Mittwoch, 1. April 2015

Mathias von Gersdorf: "Pontius Pilatus: Prototyp des korrupten Opportunisten"



[...] Der Satz „Was ist Wahrheit?“ zeigt aber, daß Pilatus nicht nur schwach war, sondern auch unfähig, sich feste Urteile zu bilden. Er war ein Wendehals, der es demjenigen Recht tat, der den größten Druck ausübte. Weil er unfähig geworden war, die Wahrheit zu erkennen, war er auch nicht mehr fähig, gerecht zu urteilen und zu handeln. Allein die Angst um den Verlust seines Postens war die Richtschnur seines Lebens.

Nach der Geißelung zeigte Pilatus Jesus seinen Anklägern, wohl in der Hoffnung, Mitleid für den Gemarterten zu erzeugen. Dabei sagte er: „Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, daß ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen“ (was er eigentlich bereits mit der Anordnung zur Geißelung getan hatte). Pilatus’ Vorgehen erzeugte aber kein Mitleid, sondern genau das Gegenteil. Die Forderungen nach einer Hinrichtung wurden noch heftiger vorgetragen. Der Evangelist berichtet: „Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher.“

Pilatus verzweifelte zunehmend und versuchte, in einer erneuten Unterredung mit Jesus einen Ausweg zu finden: „Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen“, doch nicht dabei die Sympathie der Kläger verlieren. Deshalb war Pilatus nicht in der Lage, die Ankläger in die Schranken zu weisen. Die Furcht ergriff ihn zusehends. Er verzweifelte geradezu. Doch sein Gewissen verbot ihm immer noch, das Todesurteil auszusprechen.

Seine endgültige Kapitulation kam, als man ihm folgende Drohung entgegenschleuderte: „Wenn du ihn freiläßt, bist du kein Freund des Kaisers“. Was zu Jesu Zeit diese Drohung konkret bedeutete, erklärt Gerhard Kroll: „Was nämlich der Verlust der kaiserlichen Freundschaft bedeutete, das konnte Pilatus aus dem Schicksal seines Amtskollegen, des ägyptischen Statthalters Cornelius Gallus, studieren. Der Kaiser entzog diesem den Ehrentitel seiner Freundschaft, und der Beamte wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Bald aber brach über den Entlassenen eine Flut an Beschuldigungen und Denunziationen herein, die dem abgesetzten Staatsbeamten nur einen Ausweg offenließen: den Selbstmord (Sueton, Augustus 66). Pilatus wußte das alles sehr genau.“ (Gerhard Kroll: Auf den Spuren Jesu, S. 354).
[...]"


Eine kurze Chronologie des moralischen und menschlichen Falls. 

Ein Tor, wer jetzt Böses denkt.


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