Mittwoch, 19. November 2014

Relative Unfehlbarkeit

Immer wenn sich was Opportunes ergibt, hat der Papst doch wieder Autorität. Auch wenn er zur Zeit der Abfassung noch keiner war.

Anders lässt sich das Interesse vom Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff, der sich ja bisher weniger um dessen Position gekümmert und sich eher für die Gegenposition innerhalb der Katholischen Kirche in Deutschland stark gemacht hat (und zu dem ganzen Thema die wichtigsten Bücher der Fakultätsbibliothek hortet. True Story.), nicht erklären:

In der Debatte über einen neu veröffentlichten und überarbeiteten Aufsatz von Benedikt XVI. plädiert der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff für eine «Entdramatisierung». Obwohl sich der emeritierte Papst in der neuen Version anders als in der Urfassung nicht mehr für die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten ausspricht, widerlege der Papstaufsatz dennoch den oft vorgebrachten Einwand, dass eine individuelle Zulassung zum Kommunionempfang unvereinbar mit der Glaubensüberzeugung von der Unauflöslichkeit der Ehe sei, meint Schockenhoff in einem Gastbeitrag für die «Herder-Korrespondenz» (Dezember).

Seit langem wird in der katholischen Kirche um einen neuen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen diskutiert. Bislang sind sie laut katholischer Lehre von den Sakramenten ausgeschlossen. In der Praxis gibt es jedoch oft individuelle Lösungen. Erwartet wird, dass sich Papst Franziskus im kommenden Jahr nach der weltweiten Bischofssynode zu diesem Thema äußern wird. [...]

War die Position des Aufsatzes Joseph Ratzingers von 1972 noch die, die der von Kardinal Kasper auf der letzten Synode entsprach, so fallen in der überarbeiteten Version, die dieses Jahr erschienen ist, die Überlegungen einer Legitimation einer nicht aufgelösten Zweitehe durch eine "moralische Größe" oder einen "gelebten Geist des Glaubens" weg. 
Es dürfte weiterhin ersichtlich sein, dass diese Begriffe zu subjektiv-relativen Terminus - wenn man das überhaupt einen Terminus nennen kann - entwickeln könnten (wer kennt nicht den Mitchrist, der ja nach Ansicht anderer "so voll christlich" ist, aber regelmäßig über andere herzieht...), die einer weiteren Auseinandersetzung des Problems der vorangegangenen Ehescheidung im Weg stehen könnten. Wenn die zweite Ehe eine "moralische Größe" hat und "den Geist des Glaubens" beinhaltet, dann dürfte sich wohl auch das Ehenichtigkeitsverfahren erübrigt haben, da ja wohl alles im Ruder ist. Mit den gleichen Worten werden übrigens unter "progressiv-liberalen" Katholiken die Homoehe bzw. die Weihe homosexueller Paare gerechtfertigt, ohne zu beachten, dass es sich um eine kirchlich illegitime, weil widernatürliche Haltung und Handlung handelt.

Dass Benedikt nun doch noch einmal Stellung bezieht und seine damalige Stellungnahme bzw. Überlegung wegen einer derzeit erhöhten Gefahr der Missinterpretation und des Missbrauches (das übrigens auch nach seinem Ableben stattfinden könnte) im Rahmen der besonders in Europa aus den Fugen geratenen Diskussion, die zum großen Teil nicht nur emotional, sonder auch auf dem Papier stattfindet, korrigiert, ist deshalb sehr zu begrüßen. Vor allem weil sich immer mehr Gläubige seit der letzten Synode mehr verwirrt denn aufgeklärt fühlen.


1 Kommentar:

  1. Habe selbst ein paar Gedanken dazu geschrieben.
    Abwarten. Freiburg ist nicht verloren: Prof. Hoping wird im Januar einen eigenen recht umfangreichen Text dazu in der Korrespondenz veröffentlichen (immerhin so fair sind die Leute bei Herder noch).

    Ratzinger war, wenn ich das richtig sehe, bereits 1974 von dieser Position abgerückt. V.a. die historischen Erkenntnisse von Henri Crouzel haben ihn wohl überzeugt, die zwar 1972 schon vorlagen, die Ratzinger damals aber nicht kannte (hier der text von Crouzel auf Englisch zum Download: http://www.communio-icr.com/articles/view/divorce-and-remarriage-in-the-early-church).

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