Montag, 15. Dezember 2014

Chesterton der Mystiker. Oder: Was man alles mit einer weißen Decke machen kann.

Als bekennender Chestertonian fühle ich mich durch diesen Artikel auf Geistbraus herausgefordert wie Don Quijote von der Windmühle. So was darf man nicht stehen lassen! Zu Ehren der schönen Dulcinea von Toboso des guten alten Gilberts hole ich daher zum Gegenschlag aus.

Dazu muss ich sagen, dass ich Herrn Grannenfeld schon einmal eher zufällig begegnet bin, als ich mich über das Institut Philip Neri in Berlin näher informieren wollte. Dass es sich um den bekannten Autor des meinerseits sehr geschätzten Blogs handelte, habe ich erst viel später erfahren. Was nicht bedeutet, dass ich auch automatisch seine Gedanken kennen würde. Dennoch versuche ich mal den Unterschied zu diesen eigentlich sehr unterschiedlichen Positionen herauszuarbeiten.

Das Problem dürfte wirklich die weiße Decke sein. Chesterton füllt sie mit phantastischen Bildern aus, was Grannenfeld stört, da Chesterton scheinbar mit seinen Bildern nicht nur die faktische Reinheit der Decke zerstört, sondern auch noch mit viel phantastsicher Zerstreuung auskleidet, was tatsächlich ein wenig befremdlich wirkt (falls irgendetwas falsch oder irrig dargestellt worden ist, BITTE darauf hinweisen!). In diesem Fall könnte man vielleicht von pseudomystischen Delirium sprechen, kurz Phantasieren für Fortgeschrittene.

Aber Mystik im geistbrauschen Sinne kann das sicher nicht sein. Mystik im geistbrauschen Sinne ist die Existenz der weißen Decke per se, deren Materie nicht nur auf den Schöpfer selbst zurückgeht, sondern die auch in ihrem Sein als Decke von Ihm in ihrer jetzt sichtbaren Existenz erhalten wird. Warum man da jetzt noch viel rumphantasieren soll mit Dingen, die eben nicht existieren, wirkt eher wie Ablenkung vom Eigentlichen. [EDIT von Geistbraus: Nein, nein, das meine ich überhaupt nicht! Es geht mir vielmehr darum, dass Chesterton nicht den Raum transzendiert und seine Fantasie an die erdenschwere Stofflichkeit der Decke gebunden bleibt. Ich plädiere demgegenüber für die freischweifende Fantasie des Himmelreichs, für die eine weiße Decke hienieden völlig einerlei ist!] Man könnte es auch in diesem Sinne etwas töricht nennen, unter einer Decke, die jeden Moment unter dem Gewicht der Herrlichkeit dem allerheiligsten Geheimnis der Dreifaltigkeit in sich zusammenbrechen könnte, auf dem Rücken zu liegen und auf sie zu starren. Ob es eine Bereicherung für dieses Traumspiel sein könnte, bleibt mal dahingestellt. Man denke an die psychedelische Straße aus einer Kurzgeschichte Chestertons, die sich plötzlich aufrichtet, um sich bei einem Passanten zu beschweren, dass er sie nie beachte.

Aber Chesterton ist nun mal nicht Grannenfeld. Und bei beiden verhält es sich anscheinend so, wie wenn man bei einem von zwei Neodymmagneten die Polung vertauschen würden: Sie sausen lautlos, aber weiträumig auseinander. Was bei Geistbraus eine Implosion auf den Einen hin ist, das ist bei Chesterton eine Explosion vom Einen her. Das Auffällige bei Chesterton ist eine gewisse Hyperaktivität, die biographisch verwurzelt ist. Er hat sich das Herz eines Kindes bewahrt, das voll von Spielen, Bildern, Märchen und Freude ist. Er hat sich dieses Herz auch bewahrt, als er als Jugendlicher und junger Mann in Depressionen fiel und es war das Herz gewesen, das ihn nach Heidentum, Agnostizismus und Atheismus zurück zum Glauben und schließlich zur Katholischen Kirche brachte. Gott war der Gott gewesen, der er in seiner Kindheit war und auch jetzt ist und auch künftig sein wird. Und dieser Gott hat sein ganzes Leben mit Freude erfüllt, die sich eben auch in immanenten Dingen manifestiert, ja im Laufe seiner Suche bis zu seiner Konversion 1921 immer wiederkehrten und plötzlich realsymbolische Bedeutung annahmen. Chesterton selbst jagte Gott nicht um den Maulbeerbaum, sondern Gott lief ihm nach. Und daraus entstand ein Tanz, genau wie am Ende des Romans "Der Mann, der Donnertag war", der auch den Untertitel "A Nightmare" trug. Und wie im Roman erscheinen auch all die anderen Dinge, denen man auf dieser wilden Jagd begegnet ist, im harmonischen Tanz, ohne dass man es überhaupt erkennen konnte. Like Childen dancing around the Mulberry bush.

