Dann fiel der eine Begriff. Der eine Begriff, der für die nächste Zeit den Siedepunkt dieses eigentlich absurden Streites darstellte. Man solle sich nicht "außerhalb der Gemeinde" stelle, weil man sonst den Eindruck einer "konspirativen [sic!!!] Gruppierung" bilde.

Eins kann ich schon mal verraten: Diese Bemerkung hat ordentlich gesessen. Nicht nur dass man mit diesem etwas oberflächlichen Regionalzentralismus versucht, die "Volkskirche" beisammen zu halten. Gleichzeitig stellt man sich damit eigentlich selbst ein Bein, indem man die Gläubigen selbst damit vergrault, die erst recht keine Lust mehr bekommen mit "dem da" Gottesdienst zu feiern.
Und mit dem Dogma der Realpräsenz in der Eucharistiefeier hat man es auch nicht so richtig (siehe die landläufige "Erstkommunionsvorbereitung"), sodass man erst recht keinen Grund sieht, mit jemandem Messe zu feiern, den man nicht ausstehen kann. Um es nicht zu vergessen: Die übliche kirchlich geforderte Beichtpraxis ist eigentlich hier schon längst zusammengebrochen, womit auch der Punkt mit dem "Versöhnen und Verzeihen" auf das persönliche Abstellgleis geschoben wurde.

Die "Volkskirche" stirb also nicht, weil die Kirche dominiert und das Volk zerdrückt. Sie stirb, weil einerseits auf jede noch so absurde liberale Rücksicht auf das "Volk" die Kirche zerlegt wird und andererseits mit einem schlechten Gewissen versucht wird, den ganzen Laden beisammen zu halten. Was natürlich auf Dauer auch nichts bringt.

Das wäre dann der erste Punkt. Der zweite sieht so aus: Heute stieß ich zufällig, als ich mich aus Langeweile ein bisschen bei der Homepage der "bösen Piusbruderschaft" umgeschaut habe, auf einen Vortrag von Marcel Lefebvre aus dem Jahr 1975, der kirchlicherseits eigentlich die Lösung für dieses Problem hätte darstellen sollen:

[...] Jemand sagt das Gegenteil von dem, was wir sagen: Sie sind dieses, Sie sind jenes, Sie sind ein Progressist, Sie sind ein Integrist, Sie sind ein Modernist. Natürlich hat man die Neigung, das zu tun, aber glauben Sie, dass man so Leute bekehrt? Nicht doch. Tun Sie das mit Ihren Gläubigen? Ihre Gläubigen sind Sünder, es wird öffentliche Sünder in Ihren Pfarreien geben, es wird Leute geben, die sich schlecht benehmen. Werden Sie dann einen Knüppel nehmen, auf sie einschlagen und sagen: ‚Raus hier!' Aber nein. Versuchen Sie, sie zu bekehren, die Mittel zu ihrer Bekehrung zu ergreifen, aber nicht zu gewalttätigen Mitteln zu greifen, nicht diesen Eifer, diesen Hochmut, diese Missachtung der Persönlichkeit, diese Missachtung der Leute zu haben, diesen Mangel an Psychologie, diesen Mangel an heiliger Psychologie. [...]


Diese "heilige Psychologie" ist eigentlich gar nichts Neues. Bei der Mission unserer heidnischen Vorfahren hat man Bräuche, allgemeine Symbole und Ausdrucksformen (solange sie nichts direkt mit dem heidnischen Kult und Zauberei zu tun hatten) übernommen, um sie so zum Glauben und zum Leben in Gott zu führen. Auch im Mittelalter und in der Neuzeit griff man auf kulturell Strömungen zurück, die natürlich überprüft und gegebenenfalls sogar eingeschränkt werden mussten, um ihr Potential vollständig entfalten zu können. 

Das Zweite Vatikanische Konzil stand eigentlich unter dieser altbewährten genuin katholischen Praxis, auf die eigentlich schon die Apostel zurückgriffen. 
In den Medien wurde das ganze dann ebenfalls weiter hochgekocht, besonders unter Forderungen und Erwartungen, die nicht im Konzil vorgesehen waren und generell nicht erwünscht waren. Aber: Man hatte diesen unbändigen Optimismus, alles zusammenführen zu können, auch das, was nicht "kurial-dogmatisch" zusammengehören konnte. 

Deswegen ist dieses Zusammensacken kurze Zeit nach dem Konzil für uns heute so unerklärlich. Man nehme das Beispiel Hans Küng: Damals wie heute als "zeitgemäßer Theologe" und "Befreier" - besonders nach seinem Rauswurf - gefeiert, lungert er seither nur noch hinter dem Schreibtisch und gelegentlich in irgendwelchen Zeitungsartikeln herum, ohne seelsorgerisch irgendetwas zu erreichen. Um dann anschließend zu erklären, dass er eines Tages Euthanasie in Anspruch nehmen würde. 
Christliche Erlösungsfreude sieht irgendwie anders aus.

Die Lösung liegt ebenfalls wieder in sich selbst: Diese Psychologie des Öffnens kann nicht aus sich selbst heraus bestehen, wie das heute in vielen Selbsthilfekursen dargestellt wird, damit der Patient wenigstens irgendetwas macht und nicht  vielleicht sogar aus Versehen in der eigenen Dusche ertrinkt. Die christliche Öffnung - in der die Tätigkeit der Kirche besteht - ist eine Öffnung auf Christus hin. Wenn ich jemanden nur auf die Gemeinde oder nur auf mich selbst öffne, kann ich genauso gut auch bei den Zeugen Jehovas oder bei irgendwelchen Kuppel-Agenturen anfangen. 

Wenn ich aber auf Christus hin öffne, öffne ich nicht nur auf einen seltsamen Juden mit Helfersyndrom, der mal zufälligerweise drei Tage tot war und dann aus irgendeinen Grund in den Himmel umgezogen ist. Wenn ich auf Christus hin öffne, dann öffne ich auf Gott hin, weil Christus Gott, der Mittelpunkt der Schöpfung ist auf den alles hin erschaffen wurde. Wenn ich auf den Mittelpunkt der Schöpfung hin öffne, dann öffne ich auch auf die Heilsgeschichte hin und das Problem der Erbsünde und zugleich auf die Barmherzigkeit, aber auch auf die Gerechtigkeit Gottes hin. Suche erst Gott, der Rest wird dir dann gegeben.

Doch das alles ist Dogma, unverrückbare Glaubenswahrheiten, vor denen sich nicht nur unser Bild von Gott, sondern auch wir selbst uns zu rechtfertigen haben und was uns als Gemeinschaft der Glaubenden zusammenhält. 

Und das fehlt leider vielen "modernen" Seelsorgern.


[EDIT: Im Bistum Limburg hat man jetzt ein Sorgentelephon eingerichtet. Für Tebarzt-van Elst-Geschädigte. Hat ebenfalls nichts mit einer Öffnung auf Christus hin zu tun, wird aber scheinbar als "seelsorgerisch notwendig" angesehen...]

1 Kommentar:

  1. Ich fürchte, die Öffnung auf Christus hin als dem Gottmenschen - und das auch noch in heilsgeschichtlicher Perspektive - ist eine Forderung, mit der selbst mancher Seelsorger heute nichts anzufangen weiß; mehr noch: die als mythisch / esoterisch / irreal abgelehnt wird. Es ist ja leider so, daß man "den Glauben der Kirche" längst nicht mehr als verbindliche Basis betrachten kann, auf welcher konkrete Einzelfragen geklärt werden könnten ...

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