Mittwoch, 4. März 2015

Filmtipp: "Das Bildnis des Dorian Gray"

Die Verfilmung von Oscar Wilde´s Werk "Das Bildnis des Dorian Gray" aus dem Jahre 2009 kann man definitiv als Gegenstück zum derzeitigen "Kinoerfolg" "Fifty Shades of Gray" bezeichnen. Ist das hemmunglose Ausleben von Begierden in "Shades of Grey" die Erlösung des in seiner Kindheit traumatisierten Christian Grey, so führt diese bei Dorian Gray, der ebenfalls in seiner Kindheit von seinem Onkel misshandelt wurde, zur Selbstzerstörung, weil er einer egoistischen Begierde hinterherläuft, die letztendlich seine Sehnsucht nach Liebe, Ansehen und Sicherheit nicht erfüllen kann. Diese ist die wirklich realere von beiden Geschichten.


Anfangs ist Dorian Gray diese Sache noch bewusst, als sein neuer Freund Lord Henry, ein schonungsloser Zyniker und Lebemann, ihm empfiehlt, seine Jugend und sein Ansehen zu nutzen, um sich der Lust hinzugeben - man lebt ja schließlich nur einmal und die Jugend hält nicht für immer. Hat Dorian noch Bedenken wegen dem "was der Seele schadet" (an die Lord Henry nicht einmal glaubt), so wünscht er sich nie endende Jugend, um sein Leben vollkommen auszunutzen. Nachdem der von Dorians jugendlicher Schönheit inspirierte Maler Basil ein Portrait von ihm gemalt hat, schließt Dorian einen Pakt, dass das Bild an seiner Stelle altern soll. Und nicht nur das: Das Bild nimmt alle seine Verletzungen und Krankheiten auf, die von seinem eigenen Körper plötzlich verschwinden.

Anders als in Wilde´s Originalwerk entwickelt sich Dorian erst nach und nach zum Narzisten, denn nun scheinen alle Schranken für ihn offen zu sein: Er kann sich ausleben, ohne zu verschleißen, für diverse Seitensprünge und Affären (deswegen auch erst ab 16 freigegeben) gibt es die High Society, die alles brav unter den Teppich kehrt, weil ja "so ein netter und talentierter Junge zu so was nicht fähig sein kann". Und für den Rest gibt es ja das Geld, mit dem man nette Feiern schmeißen kann - und Polizisten schmieren.

Dies dürften die Parallelen zu "Shades of Gray" sein. Wäre da nicht die eine Sache: Jetzt wo Dorian sein Gewissen an ein Bild übertragen hat, um sich frei und offen ausleben zu können, wird seine Angst immer größer, dass jemand das Portrait und damit all seine Laster sehen könnte. Es verschwindet aus dem repräsentativen Salon auf den un zugänglichen Dachspeicher, wo es immer hässlicher wird und auch bald zu faulen anfängt. Wer trotzdem Fragen stellt und sich nicht abwimmeln lässt, bekommt die Konsequenzen zu spüren. Basil, der sich das Bild für eine Ausstellung ausleihen und schnell erkennt, auf was sich Dorian da eingelassen hat, wird kurzerhand getötet - mit der Scherbe eines Spiegels.
Wie gewohnt geht trotzdem alles scheinbar seinen Gang, außer bei Dorian, der trotz des großen Nutzens eine Angst vor dem unheimlichen Bild entwickelt, die er immer wieder zu verharmlosen sucht, indem er sich (wieder im Unterschied zum Buch) auf eine zwanzig Jahre währende Reise um die Welt begibt, von der er natürlich noch immer jugendlich und frisch zu seinen Freunden nach London zurückkehrt.

Doch die Lage hat sich nicht verändert: Dorians Skrupellosigkeit wurde subtiler, was er auch immer wieder merkt, aber nicht mehr vor sich verharmlosen kann, da er inzwischen unfähig geworden ist, seine eigene Schuld einzugestehen. Wie Franz Mohr aus Schillers "Die Räuber" ist er nicht einmal mehr fähig eine Beichte abzulegen - selbst der Priester bekommt es bei dem scheinbar Verwirrten mit der Angst zu tun.

Daher beschließt Dorian, die einzig vernünftige Sache zu tun, die ihm in den Sinn kommt: Lord Henry´s Tochter zu ehelichen und in Amerika ein neues Leben anzufangen - natürlich mit dem Bild im Gepäck, ohne dass seine Frau davon was mitbekommen soll.

Was auch geklappt hätte, wären Lord Henry selbst - inzwischen nicht mehr der adrette Zyniker, sondern Familienvater - nicht misstrauisch geworden. Schließlich deckt er im Showdown mit Dorian das Geheimnis des Bildes auf und ist selbst schockiert von dem was er da sieht und er selbst Jahre zuvor angestoßen hat. In seiner Panik legt er ein Feuer in Dorians Haus, Dorian selbst stirbt nicht durch die Flammen, sondern beim Versuch, das Bild zu zerstören. Das Bild, das wundersamerweise als eines der wenigen Objekte den Brand überlebt, wird wieder so schön wie frisch gemalt, während Dorians Körper plötzlich altert und von all den Wunden und Syphilisspuren überzogen wird, die ihn schon längst hätten erreichen sollen. Der Leib wird zum Spiegel der Seele. Eine Sache, die nur Henry mitbekommt, während es seine eigene Tochter ihm nicht zu glauben scheint und die biedere High Society wahrscheinlich davon nie etwas mitkriegen wird.

Bewertung: Moralisches Lehrstück in angenehm gespenstischer Gruselatmosphäre. Es wird keine reine Verzweiflung gezeigt, da es immer wieder Lichtblicke und besorgte Freunde für Dorian gibt, denen er sich aber teils aus Egoismus, teils aus Angst, Schwäche zu zeigen, leider verschließt. Wegen diverser Gewalt- und (nicht wirklich expliziter) Sexszenen nur für ältere (ca. 16 Jahre) zu empfehlen. Trotz Veränderung und Erweiterung des Originalwerkes jedenfalls ein Muss für jeden Oscar Wilde-Fan.



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