Freitag, 10. April 2015

Filmtipp: "Die Belagerung" ("September Eleven 1683")

Nach gut zwei Jahren ist es nun endlich so weit: Der in italienisch-polnischer Produktion hergestellte Film "September Eleven 1683" wurde ins Deutsche übersetzt. Ehrlich gesagt habe ich das eigentlich nicht mehr erwartet. Aufmerksam darauf wurde ich erst, als ich mir in der Videothek den niederländisch-tschechischen Horrorfilm "Frankenstein´s Army" (übrigens recht amüsant, wenn auch total splatter) ausgeliehen und mir nebenbei noch ein Heft mit diversen Filmtipps mitgenommen habe, wo davon berichtet worden ist.


Ja, es gab schon einmal einen bestimmten Film über eine Belagerung von türkischer Seite, deswegen habe ich immer noch irgendwie den Eindruck, dass "Die Belagerung" als Reaktion auf "Battle of Empires - Fethi 1453" entstand. Sollte dem so sein, dann handelt es sich bei beiden tatsächlich um Gegenspieler - nicht nur im Hinblick auf den Inhalt (Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen - Verteidigung Wiens gegen die Osmanen), sondern auch im Hinblick auf die Geisteshaltung, die in beiden Filmen vertreten wird.

Bei "Fethi 1453" komme ich einfach nicht drum herum als den Film als "Neo-Osmanismus" zu bezeichnen. Die Hauptfigur Mehmet II. ist eine strahlende Persönlichkeit, hochedel und wird beinahe zum Messias hochstilisiert und jeder türkische Soldat ist hochmotiviert, Konstantinopel zu stürmen. Und zwar so hochmotiviert, dass man sich sogar selbst in die Luft sprengen würde, um sich zu gehen, dass die Lunte an der Sprengladung nicht ausgeht. True Story, ein Tor wer jetzt Böses denkt. Ein zwar (technisch) qualitativ hochwertiger Film, bei dem jedoch sehr viel beschönigt wird und diverse Massaker, die sich historisch ereignet haben, einfach unter den Teppich kehrt. Es hätte mich an der Stelle auch nicht gewundert, wenn am Ende des Film sich Mehmet II. als Erdogan zu erkennen gegeben hätte.

Anders dagegen sieht es bei "Die Belagerung" aus. Seien wir ehrlich: Die Kampfszenen sind im Gegensatz zu anderen Filmen eher ein wenig dürftig, man fragt sich auch mal zwischendrin, warum ein Mönch aus dem 17. Jahrhundert mit dem Kreuzesstab von Johannes Paul II. unterwegs ist. Aber dafür ist der Film viel tiefgründiger, die Figuren sind echter und glaubwürdiger. Taucht bei "Fethi 1453" nur mal so nebenbei das Problem auf, dass Mehmet verzagt, es aber sofort verschwindet, als sein absoluter Siegeswille wieder erwacht, bleibt dies bei "Die Belagerung" der Grundtenor des ganzen Filmes. Beide Parteien haben so ihre Probleme, die sich aber erst nach einiger Zeit herausbilden.

Der zahlenmäßig unterlegene Kaiser Leopold I. versucht die Situation zu verharmlosen und alles wie bisher aristokratisch zu lösen. Was unter anderem darin besteht, dem polnischen König Jan III. Sobieski den Oberbefehl zum Gegenangriff auf die Osmanen zu verweigern - weil er kein gebürdiger Adeliger ist. Auch ansonsten herrscht bei den Wienern und Polen eine ziemlich gedrückte Stimmung, weil scheinbar immer alles daneben geht. Wäre da nicht der Kapuzinermönch Marco d´Aviano, der ihnen nicht mit den Hinweis auf Gottes liebende Vorsehnung unglaublichen Mut verleiht, sondern auch ihre persönlichen Streitigkeiten mit dem Hinweis auf die Gottesebenblidlichkeit eines jeden Menschen und dessen Liebe und Sorge um deren Seele löst, die alle Schranken zwischen Adel und Normalbürger aufhebt. Daneben muss Marco immer wieder dagegen ankämpfen, dass man immer wieder beginnt, auf ihn persönlich zu vertrauen als auf Gott selbst.

Kara Mustafa, der Oberbefehlshaber der Osmanen, strotzt dagegen von Anfang an mit Selbstbewusstsein im Glauben mit einer Armee Wien im Handstreich einnehmen und bis nach Rom weiterziehen zu können als Rache an der Christenheit für die totale Vernichtung der osmanischen Flotte bei Lepanto. Einzige Sorge bereiten ihm die Träume seiner Frau, die darin gesehen hat, dass ein geheimnisvoller Mönch zu Fall bringen wird. Dagegen ermutigt ihn ein Traumdeuter in seiner fatalistischen Glauben vom unbedingten Sieg oder der ungedingten Niederlage: Kara Mustafa soll nicht in der Schlacht fallen. Was er auch nicht tut: Nach der totalen Niederlage, der er nur knapp entfliehen kann, wird er von den Truppen des Sultans zur Verantwortung gezogen und vor seinem eigenen Sohn durch Erdrosseln für sein Versagen hingerichtet. Sein Vertrauen in die eigene Stärke wurde ihm letztendlich zu Verhängnis, da er immer mehr strategische Fehler beging, auf die ihn auch seine Generäle immer wieder hingewiesen haben.

Doch auch für Marco gibt es am Ende nicht das typische Happy End: Seinen besten muslimischen Freund Abu´l , den er immer vor dem Zorn seiner christlichen Mitbürger in Schutz genommen hat und mit dem er auch bezüglich der Unterschiede zwischen Islam und Christentum und der scheinbar unumgänglichen Notwendigkeit des "Heiligen Krieges" immer tiefer gehende Gespräche führte, findet er am Ende tot auf dem Schlachtfeld, weil dieser sich letztendlich doch für eine Teilnahme am Krieg entschieden hat. Marco ist zutief untröstlich über das, was aus seinem Freund geworden ist


Bewertung: Wer wirklich epische Schlachten wie in "300" (wie auf der DVD-Hülle beschrieben) erwartet hat, muss leider enttäuscht werden. Dagegen wird ein historisch korrekter und schöner abendfüllender Film geboten, dessen Diskussionspotential sich nur schwer ausschöpfen lassen wird und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.


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