Diese bunte Zerstreuung, ja die Buntheit (nicht im Sinne der Politischen Korrektheit, die ist nämlich das genaue Gegenteil) und Verschiedenheit war eine Schau der Wesenheit Gottes außerhalb seiner Offenbarung, in deren Licht dies alles überhaupt erst Sinn bekommen kann. Will man Picasso und Dalí kennen lernen, muss man nicht nur deren Biographien und Zitate kennen lernen, sondern auch deren Bilder kennen. Aber man kann deren Bilder nicht verstehen, wenn man nicht weiß, wer Picasso und Dalí sind. Auch bei Gott ist es so. In "Orthodoxie" vergleicht Chesterton Gott im Gegensatz zu den zu sammelsurischen Monstern entarteten pantheistischen Göttern mit einem "Riesen, der sich selbst die Hand abschlägt, damit es jemanden gibt, der ihm aus eigenem Willen die Hand schütteln kann" - und dabei eine ganze sichtbare Welt erschaffen hat.
Trennt man sichtbare und unsichtbare Welt auf, hat das zur Folge, dass beide sich auseianderentwickeln. Bei der sichtbaren Welt war das zur Zeit Chestertons der nihilistische Materialismus, der auf Diffusion abzielte, bei der unsichtbaren die schwärmerische Vergeistigung, die auf eine Art Alleinheit (vgl. dazu die "Theosophische Gesellschaft") ausgerichtet war, die irgendwann an den absurden Punkt kam, dass die Schöpfung eigentlich schlecht, weil nutzlos, sei. Letzteres empfand er übrigens als das schlimmere Übel. Bei einem reinen Materialismus fragt man irgendwann einmal nach einen Sinn hinter der Ordnung der Welt, nach der Möglichkeit eines (vielleicht weisen und zu Schönheit und Liebe fähigen) Schöpfer. Bei der Vergeistigung bastelt man sich ein System, das irgendwann einmal zu einem Selbstläufer wird. Und man dann ohne viel nachzudenken alles weitere wegwirft - mit der gleichen Begründung, mit der die muslimischen Eroberer damals die Bibliothek von Alexandria angezündet haben: Weil im Geist ja eh alles enthalten sei und alles andere, was nicht Geist ist, schädlich sein muss.

Da Chesterton nach eigenen Angaben selbst solche Positionen von damaligen engen Freunden und deren katastrophale Auswirkungen kennengelernt hat, dürfte dieser einfache, joviale Stil, der aus Bier und Wein, Thomas von Aquin und Franz von Assisi, aus Alltag und Mystik besteht, nicht verwundern. In diesem Sinne hatte es Chesterton einfach, über Gott und Welt zu schreiben: "Ich weiß nicht, über was ich genau schreiben soll. Also schreibe ich über alles mögliche." Denn er sah in allem diese überlaufende und -schäumende Fülle, das Werk aus Gottes Händen, das er dem Menschen übertragen hat, um Ihn zu erkennen, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen. An diesem Punkt kann und muss man auch J.R.R. Tolkien erwähnen, wenn er vom Mensch als "Subkreator" sprach, der nach dem Bild seines Schöpfers geschaffen, sich ebenfalls in teils überbordernder Tätigkeit am Werk betätigt, das bis in seine ureigenste Phantasie dringt.

Für mich persönlich war das damals mehr als ansprechend, da ich bisher nur eine teilweise sehr trockene und abgehobene Spiritualität erfahren habe (auch wenn sie versucht sehr Menschlich blieb), aber eben ohne sinnliche Eigenheiten und - man verstehe den Ausdruck nicht falsch - ausschlagende Exzentrizitäten, die über die Erwartungen hinaus gingen und alles an sich ziehen wollte. Und Phantasie war in diesem Fall wirklich ein Tabu (wenn, dann nur in Ausnahmefällen, die dann auch Einzelfälle blieben, über die niemand mehr gesprochen hat), auch wenn zu dem Zeitpunkt gerade die phantastische Literatur und Fantasy bei Erwachsenen mit der Neuverfilmung der Werke J.R.R. Tolkiens und C.S. Lewis´ eine regelrechte Renaissance erlebte. Die Bildersprache ist zwar im gewissen Sinne metaphorisch, durchschlägt aber auf eine seltsame Art und Weise unseren Alltag, um eine tiefere Wirklichkeit freizulegen - was G. K. Chesterton erkannte und auch in seinen Werken anwandte.

Chesterton malt an die weiße Decke Drachenkämpfe, weil in der Welt wirklich Drachenkämpfe stattfinden. Nicht mit Drachen aus Fleisch und Blut, sondern mit geistigen Mächten und Gewalten, die ebenfalls Menschen zerreißen und mit ihrem Atem vergiften können. Und die wir vor allem nicht sehen, aber spüren können.

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